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Literatur

24. Januar 2016

Litprom in Frankfurt: Der Traum von der Weltliteratur

 Von Andrea Pollmeier
Zu Gast bei den Litprom-Tagen im Literaturhaus Frankfurt: Ilija Trojanow.  Foto: imago stock&people

Gehört ein Schriftsteller zu einem Land? Zu einer Hautfarbe? Zu einer religiösen Konfession? Die Litprom-Tage im Literaturhaus Frankfurt blicken auf neue Zugehörigkeiten und alte Machtstrukturen in Zeiten der Globalisierung.

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Weltliteratur wird nicht durch große Weltreisen verständlich. Nicht einmal Mehrsprachigkeit hält Patrick Chamoiseau, einer der wichtigsten Autoren der Karibik, für ein entscheidendes Hilfsmittel, um sich den Ideen von Weltliteratur anzunähern. „Auch Kolonialherren sind viel gereist, sie hatten dabei jedoch meist ein monolithisches Weltbild. Die Vielseitigkeit der Sprachen, Kulturen und Weltbilder blieben ihnen darum verschlossen.“

Schon das Eröffnungspodium der Litprom-Literaturtage 2016 zum Thema „Neue Weltliteratur und der Globale Süden“ räumt mit einigen Vorurteilen auf. Schnell ist klar, dass bei einem Veranstalter wie der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika mit dem Wort „Weltliteratur“ kein Kanon der weltbesten Autoren gemeint ist oder gar die bloße Summe alles Geschriebenen. Was aber ist Weltliteratur für Autoren, die selbst aus Singapur, Kenia oder Martinique stammen und heute zum Teil in England, den USA oder Wien zu Hause sind? „Weltliteratur ist ein utopischer Traum, ein globales Alphabetentum und Gleichrangigkeit, trotz verschiedener Produktionsverhältnisse“, meint Ilija Trojanow, Autor und Jury-Vorsitzender der Weltempfänger-Bestenliste.

Auch wenn die Begriffe sperrig sind und die von Ökonomen geschaffene Zuordnung „Globaler Süden“ falsch ist, da sie auch Länder meint, die zum Norden zählen – die Lust auf die Vielseitigkeit der Welt hat dieses Treffen im Literaturhaus Frankfurt angetrieben und erstmals Länder- und Sprach-Communities zusammengeführt, die sich in diesem Rahmen sonst eher nicht begegnen.

Was Autoren zu einer Gemeinschaft macht, ist jedoch weder die Herkunft, noch die Sprache, noch die Hautfarbe, sagt Chamoiseau. Was sie vereint (oder trennt), ist ihre Haltung zur Welt. Früher wurden beispielsweise Autoren in Anthologien aufgrund ihrer schwarzen Hautfarbe in einem Band versammelt.

Auch regionale Zugehörigkeiten seien typisch, erklärt er. „Ich habe zwar eine schwarze Haut, bin aber in meiner Gedankenwelt trotz großer Sympathien nicht mit Schwarzafrika verbunden, auch verbindet meine Weltsicht mich nicht mit französischen Autoren, obgleich ich in Französisch schreibe. Ich wohne an einem Ort, der nah an ein englischsprachiges Land grenzt. Doch das alles ist für meine Weltsicht unbedeutend, diese ist näher an Gabriel García Márquez.“

Neue Anthologien braucht die globalisierte Welt

In einer globalisierten Welt, in der sprachliche und nationale Grenzen für das Denken keine Bedeutung mehr haben, sollten Anthologien darum neu zusammengestellt werden, schlägt Chamoiseau vor, der 1992 in Frankreich den Prix Goncourt erhielt.

Die Art, wie Sprachenvielfalt und diverse Länderwechsel das eigene Schreiben geprägt haben, ist ein Thema fast aller Podien und Workshops. Gerade Ländern, die Phasen unter Kolonialherrschaft verbracht haben, erleben Sprache bis heute auch als Machtinstrument. So erläutert José Eduardo Agualusa, der in Angola geboren wurde und Agrarwissenschaft in Lissabon studierte, dass in Angola zwar 35 Prozent der Bevölkerung die Amtssprache Portugiesisch als Muttersprache empfinden, 65 Prozent jedoch eine Bantusprache. In entscheidenden Bereichen des öffentlichen Lebens seien sie damit benachteiligt. Ziel solle es sein, in jeder Provinz zwei Amtssprachen zu führen, neben dem Portugiesischen jeweils eine in der Region übliche Bantusprache.

Im Workshop-Gespräch mit Abdulrazak Gurnah, der auf Sansibar (Tansania) geboren wurde und an der University of Kent in England lehrt, werden auch Fragen der Rückkehr und der Verwurzelung thematisiert. Gurnah, mit seinen Werken bereits zweimal für den Booker-Preis nominiert, kam als politischer Flüchtling 1963 nach Großbritannien und konnte erst nach einer Amnestie in seine Heimat reisen. Fragen nach politischer Verantwortung und Schuld sind Themen, über die er heute im Rückblick spricht.

Die politische Gegenwart kam während der Literaturtage auch in solchen Momenten nicht in den Blick. Diskussionen, die zu den Ursachen der aktuellen Flüchtlingsbewegungen zurückführen, blieben ausgespart.

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