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Literatur

24. Juni 2011

Literatur in Ex-Jugoslawien: Der Geist weht frei, aber schwach

 Von Norbert Mappes-Niediek
Nur die Großen der Vorkriegsliteratur – wie Ivo Andric – haben noch Leser in allen Republiken. Foto: getty

Das erfolgreichste kroatische Buch des Jahres 2008 wurde genau 1904 Mal verkauft. Markt kann man das nicht nennen: Zur Lage von Verlagen und Autoren in Ex-Jugoslawien.

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Es könne schon einmal sein, dass etwa eine Buchhandlung in Montenegro zwei oder drei Bücher aus seinem Verlag bestelle, sagt der Zagreber Verleger Nenad Popovic. „Aber für die zwei, drei Bücher verbringe ich dann einen ganzen Tag auf dem Zollamt, um alle Formulare auszufüllen.“

Wenn der Geist zur Ware wird, bleibt der Austausch auch zwölf Jahre nach den letzten Schüssen im früheren Jugoslawien beschränkt. Nicht zur zwischen den Nachfolgestaaten, sondern auch auf den neuen, nationalen Märkten herrscht Funkstille. „Früher“, sagt Popovic, der mit seinem Durieux Verlag etliche Autoren berühmt gemacht hat, „haben wir den Erfolg eines Buches in verkauften Exemplaren gemessen.“ Heute bemisst sich Erfolg an den Ausleihzahlen der Büchereien. Markt kann man das nicht nennen. Publizieren können die Verlage, was gefördert wird. Die Nachfolgestaaten aber haben nicht erst seit der Finanzkrise kaum freie Mittel.

Dabei wäre das frühere Jugoslawien ein potenter literarischer Markt und schon lange wieder zusammengewachsen – ähnlich wie die ex-jugoslawische Filmindustrie, die schon aus Geldmangel auf internationale Koproduktionen setzen muss. Es werde aber wahrscheinlich „mehr geschrieben als gelesen“, meint die kroatische Schriftstellerin Sladjana Bukovac und spielt auf die Flut von Manuskripten an, mit denen die Verlage überspült werden – und die, kein Wunder bei der Wucht der Lebenserfahrung in den turbulenten zwanzig Jahren, meistens Titel tragen wie „Mein Leben“, „Meine Ansichten“, „Mein Tagebuch“. Allein die kroatische literarische Gesellschaft hat zwischen fünf- und sechstausend Mitglieder. Wer dort aufgenommen werden will, muss zwei Bücher publiziert haben, in welcher Form auch immer. „Die Menschen wollen sich ihrer selbst vergewissern“, meint Bukovac. Die Mittel dazu könnten Selbstsuche sein, Aggressionen, religiöse Sekten, merkwürdige Hobbies oder eben die Produktion von Literatur.

Die Versuche nationaler Politiker, zwischen den Lesern Sprachbarrieren aufzubauen, sind allesamt gescheitert. Nach wie vor bilden Serben, Kroaten, Bosnier und Montenegriner eine Sprecher- und mögliche Lesergemeinschaft von 15 bis 16 Millionen Menschen. Übersetzt werden muss nichts, und wenn es doch geschieht, lässt man einfach ein Google-Translate-Programm über den Text laufen, das dann ein paar nationale Reizwörter ersetzt. Ein schlichter Test verrät, wie lächerlich die These ist, die Sprachen hätten sich aufgespalten oder seien nur auf dem Wege dazu: Soll es vom Serbischen ins Kroatische übersetzen, ersetzt Google in zwei Absätzen aus einem Text der Belgrader Politika über den Dichter und Philosophen Dositej Obradovic von 185 Wörtern ganze vier. Bei weiteren acht ändert es leicht die Schreibweise. Bei fiktionalen Texten, wo stilistische Vorlieben eine Rolle spielen, lässt man das Übersetzen gleich ganz bleiben.

Trotzdem wird ein kroatischer Verlag einem serbischen lieber eine Lizenz erteilen, statt seine Bücher direkt in Serbien zu verkaufen – nicht nur wegen des Zolls, sondern auch weil in Serbien billiger produziert werden kann. Entsprechend niedrig sind die nationalen Auflagen, entsprechend hoch die Buchpreise. Das erfolgreichste kroatische Buch 2008, „Nas covjek na terenu“ (Unser Mann im Feld) von Robert Perisic, wurde genau 1904 Mal verkauft. Mazedonien hat zwar eine eigene Sprache, aber kaum eine eigene Buchproduktion. Die wenigen Buchhandlungen sind voller serbischer Bücher, die so gut wie jeder flüssig lesen kann. Nur das reichere Slowenien leistet sich für zwei Millionen Menschen kleine Sprechergemeinschaft eine großzügige Förderung. Sogar Bildbände und Kochbücher werden ins Slowenische übersetzt.

Wo der Geist frei über Grenzen wehen kann, da tut er es: im Feuilleton. Im Belgrader Kritiker Teofil Pancic, der fürs Wochenblatt Vreme (Die Zeit) arbeitet, hat der Literaturbetrieb weiter eine Art gemeinsamen Marcel Reich-Ranicki. Was Pancic lobt, setzt sich durch, auch in Kroatien. Der bosnische Kroate Miljenko Jergovic ist mit seinen Romanen zum länderübergreifenden Star geworden. Auch seine Essays und politischen Wortmeldungen werden überall im Sprachraum rezipiert. Als der kroatische Satiriker Boris Dezulovic aus seinem nationalen Schriftstellerverband austrat, begründete er seinen Schritt im serbischen Internet-Portal E-novine. Auf die Idee, ihn deshalb des Landesverrats zu bezichtigen, ist schon niemand mehr gekommen.

Am Fluss der Rezeption lässt sich ablesen, was an den Gegensätzen der Kriegsjahre nur politisch und was kulturell unterfüttert war, was wieder zusammenwächst und was getrennt bleibt. So ist es weit leichter, in Serbien einen kroatischen Autor bekannt zu machen als umgekehrt – die Abwendung von allem Östlichen, Balkanischen geht in Kroatien tief. Leser in allen Republiken haben noch die Größen des Vorkriegsbetriebs, die Kroatinnen Slavenka Drakulic und Dubravka Ugresic, der Serbe Bora Cosic, der Montenegriner Mirko Kovac, die Bosnier Dzevad Karahasan, Zeljko Ivankovic und Semezdin Mehmedinovic. Die Klassiker, sagt Popovic, Autoren wie der jugoslawische Nobelpreisträger Ivo Andric, wie Danilo Kis und Miroslav Krleza, „gelten ohnehin als gemeinsames Erbe“.

Politisch mag die neue Gemeinsamkeit im ex-jugoslawischen Geistesleben erfreulich sein; literarisch ist sie es nicht unbedingt. Zwar gibt es keine nationalen Dichterfürsten mehr, die mit jedem Wort ihr Volk repräsentieren. Aber die Kinder des Krieges gehen vorsichtig miteinander um. Jergovic gefällt in Serbien vor allem, wenn er nett schreibt. Seine Kriegsnovelle „Sarajevski Marlboro“ verkauft sich weit schlechter. Für ihren neuen Roman „Rod avetnjaka“ (Das Geschlecht der Gespenster) fürchtet Sladjana Bukovac Ähnliches. „Hartes über den Krieg wird nicht so gerne gelesen“, sagt sie.

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