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Literatur

04. Dezember 2012

Literatur über Mittelalter: Das Mittelalter hat es nicht gegeben

 Von Dirk Pilz
Das Mittelalter hat eine eigene Faszination und so haben Ritterspiele weltweit Konjunktur. Foto: Rolf Oeser

Zwei Bücher über eine nicht mehr so dunkle Epoche: Franco Cardini entwirft einen neuen, bunten Begriff vom Mittelalter, Winfried Wilhelmy zeigt in einem Aufsatzband die Kontroverse um das Lachen, Lächeln und Gelächter nachzulesen, die bereits im Mittelalter geführt wurde.

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Das Mittelalter hat es nicht gegeben. Bereits das Wort ist unsinnig. Franco Cardini, einer der führenden Historiker für die Zeit zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert, wohnhaft in Florenz, sagt: Wer immer das Wort erfunden haben mag, hat eine Nicht-Definition geliefert. Das Mittelalter ist weder eine in sich geschlossene Epoche noch des Übergangs von der Antike zur Moderne. Er hat vollkommen recht: Das einheitliche Mittelalter ist eine Phantasie. Allerdings mit Gründen.

Denn vor allem die Romantiker erfanden sich im 18. Jahrhundert nicht nur ein dunkles, fernes Mittelalter, um ihre Schauermärchendunkelfantasien daran zu entzünden, sondern um einen radikalen Bruch zu schaffen: dort Dunkelheit, hier Helle. Dieses Denkmuster war enorm erfolgreich. Noch heute herrscht die Vorstellung vor, die Menschen des Mittelalters seien arme Wesen in den Fängen von Kirche und Gottesglaubens, noch unerlöst durch die Gaben der Aufklärung, noch fern jeden eigenständigen Denkens.

Die Aufklärung als Erlösung aus dunklen Mächten, das Mittelalter als Gefangenschaft – dieses Denken hat sich gerade die Moderne zu eigen gemacht. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis, sich als Neuanfang zu setzen; bereits dieses seltsam tautologische Wort „Neuanfang“ verrät dieses Selbstnobilitierung der Moderne. Sie begreift sich, gerade gegenüber dem Mittelalter, als Höherentwicklung, und sie sieht sich als Sieger der Geschichte.

Mittelalter studieren - Moderne begreifen

Es ist beides falsch, auch wenn viele das nicht so gern wahrhaben wollen, weil der schöne Selbstbetrug der Moderne damit auffliegt. Die Beschäftigung mit dem Mittelalter lohnt aber nicht nur, um Genaueres über diese Epoche zu erfahren, sondern eben genauso, um die Moderne zu begreifen. Aufklärung zum Beispiel hat es, natürlich, auch im Mittelalter gegeben, wenn auch nicht in jener Form des 18. Jahrhunderts, die heute mit dem Begriff verbunden wird. Und jene kompakte, in sich geschlossene Glaubenswelt, die nach wie vor fälschlich unter dem Begriff Mittelalter gehandelt wird, hat es – nicht gegeben.

Das lässt sich jetzt sehr schön aus dem jüngsten Buch von Franco Cardini ersehen. Er weist nicht nur darauf hin, dass das Mittelalter ein „vieldeutiger, bunt gemischter Gegenstand“ ist, er entwirft seinen Begriff vom Mittelalter vor allem anhand verschiedener thematischer Bereiche, in denen man jeweils verschiedene Mittelalter findet. Die Bauern, die Wissenschaft, die Kunst, die Feste, die Kirche – das Mittelalter erweist sich in diesem hervorragenden Band, versehen mit vielen hilfreichen Abbildungen, als ein Zeitalter einander widerstrebender Menschen-, Welt- und Gottesbilder.

Je genauer man hinschaut, desto größer werden die Widersprüche. Das lässt sich besonders gut anhand der Vorstellungen vom Lachen studieren. In einem von Winfried Wilhelmy herausgegebenen, ebenso schön illustrierten Aufsatzband ist jene Kontroverse um das Lachen, Lächeln und Gelächter nachzulesen, die bereits im Mittelalter geführt wurde. Nur sechs Mal berichtet die Bibel von einem fröhlichen Lachen, aber 27 Mal von verächtlichem Gelächter – ist das Christentum deshalb eine freudlose, vielleicht sogar lachfeindliche Religion? Das war eine der Fragen, über die sich Theologie und Philosophie damals stritten. Sie ist bis heute unbeantwortet.

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