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Lyriker Jannis Ritsos: Einfache Worte wie Fels und Meer

Man glaubt das Meer zu hören, spürt die Sonne: Nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur kehrt Jannis Ritsos 1974 mit 65 Jahren an seinen Geburtsort Monovassiá zurück - und verfasst 36 Gesänge.

Die Stadt Monovassiá liegt an der südöstlichen Küste Lakoniens, besser: ihr vorgelagert, denn die Stadt wurde auf einer kleinen, nur durch einen Damm mit dem Festland verbundenen Insel errichtet
Die Stadt Monovassiá liegt an der südöstlichen Küste Lakoniens, besser: ihr vorgelagert, denn die Stadt wurde auf einer kleinen, nur durch einen Damm mit dem Festland verbundenen Insel errichtet
Foto: Ingo Mehling

Eine Spurensuche in der eigenen Kindheit und in den prägenden Stätten der frühen Jahre, eine Rückkehr an den Ort, an dem der Dichter im Jahr 1909 geboren wurde und in dem er aufwuchs - auch das ist der Zyklus "Monovassiá" des großen griechischen Lyrikers Jannis Ritsos: "Deine Kinderjahre haben auf dich gewartet in vergessenen Winkeln,/ in niedergerissenen Gebäuden, in byzantinischen Gewölben -/ da war der Laden des Friseurs; da der des Schusters; da/ müsste das Fischgeschäft gewesen sein."

1974 endete die Diktatur des Militärs in Griechenland und damit zugleich der Hausarrest des Dichters, der damit seine Bewegungsfreiheit zurückerlangte. Gleich die erste Reise führte ihn nach Monemvasia, wie sein Geburtsort offiziell in den Atlanten heißt, und in den folgenden drei Jahren entstanden sechsunddreißig Gedichte von wechselnder Länge, doch allesamt in Langzeilen gehalten, die auch den Ausdruck Gesänge rechtfertigen würden.

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Jannis Ritsos: Monovassiá. Gedichte. Aus dem Griechischen von Klaus-Peter Wedekind. Suhrkamp 2009, 108 S., 11,80 Euro.

Monemvasia liegt an der südöstlichen Küste Lakoniens, besser: ihr vorgelagert, denn die Stadt wurde auf einer kleinen, nur durch einen Damm mit dem Festland verbundenen Insel errichtet. Die Unterstadt, die sich dem Meer zuwendet (wo "die Statuen in Gesellschaft der Haie/ auf dem tiefsten Meeresgrund" liegen), wird überragt von der Festung, die Monemvasia lange Zeit uneinnehmbar machte - zusammen mit der natürlichen Widerständigkeit der Insel, die auch in den Gedichten sofort ins Auge fällt und den Zyklus fast wie ein Leitmotiv durchzieht: Als ein "Fels auf dem Fels" wird die Stadt gleich zu Beginn charakterisiert, sie ist ein Ort "des wilden Gesteins", wo nur die Wurzel des Feigenbaums sich tief im harten Grund verankern kann; über diesem Fels erheben sich Stadt und Festung, ihrerseits aus Stein und damit "Ebenen von Dauer".

Wie immer bei Ritsos sind die Schilderungen dessen, was ihn umgibt und zum Schreiben drängt, von großer Sinnlichkeit und visueller Kraft; man glaubt das Meer förmlich zu hören, spürt die Sonne: "Die Mittage gehämmert von den Zikaden,/ Juli-August, Gluthitze und Salz, der herabgestürzten Laternen,/ fasst du Stein oder Holz an, verbrennt sich dein Finger". Und wie immer ist es nicht zuletzt das genau erfasste, unscheinbare Detail, das den Versen zu ihrer üppigen Präsenz verhilft.

In einem früheren Gedicht hatte Ritsos einmal geschrieben, er verstecke sich hinter einfachen Dingen, damit man ihn finden könne, und so geht auch hier das "Immerwährende" des Felsen- und Festungsmassivs eine zwanglose Allianz mit dem Flüchtigen ein: "Bei Matúlas altem Restaurant/ pries der Duft von Fischsuppe aufs neue die enge gepflasterte Stätte".

Jannis Ritsos war lange, gerade auch im deutschsprachigen Raum, vor allem als Dichter des Widerstands, als politischer Autor bekannt, der früh der kommunistischen Partei beitrat, im Zweiten Weltkrieg erfolgreich gegen die deutsche Besatzung kämpfte und später Jahre in den Straflagern der Obristen verbrachte. So mag es auf den ersten Blick verwundern, dass er, der gerade erst Befreite, nicht ausdrücklich auf die jüngeren politischen Ereignisse eingeht und nur kurz auf die eigene Rolle zu sprechen kommt: "Ich studierte Geschichte der Vergangenheit und der Zukunft/ an der zeitgenössischen Hochschule des Befreiungskampfes. Mein Beruf:/ Worte, Worte - mir blieb nichts anderes übrig". Die griechische Geschichte freilich ist in jedem Gedicht präsent, sie hat sich der Stadt geradezu eingeschrieben, wo jeder "Stein sturzglatt poliert/ vom Durchzug der Soldaten" ist.

Die Stadt ist für Ritsos die steingewordene Geschichte, Zeugnis eines nicht endenden Prozesses: Die "Gefangenen trockneten aus in der Sommerhitze, wurden Steine,/ andere Geschlechter hoben die Steine auf, bauten die Häuser neu", wie es in einem großartigen Bild heißt. Die Geschichte, in Schichten abgelagert. Und so überschneidet sich in jedem Gedicht auch die private Geschichte mit der Geschichte der Stadt Monemvasia, die sich am längsten gegen die türkische Herrschaft gewehrt hatte und deren Name für viele Griechen daher einen fast mythischen Klang hatte. Monemvasia war jahrhundertelang eine bedeutende Stadt an der Ostküste des Peloponnes und bis zum Zweiten Weltkrieg strategisch von höchster Wichtigkeit. Den byzantinischen Herrschern folgten die Kreuzfahrer, die Venezianer, schließlich die osmanischen Sultane. All die Grausamkeiten finden ins Gedicht, die Belagerungen, die auch in den siebziger Jahren längst historisch waren; trotzdem kommt man kaum umhin, beim Lesen der Zeile "Wir haben endlich gesiegt, sagten die Monovassier, und fingen an zu weinen" auch an das Ende der Militärherrschaft zu denken. Vom "Dokument der Steine" spricht Ritsos an einer Stelle; es ist seine Kunst, die Steine zugleich zum Sprechen und zum Leuchten zu bringen.

Autor:  Jan Wagner
Datum:  10 | 8 | 2009
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