kalaydo.de Anzeigen

Louis Armstrong: Der erste Künstler des Jazz

Kaum ein Name steht so sehr für den Jazz wie der von Louis Armstrong. Wolfram Knauer widmet sich dem Künstler in einer stilkritisch-biografischen Arbeit und schildert, wie es für Armstrong sein musste, künstlerisch überholt zu werden. Von Hans-Jürgen Linke

Jazz-Virtuose Louis Armstrong.
Jazz-Virtuose Louis Armstrong.
Foto: afp

Amerikanische Kultur? Ja, gibt es. Nichts von Immigranten Geborgtes, sondern etwas, das im Lande selbst entstanden ist: Jazz. Seine Entstehung wird gemeinhin um den Beginn des 20. Jahrhunderts datiert, und kaum ein anderer Name steht so sehr für den Jazz wie der von Louis Armstrong.

Armstrong hat, neben vielen anderen Hinterlassenschaften, eine Stiftung gegründet, deren Ziel es ist, Ungleichheit unter den Menschen durch Bildung entgegen zu wirken; unter anderem finanziert die Stiftung eine Professur an der New Yorker Columbia University. Deren erster deutscher Inhaber war Wolfram Knauer, Leiter des Jazz-Instituts in Darmstadt. Knauer hat sich für diese Ehre unter anderem revanchiert, indem er ein biografisches und stilkritisches Handbuch zu Louis Armstrong geschrieben hat, das zum volkstümlichen Preis weite Verbreitung finden möge.

Die Gutenberg-Galaxis ist nicht arm an Publikationen über Armstrong, aber Knauer schleppt gleichwohl keine Eulen nach Athen, sondern ordnet Armstrong ein in den historischen Kontext der Entwicklung einer populären Kultur des 20. Jahrhunderts. Armstrong spielt hier eine eminente Rolle: Er war die historisch erste Künstlerpersönlichkeit, die sich dem bis dahin auf Vergnügungsviertel- und afroamerikanische Ethno-Gebrauchsmusik beschränkten Jazz widmete und diese Musik auf die Entwicklungsstufe hob, auf der man den Übergang vom New-Orleans-Stil zum Swing ansiedelt.

Armstrong verfügte als Instrumentalist über Fähigkeiten, die über jeglichen Horizont volkstümlichen Musikmachens weit hinaus gingen, und er eröffnete dem Jazz einen eigenen Traditionszusammenhang und drückte ihm zugleich seinen eigenen Stempel auf: Populäre Musik war nach ihm nicht mehr das gleiche wie vorher. Armstrong selbst strickte an seiner eigenen Legende nicht nur künstlerisch mit, sondern gehört auch zu den Pionieren virtuoser public relations, indem er sein Geburtsdatum in die amerikanische Geschichte projizierte und den 4. Juli, also den Unabhängigkeitstag, des Jahres 1900 beanspruchte. Er liegt damit immerhin nicht sehr weit vom realen Datum entfernt.

Armstrong repräsentiert den notorischen amerikanischen Traum, indem er, aus der Unterschicht von New Orleans stammend, der Mutter aller Melting-Pot-Städte, durch eigene Fähigkeiten zum bekanntesten US-Musiker des 20. Jahrhunderts aufstieg und mehr als 40 Jahren in der Öffentlichkeit präsent blieb. Und er verkörpert wie kaum ein anderer die Emanzipation der schwarzen Amerikaner.

Wolfram Knauers Buch widmet sich auch der stürmischen stilistischen Entwicklung, die der Jazz seit den 20er Jahren genommen hat, und er ordnet Armstrong sehr kundig und prägnant und ohne fachterminologischen Aufwand ein. Man erfährt wie nebenher viel über die Geschichte des Jazz, über deren Orte, Protagonisten und zentrale Merkmale, und alles bleibt stets der biografischen Erzählung zugeordnet.

Große Aufmerksamkeit ist dem persönlichen Schicksal Armstrongs insofern gewidmet, als Knauer präzise zu beschreiben weiß, welches seine große Zeit war und ab wann und warum Armstrong nur noch von deren Echo lebte: Überholt zu werden, ist Musiker- und im 20. Jahrhundert ganz besonders Popmusiker-Schicksal.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  12 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Comics
Sondermann

Es kann nur einen geben! Wir präsentieren den Publikums-Preis. Alle dürfen, sollen, müssen abstimmen.

Anzeige

Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.

Video

Anzeige

Stöbern Sie in unseren Buchempfehlungen und schauen Sie sich die Bestseller an.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige