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Literatur

08. Januar 2014

Luc Boltanski "Rätsel und Komplotte": Das Zeitalter der Verunsicherung

 Von 
Geburtstagsfeier für Sherlock Holmes in Riga.  Foto: rtr

Der Soziologe Luc Boltanski denkt in seinem neuen Buch über „Rätsel und Komplotte“ und das Genre des Krimis nach. Das zwischen 2008 und 2011 geschriebene Werk ist jetzt auf Deutsch erschienen.

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Der Soziologe Luc Boltanski denkt in seinem neuen Buch über „Rätsel und Komplotte“ und das Genre des Krimis nach. Das zwischen 2008 und 2011 geschriebene Werk ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Man kann zu spät kommen im Leben, man kann aber auch etwas zu früh dran sein: Zwischen 2008 und 2011, so steht es am Ende von „Rätsel und Komplotte“, hat der französische Soziologe Luc Boltanski sein jüngstes, jetzt in deutscher Übersetzung erschienenes Buch geschrieben. In diesem spielt das Misstrauen in modernen Gesellschaften eine erhebliche Rolle – unter Vernachlässigung allerdings des gerade stark wachsenden Misstrauens gegenüber Datennetzen.

Zwar gibt es in dem Band nahtlos auf die NSA anwendbare Sätze wie diesen: „Dass der Polizei der geringste Respekt gegenüber normalen Menschen fehlt, die immer noch mehr oder weniger so behandelt werden, als seien sie Verdächtige, wird mit der Verteidigung der Sicherheit begründet, die heute das Hauptargument für die Einschränkung von Freiheiten ist.“ Trotzdem hat man das Buch kaum beendet, da wünscht man sich schon eine Aktualisierung im Licht der Snowden-Enthüllungen.

Die beiden Gründerväter

Boltanski betont, dass er Soziologe ist und nicht etwa Journalist; gewiss ist die Tagesaktualität auch nicht sein Anliegen, aber von seinem Thema – Untertitel: „Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft“ – kann man sich andererseits viel versprechen für die aktuelle Diskussion. Zu einem Teil wird man enttäuscht, aber nur zu einem Teil.

So wie der Soziologe 1999 in dem zusammen mit Ève Chiapello verfassten „Der neue Geist des Kapitalismus“ auf damals aktuelle Managementliteratur als Quelle zurückgriff, so ist es nun also die Kriminalliteratur, die den Anstoß und das Material für einen beträchtlichen Teil des Buches gibt. Allerdings nicht die gänzlich unübersichtlich gewordene zeitgenössische, sondern deren zwei wichtigste Gründerväter vor allem: Arthur Conan Doyle und Georges Simenon. Der eine schuf, so Boltanksi, den „bindungslosen Detektiv“ und das „Kriminalrätsel“, dessen Durcheinander „nicht nur vorläufig (ist), sondern in gewisser Weise auch trügerisch. Sowie die Lösung gefunden ist, kehrt wieder Ordnung ein“. Der andere den Berufspolizisten und „gewöhnlichen Mann“. Die Rätsel, die er zu entwirren hat, „beschränken sich ganz auf Persönliches“. Auch Maigret verteidigt zwar die soziale Ordnung, insoweit sind beide Formen des Kriminalromans konservativ, aber er bekennt sich nicht lauthals zu ihr. Simenons Polizisten „machen bloß ihre Arbeit“.

Zum Buch

Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Aus dem Französischen von Christine Pries. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 500 Seiten, 39 Euro.

Die richtig spannenden Fragen werden in der ersten Hälfte des Bandes gestellt; leider hofft man vergeblich, der Soziologe möge zuletzt noch einmal ausführlich auf sie zu sprechen kommen. Eine dieser Fragen betrifft den Grund für die (späte) Entstehung der Gattungen Kriminal- und Spionageroman, eine andere deren unglaublichen Boom. Eine Antwort auf die erste versucht Boltanski überzeugend aus der Entwicklung der Nationalstaaten herzuleiten, denn zuerst muss es eine ausgeprägte rechtsstaatliche Übereinkunft und Ordnung geben, ehe man sich um ihre Bedrohung (durch Komplotte) kümmern und um ihre Bewahrung bemühen kann.

Die andere – das stetig noch steigende Bedürfnis nach gedruckten, gefilmten Kriminalgeschichten – erwähnt Boltanski eher am Rande. Dabei ist es ein kluger Gedanke, diese Gier mit einer um sich greifenden Verunsicherung zusammenzubringen. Einer Verunsicherung, die vom Krimi jeweils zuerst befördert, dann besänftigt wird. In der Regel, muss man sagen, denn diejenigen Spielarten des Genres, die sich von der Populärliteratur zunehmend abzuheben versuchen, dienen nur selten mit einer Wiederherstellung der Ordnung.

Einerseits, schreibt Boltanski, hat sich die Realität niemals so organisiert und robust dargestellt „wie in den modernen westlichen Gesellschaften“, andererseits tritt ihre „Fragilität“ in den Vordergrund und ruft „eine noch nie dagewesene Verunsicherung“ hervor. Es führt dies offenbar zum Goldenen Zeitalter des Krimis.

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