Diese Geschichten eines Jahres kommen aus dem unerschöpflichen Sagenschatz der Säufer, Zocker und Loser. Und alle Wahrscheinlichkeiten, jede Wirklichkeit "flatterhaften Glücks" gelten auch für die Legenden der Mörder und Amokläufer, sie haben Vorläufer und sind nicht nur Teil der Parallelwelt heißgelaufener Medien, sondern längst in die Galaxien absatzstarker Computerspiele eingespeist: Winnenden für jedermann als German Amok.
Clemens Meyer liefert epische Feuergefechte, unerschrocken, unerbittlich, illusionslos. Man kann an ihnen schön erschauern. Diese Stories erwarten kein Verständnis, aber sie suchen doch - versteckt oder offen - immer irgendeinen letzten Sinn. Und sei es für den frühen Verlust eines nahen Freundes oder das Sterben des geliebten Hundes, das sich schon durch das zweite Buch zieht. "Eine Axt ist eine Axt und eine Rose ist eine Rose".
Clemens Meyer weiß als realistischer Selbstversorger, dass alles, was sich als eine geschlossene Geschichte erzählen lässt, nicht nur eine Zuspitzung in sich tragen muss, sondern auch das Wiedererkennbare bis hin zum Klischee. Auf Wirkung verzichten: das wäre ja der Tod. Rennbahn, Spielbank oder Puff, man "halte das Glas und die Zigarette in einer Hand, wie ich das mal bei Humphrey Bogart gesehen habe". Der erzählerische Sattelplatz bleibt die lebensgetränkte Erde seiner sächsischen Heimat. Die Rennbahn Scheibenholz, die Bar Brick´s, das Bordell Bockmühle - "manchmal sind das die einzigen Orte, wo ich sicher bin". Auch wenn sich die gespürte Kraft der Schläge im eigenen Leben zeigt, bleibt man selbst in der Ausnüchterungszelle sicher bis cool, was nichts anderes heißt als widerständig.
Anders verhält es sich mit Murat Kurnaz und Guantánamo, dem Amoklauf von Winnenden und dem Leipziger Mordfall Michelle. Hier zeigt Meyer eine Fallneugier, die von der Seite kommt und in der Vieldeutigkeit der Motive die ganze Last der Wahrheit erkennen will. Sich steigern zu können, ist für Schriftsteller nicht selbstverständlich. Aber hier muss gesagt werden, dass diese Geschichten Clemens Meyers beste Prosa sind. In der Erzählung "Im Bernstein" camoufliert sich ein Redakteur mit der halben Filmgeschichte, als er dem Ich-Erzähler einen Auftrag für ein Drehbuch zum Fall Kurnaz anträgt. Der Autor wiederum weiß, dass die Erfahrung an Ohnmacht und Demütigung einer nächtlichen Zwangsbehandlung für die Dimension dieses Stoffes nicht ausreicht und öffnet seinerseits ein Paralleluniversum an Filmbildung. Clemens Meyer tritt aus dem selbstgelebten Realismus. Er assoziiert, verknüpft offene Enden, befreit sich und seinen Stoff. Dann ist er plötzlich mitten in den Käfigszenen des Films "The Deer Hunter", in seinem Geburtsjahr 1977 gedreht. Dieser Film und "Es war einmal in Amerika" sei schon ein Gerüst für den Roman "Als wir träumten" gewesen, mit dem vor vier Jahren der Durchbruch kam und Meyer die Leipziger Literaturinstituts-Literatur weit hinter sich ließ.
Jetzt ist vieles anders. Mit German Amok kann sich jeder Bildschirm in ein Winnenden verwandeln. Ein infames Spiel, bis hin zu dem Zynismus, der den 11. März von Winnenden zu einem Wochenende erklärt, an dem schulfrei sei. Auch wenn man die eigene Mutter erschießen möchte, kommt ein "Game over". Aber es gilt als ausgemacht, Bildschirm-Potatoes glauben an Leichen, an einen "Bodycount" - es nützt nichts, ihnen etwas vom Leben erzählen zu wollen. Gewaltphantasien als Abgeltung für ein schäbiges Leben. Hier setzt Meyer an, sein Ich-Erzähler tourt als gedemütigter Killer durch die virtuellen Schulen, und es gelingt ein inverser Vorführeffekt des Grauens.
Zum Mordfall Michelle hat der Erzähler die Gerichtsverhandlung besucht und versucht, dem jugendlich-verhockten und behinderten Täter, der eine Achtjährige missbrauchte und ermordete, das Frankenstein-Bild der Medien und der Volksseele zu nehmen. Alles geschah in der früheren Nachbarschaft des Erzählers, dieselbe Straße und Schule. Ihm stockt der Atem. Eigene erotische Versuchungen sollen die Distanz nehmen, aber der Voyeurismus beim Schulmädchensport bleibt so harmlos, dass es auch erzählerisch nicht weiter hilft. "Ich lege, auch ganz vorsichtig, zwei Fingerspitzen auf deine Schulter. Die zuckt" Sprachunmündig bleibt der Täter.
Anders der früh an Krebs verstorbene Freund Big Boy, seine Stimme verfolgt den Erzähler noch lange nach dem frühen Tod. Er war nicht zur Stelle, als er gebraucht wurde. Der eine macht als Schriftsteller Karriere, der andere stirbt mit 32 Jahren an Krebs. Als wollte der Vorausgegangene sagen: Nimm dir von meinem Unglück. "Gravitationsstrudel" nennt Meyer das nach Stanislaw Lem. In der kleinen Bar auf dem Leipziger Hauptbahnhof, wo sich die Toten treffen, auch Michelle sitzt dort mit Freundin, hallt es dann: "Mister Meyer, ach, nur ein einziges kleines Gedicht." Der Freund bekommt großes Erzählstück: "Auf der Suche nach dem sächsischen Bergland".
Aber es gibt auch noch anderen Idealismus: Auf der Rennbahn oder am Roulette-Tisch länger zu zocken, als die Lage es erlaubt. Es gilt, die Gewalten dieses Chaos, wenn schon nicht zu beherrschen, so doch zu erkennen. Auf den Rennbahnen Scheibenholz, Passendorfer Wiesen, Herrenkrug, Hoppegarten - warum nicht Gotha, die schönste des Ostens? - hat sich eine Zonen-Zocker-Kultur erhalten, die an die Beherrschbarkeit von Zufall und Zahl glaubt. In dem Story-Band "Die Nacht, die Lichter" hat Clemens Meyer sie vor zwei Jahren ohnegleichen aufziehen lassen. "Die Zahlen sind die gefährlichsten aller Gifte", wird der Erzähler jetzt in der Spielbank von Hannover erkennen, wo er das Spielerglück des Großvaters einzuholen versucht. Und wenn die Huren sich ihr künftiges Leben nur mit einem Pferd vorstellen können, ist das für ihn eine schöne Beschwichtigung.
"Das ist das Leben, aber nicht unseres", sagt der Arzt im Raumschiff Enterprise zum Commander. Aber von diesem anderen Leben kann man selten eindringlicher lesen.