Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

11. Oktober 2013

Literatur-Nobelpreis 2013: Das sanfte Leuchten

 Von 
Literatur-Nobelpreis 2013: Alice Munro, die Meisterin der Short Story, wird für ihr literarisches Talent belohnt.  Foto: REUTERS

Die Stillen unterschätzt man leicht, deswegen hatte sie niemand auf der Rechnung. Dass die Kanadierin Alice Munro den Literaturnobelpreis 2013 erhält, ist eine hundertprozentig literarische und nicht, wie so oft zuvor, eine politische Entscheidung.

Drucken per Mail
Bücher

Das Werk von Alice Munro ist auf Deutsch bei S. Fischer erschienen, zum Teil bei Dörlemann. Eine Auswahl:

Tanz der seligen Geister. Fünfzehn Erzählungen (1968, deutsch 2010).

Was ich dir schon immer sagen wollte. Dreizehn Erzählungen (1974, dt. 2012).

Kleine Aussichten. Ein Roman von Mädchen und Frauen (1971, dt. 1983).

Die Jupitermonde. Erzählungen (1982, dt. 1986).

Der Mond über der Eisbahn. Liebesgeschichten (1986, dt. 1989).

Himmel und Hölle. Neun Erzählungen (2001, dt. 2004).

Wozu wollen Sie das wissen? Elf Erzählungen (2006, dt. 2008).

Zu viel Glück. Zehn Erzählungen (2009, dt. 2011).

Dear Life. Stories (2012).

Die Stillen unterschätzt man leicht. Immer wieder wurde die Kanadierin Alice Munro als Anwärterin für den Literaturnobelpreis genannt, aber so richtig daran geglaubt, dass sie ihn früher oder später bekommen würde, bekommen muss, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, hat außer ihrem US-amerikanischen Schriftstellerkollegen Jonathan Franzen, der das offenbar seit Jahren gebetsmühlenartig prophezeit, kaum jemand. Eher hätte man auf ihre forschere Landsfrau Margaret Atwood getippt. Eher hätte man gedacht, wenn schon Nordamerika, dann Philip Roth. Alice Munro wurde genannt, ja, denn ihr Können ließ sich nicht einfach übersehen, aber sie wurde doch nie an erster Stelle genannt.

Denn sie ist „nur“ eine Meisterin der kleinen Form, der Short Story. Und sie kommt nicht aus einem der wirtschaftlich potenten und kulturell wuseligen Zentren und schreibt auch über kein solches. Sie schreibt über das Land, das ländliche Ontario vor allem, seinen weltabgewandten Rand und seine unauffälligen Menschen, seine Alltäglichkeiten und seine Normalitäten. Und sie tut es mit unvergleichlichem Understatement – und unvergleichlicher Eleganz.

Mit dem Votum für Alice Munro ist der Literaturnobelpreis des Jahres 2013 hundertprozentig eine literarische und nicht, wie so oft schon, eine politische Entscheidung. Das darf man loben.

Alice Munro ist eine Meisterin der kleinen Form (obwohl sie in ihren Sammlungen stets mehrere Stories zum stimmigen Reigen fügt) – und was für eine! In den ersten Jahren, vielleicht Jahrzehnten sogar ihres Schreibens, so hat sie zugegeben, hat sie durchaus Anlauf genommen zum großen Roman. Irgendwann muss sie dann erkannt haben, dass die Kurzgeschichte die ihr gemäße Form ist und nicht nur vom Zeitdruck einer jungen Mutter erzwungen. Da traf es sich auch gut, dass die Short Story im angelsächsischen Sprachraum ein höheres Ansehen hat und eine größere Selbstverständlichkeit ist als zum Beispiel im deutschen. Und dass es dort immer noch Magazine gibt, allen voran „The New Yorker“, die in jeder Ausgabe Platz und Mittel dafür haben. Der „New Yorker“ hat sie früh gedruckt, man hat dort ein beeindruckendes Gespür für große Talente.

Alice Munro, um einen weiteren ihrer oft genannten Nobelpreis-Konkurrenten anzuführen, schreibt kein bisschen mit Pynchon’schem Sprach-Aplomb. Sie hat keine Marotten, sei dreht keine Locken und protzt nicht mit Vokabeln, von denen noch kein Mensch je gehört hat. Man ist in Versuchung anzunehmen, dass ihr Stil, ihre Zurückhaltung nicht zuletzt etwas damit zu tun haben, wo und wie die 1931 Geborene aufgewachsen ist: Weitgehend ohne Ablenkung und Annehmlichkeiten, mit Büchern zwar (Gott sei Dank), aber in einer Familie, die sich eigentlich nichts leisten konnte (vermutlich auch die Bücher nicht): Der Vater züchtete Füchse, ihres Pelzes wegen, und Truthähne. Die Mutter erkrankte früh an Parkinson.

Nehm dich nicht so wichtig, hieß die Devise, sie galt vor allem für Mädchen. Und doppelt für Mädchen, die künstlerische Flausen im Kopf hatten. In ihrer Gegend, so hat Alice Munro es in einem Interview hübsch formuliert, sagte man als Antwort auf die entsprechende Frage nicht: Mir geht es gut. Sondern: Mir geht es nicht allzu schlecht.

Zwischen den Zeilen muss man bei Alice Munro also allemal lesen, zu lesen verstehen. Schärfe lässt sie sparsam, manchmal gänzlich unerwartet aufblitzen. Ihre Ironie ist eine feine, nie trägt sie dick auf. Aber nie sollte man auch den Fehler machen, ihre sprachliche Geradlinigkeit und Uneitelkeit als Schlichtheit abzutun. Sie setzt Tupfen, aber sie setzt eben genau die Tupfen, aus denen glaubwürdige, komplexe Figuren geformt sind.

Der biografische Hintergrund schimmert durch in diesen Geschichten, nicht nur in der von ihr selbst vorsichtig als autobiografisch enthüllten Sammlung „The View from Castle Rock“ (dt. „Wozu wollen Sie das wissen?“). Munros Familie, sie war eine geborene Alice Ann Laidlaw, kam aus Schottland nach Kanada. Es muss eine mühsame Ansiedlung auf kargem Land gefolgt sein. Und für die Frauen vielleicht noch mühsamer als für die Männer, mussten sie doch die Pennies zusammenhalten.

„Lives of Girls and Women“ (dt. „Kleine Aussichten“) heißt programmatisch bereits ihre zweite Short-Story-Sammlung von 1971. In den meisten ihrer Geschichten sind es die Frauen, deren Perspektive sie einnimmt, aus deren kleinem, unbedeutendem aber deswegen für die Leserin (vielleicht auch den Leser?) desto besser wiedererkennbarem Leben sie erzählt.

Sie sehnen sich nach Männern, sie leiden unter den Männern. Sie werden im Job schlecht bezahlt (haben die schlechten Jobs), sie haben Sex, der sich nicht so richtig lohnt. Apropos Sex: Alice Munro gehört zu den raren Autoren, die wahrheitsscharf und peinlichkeitsfrei darüber schreiben können. Man nehme nur einmal diese Passage aus der Erzählung „Gedenken“ (aus: „Was ich dir schon immer sagen wollte“): „Die Wiederholung ihres Namens war alles, was er an Sprache herausbrachte. Das war ihr schon öfter passiert. Was meinte Ewart mit diesem Namen, was bedeutet ihm Eileen? Frauen müssen sich das fragen. Nicht allzu bequem auf einen Autositz niedergedrückt – ein Bein angewinkelt und auf die Lehne geklemmt, von einem Krampf bedroht –, lauern sie immer noch auf Hinweise, merken sich alles eilig, um es später zu bedenken. Sie müssen glauben, dass mehr vor sich geht, als vorzugehen scheint; das ist ein Teil des Problems.“

Bei Alice Munro jedoch, der großen Menschenkennerin, aber eben auch großen Stilistin, geht tatsächlich immer mehr vor sich. Schicht um Schicht enthüllen sich die Geschichten hinter der Geschichte. Sie deutet an, und tut es so, dass es einem trotz der Dezenz der Formulierungen und Geschehnisse ans Herz greift. „Leuchtend“ hat die Schriftstellerin Antonia S. Byatt die Stories ihrer Kollegin in einer Rezension genannt, und das trifft es wunderbar. Es ist ein Leuchten von innen heraus, ein sanftes Glühen gewissermaßen.

Den Figuren zugeneigt

Das schließt ein: Alice Munro ist zwar eine ziemlich unerbittliche, richtiger wäre: unbestechliche Erzählerin, aber auch eine ihren Figuren letztlich zugeneigte. Unbestechlich bei der Präzision, mit der sie entlarvende Details einstreut, mit der sie soziale Prägungen und seelische Befindlichkeiten erfasst. Zugeneigt, weil sie auch ihre weniger sympathischen Figuren nicht karikiert und schon gar nicht verurteilt. Immer schwingt ein So-ist-eben-das-Leben mit, ein tiefes Verständnis.

Aus dem Abseits der Literaturszene, der Aufgeregtheiten dieser Szene auch, kommt diese Autorin: Das ist allemal auch ein Zeichen der schwedischen Nobelpreis-Juroren. In der persönlichen Begegnung muss Alice Munro sein wie ihre Erzählungen: bescheiden, still, leicht zu unterschätzen. Aber wie sie einen dann hineinzieht in jede ihrer Geschichten, wie man sofort involviert, fasziniert, in erheblicher Tiefe ist.

Schon mehrfach, kürzlich erst mit allem Ernst noch einmal hat Alice Munro versichert, sie wolle nicht mehr schreiben. Punkt. Das wäre schade, denn man meint, sie müsste es noch können. Andererseits hat sie über die Jahre, seit 1968, ein so vollendetes Werk vorgelegt, dass man sie dahinter auch keinen Millimeter zurückfallen sehen möchte. Aber vielleicht überlegt sie sich die Sache noch einmal, jetzt, da sie als alte Dame noch so wunderbar geehrt wird. Im Stillen hofft man es.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige