Die Katastrophe liegt jahrzehntelang zurück, aber über dem Hof der niederländischen Familie Kaan scheint immer noch ein Bann zu liegen. Die Altbäuerin Anna hat sich gerade wieder einmal unerreichbar auf den Heuboden zurückgezogen, um Eierlikör zu trinken und den Zorn auf ihre Familie zu pflegen. Dieke, ihre fünfjährige Enkelin, versteht nicht, warum ihre beiden Onkel Jan und Johann angereist sind.
Die Katastrophe liegt jahrzehntelang zurück, aber Anna denkt immer noch an einen Tag im Sommer 1969, als Königin Juliane das Dorf besuchte: Fähnchen wurden geschwenkt. Annas kleiner Sohn Jan war beleidigt, weil er nicht ausersehen war, der Regentin Blumen zu überreichen. Und ihre zweijährige Tochter Hanna kam unter das Auto des Dorfbäckers.
Zum Jahrestag ihres Todes machen sich ihre Brüder wieder einmal an die Grabpflege, gegen den Willen der Mutter. Die Vergangenheit, das ist kein Ort, den man besuchen kann, und doch bestimmt sie auf existentielle Weise die gesamte Familie.
Der 1962 geborene Schriftsteller Gerbrand Bakker wurde durch den Roman "Oben ist es still" bekannt, der sofort mehrfach übersetzt wurde und derzeit verfilmt wird. Der neue Roman "Juni" ist inhaltlich und atmosphärisch verwandt mit seinem Vorgänger: Auch hier findet man eigenwillige, sture Charaktere in einer abgelegenen Gegend; man liest von Schuldgefühlen und Schuld, von Schicksal oder Verhängnis - dieses Muster könnte zum Klischee verkommen. Aber "Juni" ist ein subtil konstruierter, feingesponnener Roman, der in einer klaren, lakonischen Sprache geschrieben wurde, und der dem Leser immer neue Türen in die Seelenzustände der Figuren öffnet.
Bakker stellt keine Chronologie dramatischer Ereignisse her, die schließlich in die Katastrophe münden. Der Roman inszeniert vielmehr den brüchigen und nie vollständigen Prozess des Erinnerns. Anna, ihre Söhne Klaas, Johann und Jan, auch der Dorfbäcker und einige andere Bewohner des Ortes sind weder redselig noch sprachgewandt. Das innere Monologisieren und die bemerkenswert schroffen Dialoge setzen an, schweifen ziellos, brechen ab. Die Leute scheinen sich mit Nebensächlichkeiten zu beschäftigen, die aber allmählich größte emotionale Bedeutung gewinnen. So findet Dieke in einem heruntergefallenen Blumentopf einen Ring, zu groß für einen Finger. Ein Schatz. Der Ring gehörte zu einem Stoffbild, das über dem Bett der kleinen Hanna hing, Johann wollte ihn der Schwester schenken und versteckte ihn nach ihrem Tod im Blumentopf.
Seit Johann einen Motorradunfall hatte, stimmt etwas in seinem Kopf nicht, er stottert und stammelt - aber in sein Gedächtnis ist noch ein Satz aus dem Sommer ´69 eingeritzt: "One small step for man das ist Englisch! Ich se-eh es noch vor mir. Jemand war auf dem Mo-ond!" Sein Bruder Jan denkt an Schulfreund Teun, der ihn an der Hand hielt, bei dem er weinte, den er liebte - und ihm fällt ein, wie oft er selbst nicht starb; nicht beim Sturz vom Heuboden, nicht bei anderen Unfällen. In dem wiederholten "aber er starb nicht" liegt kein Überlebensglück, sondern die Rat- und Trostlosigkeit, die der Tod bei den Hinterbliebenen auslöst.
Gerbrand Bakkers Kunst liegt im Angedeuteten. Die in sich eingeschlossene Figuren sagen nicht, wir sind unheilbar verletzt - es wird in ihren oft destruktiven Handlungen deutlich, in den Erinnerungsfetzen, die sie begleiten. Auch die Perspektive der fünfjährigen Dieke findet Ausdruck. Es gehört zum Schwierigsten, ein Kind darzustellen und sprechen zu lassen, ohne in einen gefälligen, gekünstelten Ton zu verfallen - aber auch das gelingt, ebenso wie die unprätentiöse Schilderung der Homosexualität von Jan.
"Juni" spielt in der Gegenwart, was allerdings nur selten deutlich wird, etwa in der beiläufigen Erwähnung von Handy und Internet. Das ist kein Einwand gegen dieses Buch. Bakker interessiert sich für Empfindungen, die sich zwar kulturell unterschiedlich ausdrücken, im Grunde aber zeitlos und universal sind.
"Juni" ist keine einfache Lektüre: Der Leser wird mit Fragmenten konfrontiert; er bewegt sich durch emotionale Trümmerlandschaften. So etwas wie Versöhnung würde man vergeblich suchen. Vielmehr deutet sich an, dass Anna stirbt und Klaas den Hof aufgeben wird. Und doch ist "Juni" ein Roman, in dem es gelegentlich aufleuchtet. Die Dorf- und Landschaftsbeschreibungen vermitteln dem Leser eine sinnliche Vorstellung von der Umgebung, und die pointierten Dialoge sind voll von sprödem Humor. Bakkers sperrige Gestalten haben etwas Unbändiges, Anarchistisches an sich. Sie wissen nicht nur, wer und was ihnen fehlt, sie kennen auch vielfältige Sehnsüchte, und manchmal erfüllen sie sich ihre mehr oder weniger verbotene Wünsche.
Die Katastrophe liegt jahrzehntelang zurück. Jetzt kann man den Angehörigen nicht mehr viel nehmen, und das macht sie auf eigenartige Weise frei. Bakkers Figuren sind Nachfolger des Sisyphos von Albert Camus. Ihr Schicksal gehört ihnen. Camus nannte das eine "verschwiegene Freude".