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Literatur

11. Oktober 2012

Literaturnobelpreis: Mo Yan: Der Herr der Halluzinationen

 Von Bernhard Bartsch
Schriftsteller Mo Yan im Jahr 2010.Foto: AFP

Mit dem chinesischen Romancier Mo Yan erhält einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftsteller Chinas den Literaturnobelpreis. Die Kommunistische Partei freut sich mit.

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PEKING –  

In seinem Roman „Die Schnapsstadt“ beschreibt Mo Yan eine drastische Szene, in der ein Polizist mit einer Gruppe Kleinstadtkader beim Bankett sitzt, als die Kellnerin eine Silberplatte hereinträgt, auf der „ein goldbrauner, unglaublich appetitlich duftender kleiner Junge saß.“ Kann das wirklich ein gebratenes Baby sein, versucht der angetrunkene Ermittler Herr seiner Gedanken zu werden. Er löst im Kopf Rechenaufgaben und kommt zu dem Ergebnis, dass er tatsächlich noch bei Sinnen ist. „Man hat mir ein gebratenes Kind serviert“, stellt er fassungslos fest. „Sie nennen es ‚Der Storch bringt einen Sohn‘.“ Der Polizist zückt seine Pistole und muss sich gleichzeitig eingestehen, dass ihm beim Duft des gesottenen Säuglings das Wasser im Munde zusammenläuft.

Es müssen wohl Szenen wie diese sein, welche die schwedische Akademie im Sinn hatte, als sie Mo Yan am Donnerstag für seinen „halluzinatorischen Realismus“ den diesjährigen Literaturnobelpreis verlieh. Der 57-Jährige sei eine „Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais“, würdigte Jurysprecher Peter Englund den Chinesen. „Wir haben es mit einer einzigartigen Autorenschaft zu tun, die uns einen einzigartigen Einblick in ein einzigartiges Milieu verschafft hat.“ Peter Englund von der Stockholmer Akademie sagte dem schwedischen Fernsehen, in einem Telefonat habe Mo auf die Entscheidung zugleich „überglücklich und verängstigt“ reagiert. Normalerweise lebt er in Peking, doch jetzt gerade befindet er sich in seinem Heimatdorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong. Nachdem er von der Auszeichnung erfahren hatte, schaltete er offenbar sein Mobiltelefon ab und war zunächst nicht mehr zu erreichen.

Überreicht wird der Nobelpreis dann am 10. Dezember in Stockholm, er ist mit acht Millionen schwedischer Kronen, umgerechnet rund 930 000 Euro, dotiert. Und er geht das erste Mal an einen Chinesen, der auch noch in der Volksrepublik lebt.

Autoren sind wie Ärzte

Die chinesische Gegenwart schonungslos zu zeigen, ist das große Thema des stillen, wortgewaltigen Schriftstellers, der eigentlich Guan Moye heißt. Sein Künstlername Mo Yan bedeutet „Ohne Worte“ oder auch „Der Sprachlose“, er beschreibt einen Mann der leisen Töne. „Als Kind war er sehr schweigsam, sprach wenig, zog sich oft zurück“, so hat es einer seiner Übersetzer einmal beschrieben. Auf Deutsch sind sie, etwas verstreut, im Unionsverlag, bei Rowohlt, Horlemann oder Hanser erschienen.

„Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft: Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden“, sagte Mo vor zwei Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung. „Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit, und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz.“

Allerdings betrifft die Frage, wo die Grenzen zwischen echt und unecht verläuft, auch die Preisverleihung selbst. Obwohl Mo Yans literarische Meisterschaft unbestritten ist, vermuten Kritiker hinter der Ehrung eine politische Entscheidung, mit der das Nobelpreiskomitee endlich seinen langwährenden Konflikt mit Chinas Kommunistischer Partei beilegen will. Nachdem der Chinese in den vergangenen Tagen von Wettbüros bereits als Nobelpreisfavorit gehandelt worden war (neben Bob Dylan, Haruki Murakami und Peter Handke), hatte es im Internet zahlreiche Stimmen gegeben, die Mo Yan vorwarfen, zu regimetreu zu sein. Denn anders als einige Kollegen hat Mo nie die Konfrontation mit den Zensoren gesucht, sondern darauf beharrt, seine Meinung mit Literatur ausdrücken zu können.

Chinesische Staatsmedien feiern Mos Ehrung als „Chinas ersten Nobelpreis“ und verschweigen dabei, dass es in Wahrheit nur die erste Auszeichnung ist, mit der die Partei gut leben kann. Als vor zwei Jahren der inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis erhielt, sah Peking dies als schweren Affront. Die diplomatischen Beziehungen liegen seitdem auf Eis. Auch im Jahr 2000 war man empört, als der aus China geflohene Exilschriftsteller Gao Xingjian den Literaturnobelpreis erhielt. Damals konnte man sich jedoch auf die gesichtswahrende Formel retten, Gao, der seit 1997 einen französischen Pass hatte, sei ja gar kein chinesischer Staatsbürger. Der Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger von 1989, kann ebenfalls als Chinese gelten. Das tibetische Religionsoberhaupt, das von Peking als Staatsfeind Nummer eins behandelt wird, wurde in der Provinz Qinghai geboren.

Den Verdacht, dass die chinafreundliche Entscheidung politisch beeinflusst sein könnte, nähren beispielsweise Äußerungen der schwedischen Handelsministerin Ewa Björling, die unmittelbar nach der Verkündung erklärte, der Preis nütze der schwedischen Wirtschaft. „Der Nobelpreis ist eine enorm starke Marke, und unabhängig davon, wer ihn bekommt, verbessert er das Ansehen von Schweden“, sagte Björling. „Dadurch verbessern sich auch die Geschäftsmöglichkeiten.“

In China ist das Echo durchwachsen. Li Pengyi, der Parteisekretär des mächtigen Staatsverlags China Publishing Group, zeigte sich gegenüber dieser Zeitung erfreut. „Die chinesische Literatur verdient auf der internationalen Bühne mehr Präsenz“, sagte Li. Mo Yans Erfolg sei einzig seiner Kreativität zu verdanken. Der Verleger Lu Jinbo erklärte dagegen, dass er Mo zwar für einen guten Autor halte, aber nicht für Chinas besten. „Auf meiner Liste habe ich noch mindestens sieben Autoren, die ich besser finde, nur ist von denen fast nichts übersetzt“, sagte Lu. Da kaum ein Ausländer chinesische Literatur im Original lesen könne, gelte der Preis wohl in hohem Maße Mos Übersetzern, in Deutschland also etwa Susanne Hornfleck und Peter Weber-Schäfer.

Mo Yan ist einer der am meisten übersetzten chinesischen Schriftsteller – seit der Regisseur Zhang Yimou seinen Roman „Das Rote Kornfeld“ verfilmte und damit 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Mo hatte zu schreiben begonnen, nachdem er mit 20 Jahren in die Volksbefreiungsarmee eingetreten war. Anfang der 1980er erschien seine erste Erzählungssammlung mit dem Titel „Der kristallene Rettich“. Wenig später wurde er in den Rang eines Staatsschriftstellers erhoben, der von der Regierung ein Gehalt bezieht.

Für die kritische Autorin Dai Qing, die in China Publikationsverbot hat, enthält die Ehrung einen bitteren Beigeschmack. Zwar habe sie nie ein Buch von Mo gelesen, doch 2009 habe sie sich im Vorfeld von Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse über ihn geärgert. Als Dais Anwesenheit bei einem Symposium zu einen Protest der offiziellen chinesischen Delegation führte, da habe Mo sich diesem angeschlossen und gemeinsam mit Pekings staatlichen Verlagskadern den Raum verlassen. „Mo Yans Linie war damals: Die Vorgesetzten gehen, also gehe ich auch“, sagte Dai dieser Zeitung. Für Redefreiheit und Menschenrechte habe er sich nicht einsetzen wollen.

Die Sprache der Bauern

Mo Yan tut man mit einer derartigen Diskussion womöglich unrecht. Zwar hat er sich nie auf die Seite der Dissidenten gestellt, doch mit Propaganda hat seine Literatur nichts zu tun. „Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller darf keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen“, sagte Mo Yan seinerzeit im Interview.

Unerbittlich beschreibt er die Grobheit der dörflichen Welt, aus der er stammt. Geboren wurde er 1955 in jenem ostchinesischen Bauerndorf, in dem seine Romane bis heute spielen und das er als seine literarische Heimat ansieht. Wegen der Kulturrevolution brach Mo nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer örtlichen Fabrik. Abends hörte er den Geschichten der Bauern von Gaomi zu. „In unserer Gegend gab es großartige Erzähler, die die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten“, so Mo Yan. „Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Und tatsächlich ist ihre Sprache, die ganz ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher geworden.“

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