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Literatur

27. Dezember 2015

Märchen-Enzyklopädie: Elster, im Flug gefangen

 Von Petra Pluwatsch
Ein Märchen für sich: Jacob und Wilhelm Grimm lauschen mit Kind und Huhn einer Geschichte von Dorothea Viehmann in Niederzwehren. Sonst blieben die Brüder lieber daheim und warteten auf Einsendungen.  Foto: © epd-bild / akg-images

Es gibt sie noch, die zu Ende geführten Projekte: Nach mehr als 40 Jahren ist die „Enzyklopädie des Märchens“ fertig, ein einzigartiges Handbuch. Ein Besuch in der Göttinger Arbeitsstelle, für die jetzt Schluss ist.

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Stoppen Sie mich“, bittet Hans-Jörg Uther von der Arbeitsstelle Enzyklopädie des Märchens. „Ich könnte sonst ohne Ende weitererzählen.“

Von Zwergen beispielsweise, die auswandern, weil die Menschen sie verärgert haben.

Von dummen Riesen, die sich von einem Wicht wie dem tapferen Schneiderlein übertölpeln lassen.

Vom Fuchs, der einem verletzten Mann die schwärenden Wunden auslecken will, was der ihm jedoch verwehrt: „Eine Parabel auf diktatorische Herrscher, die man tunlichst gewähren lassen soll, weil jeder neue Diktator noch blutrünstiger sein wird als sein Vorgänger.“

Oder vom „Tränenkrüglein“, das von der Trauer einer Mutter um ihr verstorbenes Kind erzählt: „Ein wunderschönes Märchen, das im frühen 16. Jahrhundert erstmals als Predigt- oder Beispielgeschichte auftauchte“.

Uther, 71, promovierter Germanist und Volkskundler, ist seit 2010 ehrenamtlicher Leiter der Forschungsstelle „Enzyklopädie des Märchens“, einem Projekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Seit mehr als 40 Jahre beschäftigen der Erzählforscher und seine Kollegen sich von Amts wegen mit Zwergen, Drachen und bösen Hexen.

1977 kam der erste Band der „Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung“ heraus. Jetzt, 38 Jahre später, ist das Projekt abgeschlossen. Soeben ist das letzte Buch dieses weltweit einzigartigen Nachschlagwerks zur internationalen Märchenforschung erschienen: ein 1141 Seiten starker Registerband von A wie „Aarne, Antti Amatus“ bis Z wie „Zypern“.

1024 Autorinnen und Autoren schrieben mit

Insgesamt 1024 Autorinnen und Autoren aus aller Welt arbeiteten mit an dem 15-bändigen Werk, das, so Uther, „alles enthält, was die Forschungsgeschichte in 200 Jahren über Märchen und vergleichbare Erzählungen geschrieben hat“. Es gibt Länder- und Theorie-, Stoff- und Motivartikel zu knapp 4000 Stichwörtern.

Man kann nachlesen, was es mit dem „Abwehrzauber“ auf sich hat und in welchen Märchen sich das Motiv „Elster im Flug fangen“ findet. Andere Stichworte verweisen auf Artikel über „Ehebruch geheim gehalten“, über kannibalische Kinder und ebensolche Riesen, über „Zeichen edler Herkunft“ und Fliegen, die nicht vertrieben werden sollen.

Auch moderne Begriffe, „Manga“ zum Beispiel oder „Computerspiele“, haben Eingang in die mehr als 10 000 Seiten starke Enzyklopädie gefunden.

Der wahre Schatz dieser Forschungsstelle lagert im Keller des Gebäudes, Raum 1.521. Hier finden sich Hunderte Kästen mit handgetippten und teilweise vergilbten Abschriften und Übersetzungen von Märchen aus der ganzen Welt, Unterlagen zur Sekundärliteratur und Zettelkästen aus Holz mit handgeschriebenen Karteikärtchen, wie sie schon die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm für ihre Recherchen in Sachen Kinder- und Hausmärchen benutzt haben könnten.

Märchenforscher Hans-Jörg Uther nebst Karteikästen in der Göttinger Arbeitsstelle.  Foto: Picture Alliance

Analysiert wurde in Göttingen – ganz im Grimmschen Sinne – alles, was sich die Menschen einst an Fantasy-Geschichten zuraunten. Klassische Zaubermärchen wie „Aschenputtel“ oder „Rumpelstilzchen“, Legenden, Schwänke, Sagen, dazu kurze, „witzartige“ Erzählungen von oft nur wenigen Zeilen.

Selbst biblische Stoffe, Predigten und Motive aus dem Koran haben ihre Spuren in der großen weiten Welt der Märchen hinterlassen. Die meisten der uns bekannten Geschichten seien zwar im späten Mittelalter oder in der frühen Neuzeit entstanden, so Uther. Stoffe und Motive hingegen seien oft wesentlich älter.

Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts galten Märchen als minderwertiger Erzählstoff, den aufzuschreiben sich kaum jemand die Mühe machte. Umso spektakulärer, dass die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts begannen, den Geschichten systematisch (mehr oder weniger systematisch jedenfalls) nachzuspüren. 1812 erschien der erste Band ihrer „Kinder- und Hausmärchen“, drei Jahre später folgte der zweite.

Heute sind Märchen zur Freude der Erzählforscher populärer denn je. Gründe dafür gebe zur Genüge, sagt Uther: „Sie enthalten viele Wahrheiten und erschaffen eine Fantasiewelt, in die jeder das hineinlesen kann, was er möchte.“ Auch zahlreiche Filme hätten zu ihrer wachsenden Popularität beigetragen.

1971 galten Märchen als grausam, spießig, frauenfeindlich

Als die Göttinger Arbeitsstelle 1971 von dem Germanisten und ersten Herausgeber der Enzyklopädie, Kurt Ranke, gegründet wurde, sah das freilich anders aus. Märchen galten im Nachgang der 68er Jahre als grausam, spießig und frauenfeindlich. Was ziemlicher Unfug sei, so Uther. Er stieß noch im Gründungsjahr als studentische Hilfskraft zu dem innovativen Projekt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 gehörte er dem vierköpfigen Redaktionsteam der Enzyklopädie an.

Geplant war die Herausgabe eines zehnbändigen Handbuchs zur internationalen Märchenforschung. Doch der Stoff erwies sich schnell als umfangreicher als gedacht. Schon bald musste das erste Stichwortverzeichnis überarbeitet werden. Neue Begriffe kamen hinzu, andere erwiesen sich als überholt. Auch die Intention der Märchenexperten hatte sich verändert. „Bei früheren Forschungen hat man jedes Huhn und jeden Hahn namentlich aufgeführt. Heute fragt man nach der Funktion einer Figur im Märchen. Welche Rolle spielt sie in der Geschichte, welche Funktion hat sie für den Zuhörer?“

1973 wurde das Stichwortverzeichnis erstmals gründlich überholt, 1999 erfolgte eine letzte Überarbeitung. Der Ansatz der Göttinger Erzählforscher war nahezu revolutionär: Erstmals wurden Märchenstoffe aus der ganzen Welt systematisch erfasst und analysiert. „Man kann sich nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränken“, so Uther. „Spätestens seit dem 19. Jahrhundert gibt es Geschichten, die weltweit verbreitet sind.“

Die vom Drachentöter beispielsweise: „Der Drache ist das Symbol für eine feindliche Umwelt. Indem man ihn tötet, rottet man das Böse aus.“ Oder das Märchen von den zwei ungleichen Brüdern, der eine gut, der andere böse. Davon weiß schon die Bibel. Und auch Geschichten über Dreiecksbeziehungen zwischen zwei Männern und einer Frau gebe es in allen Kulturen.

Ende des Monats wird die Forschungsstelle am Heinrich-Düker-Weg endgültig geschlossen. Hans-Jörg Uther erfüllt der Gedanke mit leiser Wehmut. „Es war einmal“, sagt er. So beginnen normalerweise nur Märchen.

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