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Literatur

16. März 2016

Literaturblogs: Mit innerem Mummpitzometer

 Von Sabine Vogel
Den Moment entscheiden lassen – oder im Web nachlesen?  Foto: epd

Zu wenig Buchrezensionen? Zu wenig Literaturkritik? Ein Blick in die weite Welt der Literaturblogs.

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Nein, das wird hier keine kulturpessimistische Litanei über den Niedergang der Literaturkritik im Zeitalter der digitalen Transformation. Im Gegenteil, um festzustellen, dass die klassische Literaturrezension weder qualitativ noch quantitativ verkümmert, genügt ein Blick ins Netz. Die Millionen Bewertungen bei Amazon lassen wir getrost beiseite, obwohl selbst da nicht nur Gefälligkeiten drin stehen. In der Wildnis des World Wide Web haben sich inzwischen individuelle Formate entwickelt, auf denen der guten alten Buchrezension gehuldigt wird.

1108 Buchblogs hat der Buchblogger und „Softwaregeek“ Tobias Zeising derzeit auf seiner Seite „Lesestunden.de“ gelistet, auf „bloggerei.de“ sind es 400, die Literaturagentin „SteglitzMind“ stellt unzählige bibliophile Blogs in Kurzinterviews vor, der „Kaffeehaussitzer“ empfiehlt ein paar Dutzend Lieblingsblogs von „aus.gelesen“ über „Buchguerilla“ bis „Zeilensprünge“, und bei fast jedem Blog gelangt man über eine Leiste zu anderen Buchbloggern. Vernetzung und Austausch gehören zum Selbstverständnis.

Professionell im Sinn eines Berufs- und Erwerbsbegriffs ist fast keines der Blogs. Im Gegenteil, die Literaturblogs insistieren auf ihrer kommerziellen Unabhängigkeit, und stellen die radikale Subjektivität ihrer Buchauswahl und Geschmacksurteile heraus. Die großen Verlage haben das Werbepotenzial der Literaturblogger erkannt, das zeigt ein Portal von Random House, auf dem sich Buchblogger anmelden können, um Rezensionsexemplare zu bestellen. Der Carlsen Verlag umwirbt Blogger als Multiplikatoren, besonders im Fantasygenre, und kürt den Blogger des Monats. Eine Ehrung besonderer Art erhielt Mr. Rail, der Betreiber von „AstroLibrium“: Der „Berufsoffizier im Sanitätsdienst“ wurde vergangenes Jahr zur Mitarbeit beim Blog der Leipziger Buchmesse eingeladen.

Was die Blogger auszeichnet, ist ihre Leidenschaft fürs Lesen und der Wunsch, dies anderen mitzuteilen oder mit anderen zu teilen. Ulrike Sokul etwa hat den Grünen Gürtel in Jiu Jitsu und den grünen Daumen beim Gärtnern, lebt in Solingen und möchte in ihrem Blog „vor allem Bücher loben und bejubeln“. Für Verrisse ist ihr und den meisten Freizeitrezensenten die Zeit zu schade. Und auf vergleichende Literaturwissenschaft hat auch keiner Lust. Formale Analysen von Stil und Aufbau oder Kanon-Einordnung gehören nicht zu den vorrangigen Kategorien. Worum geht es, wie finde ich’s? Diese Informationen, vorgetragen im Ton einer Freundin, genügen ja auch meist als Entscheidungshilfe, ein Buch lesen zu wollen oder nicht.

Einer der ganz wenigen Blogs, der sich finanziell trägt, ist Brain Pickings Weekly der 32-jährigen Maria Popova aus New York. Aus einer 2006 gestarteten wöchentlichen Mail an Freunde entwickelte sich der Einfraubetrieb – Kennzeichen fast aller Blogs – zu einem sonntäglichen Newsletter. Optisch erinnert er ein wenig an das Magazin „New Yorker“. Eine ausführliche, mit langen Zitaten durchsetzte Hauptrezension zu aktuellen oder alten Titeln und lebensweltlichen Themen (Liebe, Tod, Schlaflosigkeit, Kinder) wird ergänzt durch Kurzberichte, Randkolumnen und natürlich ein Archiv von A bis Z. Ein lustiges Gadget ist die literarische Jukebox mit swingenden Literaturzitaten. Seit 2012 ist Brain Pickings auf den Webseiten der Congress Library integriert. Das Blog ist anzeigenfrei, um der über allem stehenden Unabhängigkeit willen. Allerdings läuft jede vom Blog aus getätigte Buchbestellung über Amazon, und von dort fällt dann ein Groschen an die Blogbetreiberin zurück.

Die Macherin selbst stellt sich mit einem gezeichnetem Porträt vor. Überhaupt ist bei den Literaturbloggerinnen eine überproportionale Selfie-Verweigerung auszumachen: Karikaturen, Kinderfotos, Kopfausschnitte, was abstraktes oder gleich gar kein Bild. Bei den männlichen Buchbloggern ist das anders. Die zeigen sich gerne als Kopf mit Brille, Bart auch.

Im Gegensatz zum Erfolgs-Modell aus den USA kommen deutsche Literaturblogs optisch bescheidener daher. Sehr beliebt als „Header“, das fotografische Motto des Blogs, sind Fotos von ledergebundenen Buchrücken. Wie in einem gut sortierten Buchladen stehen etwa in Ulrike Sokuls Blog „Leselebenszeichen“ darunter die Knöpfe für Autoren A-Z und Titel A-Z. Im Seitenstreifen kann man durch Kategorien von „Abschweifung“ bis „Zwischen den Jahren“ scrollen. Im entspannten Leserhythmus von ein bis zwei Wochen blogpostet sie kenntnisreich geschriebene Rezensionen zu Neuerscheinungen der Saison.

Dass sich das manchmal etwas buchhändlerisch liest, liegt daran, dass sie eine ist: „Sie wissen schon: Diese akut vom Aussterben bedrohte altmodische Berufsgattung, die mit großem Idealismus für kleines Geld arbeitet.“ Ihren „Leseeinladungen“ folgen derzeit 435 Personen, mit denen sie ein munteres Kommentarpingpong unterhält.

In der Rubrik „Buchbestechung“ dankt sie Verlagen für Besprechungsexemplare, 48 stehen da, mit Links zu ihrem Programm. Fischer, Rowohlt, Suhrkamp fehlen, was nicht heißt, dass von denen keine Bücher auftauchen. Die leiht sie sich in ihrer Lieblingsbuchhandlung (Link). Ganz unten erklärt sie (Link) woher sie ihren Strom bezieht. Im Dunkeln liest sich’s schlecht.

Von einer Buchhändlerin wird auch der Sachbuchblog „elementares lesen“ geführt. Petra Wiermann pflügt sich seit Jahren durch die neuesten Bücher. Bei ihr findet man schon mal, dass ein Werk als „etwas oberflächlich“ abgekanzelt wird.

Das Zitierhandwerk beherrschen so gut wie alle Literaturblogger, aber Kritik oder akademische Analyse sind nicht ihr primäres Anliegen. Ihre Qualität ist Empathie und Authentizität. „Alles selbst gelesen“ schreibt Jarg und hat dafür in fünf Jahren 1000 Follower eingesammelt. Unter Hast („am Anfang mehrere am Tag“) leiden auch die Rezensionen des „Berufsverleihers“.

Freier, anarchischer und mit individuellem Sound spielt „Drittgedanke“ mit der klassischen Buchrezension. Bloggerin Sonja Grebe aus Hannover mischt ihre Buchbesprechungen mit Filmschnipseln, Fotos und dem Leser besonders ans Herz gelegten Musikclips. Dazwischen stehen schräge Berichte über ihre Selbstversuche mit therapeutischen Youtube-Videos. Ihr Genremix ist neben dem klassischen Buchregal von A bis Z nach assoziativen Oberthemen und Roten Fäden sortiert. In denen stellen sich überraschende Kreuzungen her.

Drittgedankes „inneres Mummpitzometer“ garantiert Skepsis, Urteilsschärfe und witzige Formulierungen. Und eine Runde Captain Beefheart hat noch keinem geschadet. Sporadisches W-Lan dem Blogger dagegen schon. So steht da plötzlich ein Aufruf „an all jene, die gerade anderweitig nichts Dringenderes zu tun haben: Fallen Euch spontan Titel ein, die Ihr mir vorschlagen könntet? Nicht dass Ihr nicht ohnehin jeden Tag Empfehlungen veröffentlichen würdet...“.

Sogleich treffen tolle Buchtipps ein und die Tippgeber tauschen sich untereinander über ihre Lieblingsbücher aus. Interaktion und Partizipation sind ja geradezu die Gründe zum Bloggen. Nicht selten ist die lange Liste der Kommentardialoge das Interessanteste.

Was das für Buchrezensionen bedeuten könnte, bringt die Autorin so auf den Punkt: „Das Blogwesen mag mitunter als ‚Hausfrauenfeuilleton‘ beäugt werden, doch als Spielwiese für unprofessionalisiertes Schreiben bietet es eine Menge Freiheiten, um sich auf seine eigene Art mit dem, was einen beschäftigt hat, auseinander zu setzen. Gerade wegen dieser Freiheiten hat es mit dem Feuilleton nicht sonderlich viel gemein – und das hat durchaus seine schönen Seiten. Vor allem beantwortet sich, indem Blogger ab und zu auch etwas über sich und ihre Art zu lesen, ihre Hintergründe, ihre Bücherlisten mitteilen, ein Stück weit eine ganz interessante Frage, die in Großmedien meist nur als Randerscheinung auftaucht: Wer sind eigentlich die, die all jene schönen Bücher kaufen? Und lesen? Bei wem also kommen die Bücher an und wie kommen sie an?“

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Literatur-Rundschau

Der Bücher-Herbst 2016

Achtung Holländer! Autor Marc Reugebrink über das schwierige Verhältnis zwischen Niederländern und Flamen.
Die Liebenden: Brigitte Kronauers betörender Roman „Der Scheik von Aachen“ über Liebe, Tod und Schuld.
Die Geister: Nathan Hills grandios komponierter Familienroman ohne Familie.
Die Rassisten: Rebekka Habermas über einen vergessenen Skandal in Deutsch-Togo.

Übersicht - alle Rezensionen der Literatur-Rundschau 2016 auf einen Blick

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Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

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