Es war einmal das Märchen, dass alle Kinder Grimms Märchen lieben. Wahr ist aber, dass keineswegs alle Kinder es im Grunde genommen köstlich finden, wenn böse Stiefmütter sich in glühend heißen Pantoffeln zu Tode tanzen müssen, wie es am Ende von "Aschenputtel" geschieht, wo bekanntlich Schuhgrößen eine entscheidende Rolle spielen. Oder wenn Hexen im Ofen gebacken werden, wie in "Hänsel und Gretel". Um einmal mit dem fidel sadistischen Politiker aus Gilbert & Sullivans Operette "The Mikado" zu sprechen: "Let the punishment fit the crime" - Die Strafe soll schön zur Missetat passen.
Denn jene Kinder, die der prosaischen Ansicht sind, dass Verbrecher - und Verbrecherinnen, die in Grimms Märchen wider die Statistik besonders häufig auftauchen - langjährige Haftstrafen verbüßen sollten, merken später, dass ihnen hier, womöglich lustig bebildert, die Fantasien von Erwachsenen vorgeführt worden sind. Noch später merken sie, dass das nicht bloß Fantasien waren, sondern leicht verbrämte Schilderungen der Art und Weise, wie Erwachsene in bestimmten Situationen miteinander umgehen.
Lesen Auf die ganz vorzügliche Biografie "Die Brüder Grimm" von Steffen Martus (Rowohlt Berlin) wurde schon in der Literaturbeilage, 8.12., hingewiesen.
Wer zum Märchenlesen nicht das alte (vermutlich in der Tat noch vorhandene) Kinderbuch vorholen will, greift am besten zu "Grimms Märchen. Text und Kommentar", hrsg. von Heinz Rölleke, Deutscher Klassiker Verlag, 2007 als Taschenbuch, 1302 Seiten, 18 Euro.
Wer sich für die erwähnte Schrift "Über deutsche Runen" interessiert: Sie ist just in diesem Jahr als Einzelbändchen im Bohmeier Verlag Leipzig herausgekommen, 127 Seiten, 16 Euro. Hinten im Buch wirbt der Verlag für Titel wie "Das Buch der Werwölfe". "Dieses Buch", steht auf der Rückseite, "ist ein Muss für jeden, der mit Runen arbeitet!" Skurril!
Gucken Empfehlenswert ist ein Besuch in Steinau an der Straße, wo das damalige Amtshaus, in dem die Brüder von 1791 bis 1798 wohnten, als hübsches Museum eingerichtet wurde. www.brueder-grimm-haus.de
Vergleichen Auf der Internetseite www.grimms.de der Brüder-Grimm-Gesellschaft mit Sitz in Kassel soll ein Grimm-Archiv entstehen. Bisher wurden die "Handexemplare" der "Kinder- und Hausmärchen" von 1812/1815 eingestellt, die 2005 zum Weltdokumentenerbe der Unesco ernannt wurden. Recht bequem kann auf diese Weise jedermann seine eigene Grimm-Fassung (vermutlich die von 1837) mit der ersten gedruckten Fassung vergleichen. Ganz abgesehen von den handschriftlichen Anmerkungen der Brüder. (fr)
Dabei hätte gleich der erste Satz des ersten Märchens - das vom "Froschkönig" - misstrauisch machen können. Die Geschichte spiele "in den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat", heißt es dort. Aber schon damals, zeigt sich auf der nächsten Seite, mussten Töchter, die nicht den Rest ihres Lebens an der Seite einer Amphibie verbringen wollten, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: in diesem Falle den glitschigen, quengelnden Frosch, um ihn an die Wand zu werfen.
Die also unsinnigen und ebenso unsterblichen Eingangsworte verdanken sich aber nicht einer ominösen bodenständigen Quelle "aus Hessen". Sondern Wilhelm Grimm, der fleißige Redigierer der Märchensammlung, ergänzte sie später. In der ersten Ausgabe fehlen sie noch.
Verlieren wir jedoch zwischendurch rasch ein Wort über andere seiner Projekte. Das berühmteste wurde neben den "Kinder- und Hausmärchen" das Leben mit Jacob. Wilhelm, 1786 in Hanau geboren und heute vor 150 Jahren in Berlin gestorben, war der ein Jahr jüngere Bruder Jacobs, mit dem er zusammen blieb in Leben und Nachleben. Jakobs berühmte Formel "Wir wollen uns einmal nie trennen" - wobei der Briefschreiber seinerzeit nicht zuletzt das gemeinsame, entsprechend kostengünstigere Büchersammeln im Blick hatte - beantwortet Wilhelm rührend in mehr als einem Märchen: "Ich will dich ja nimmermehr verlassen", sagt Schwesterlein zu dem (nach Jungsart aus Unvernunft) Reh gewordenen Brüderlein. "Wir wollen uns nicht verlassen", sagt Schneeweißchen. "So lange wir leben nicht", entgegnet Rosenrot. Auch das Traute in den Märchen der Brüder Grimm ist eine Erwachsenen-Fiktion - obwohl sie vielen Kindern ebenfalls geläufig sein wird.
Die Brüder Grimm gingen selten getrennte Wege, wohnten am liebsten zusammen und zwar am allerliebsten in Kassel, aber auch in Göttingen oder Berlin. Der fast zeitlebens kränkelnde Wilhelm gründete 1825 eine eigene Familie, in die Jacob selbstverständlich einbezogen blieb. Gemeinsam ärgerte man sich über und sorgte sich um die teils nichtsnutzigen, teils einfach nur jüngeren Geschwister. Wie die meisten älteren Geschwister unterschieden sie zwischen beiden Anteilen nicht immer scharf.
An ihren Schreibtischen hingegen verfolgten sie neben den gemeinsamen ihre eigenen Veröffentlichungen. Zu Wilhelms Steckenpferden gehörten die altdänische und die mittelhochdeutsche Literatur. Bei aller Bibliothekars-Freude am noch so winzigen Beleg und Detail ist das Ergebnis aber nicht weltabgewandt. Immer wieder läuft es darauf hinaus: Sprache bleibt ständig in Bewegung. Sprache ist lebendig. Den Brüdern ist das keine Floskel, überall wächst, gedeiht, blüht es und entwickelt sich im Idealfall natürlich. Obwohl Jakob mit seiner "Deutschen Grammatik" zu Ruhm kommt und das gemeinsam gestartete "Wörterbuch" bis heute ihren Namen trägt, sind sich die Brüder einig: Lieber keine Grammatik und kein Wörterbuch, als dass beides die ständige Fortentwicklung der Sprache einschränkt.
Die Schriftsprache, erklärt Wilhelm im Vorwort zu seinem Büchlein "Über deutsche Runen", reduziert die immensen Möglichkeiten der Sprache fatal auf eine bestimmte Anzahl Buchstaben. "Wenn die Schrift", so Wilhelm, "immer weiter um sich greift und die lebendige Rede verdrängt, verliert jenes angeborene, feine Gefühl für die Natur der Sprache seine glückliche Sicherheit." Der Weg führt von hier aus direkt zurück zu der Märchensammlung.
Denn auch sie ist jahrzehntelang in Bewegung geblieben. Angeregt durch Wilhelms Freund Clemens von Brentano, begannen die Brüder mit dem Sammeln, 1812 erschien der erste Band, 1815 der zweite. Erfolg stellte sich zunächst nicht ein. Brentano schrieb an Achim von Arnim, die Fleißarbeit sei bewundernswert, er finde jedoch "die Erzählung, (aus Treue) äußerst liederlich, und versudelt, und in Manchem dadurch sehr langweilich".
Aber welche Treue könnte er meinen? Jacobs und Wilhelms Zuträger beziehungsweise Zuträgerinnen waren ja keineswegs so einfache Dörfler, wie sie ihren Lesern suggerierten - auch deshalb, weil die Brüder vermutlich zu zurückhaltend waren, um sich im großen Stil als Feldforscher unter das Volk zu mischen (nicht nur aus diesem Grund hätten sie das Arbeiten am Computer zweifellos geliebt!). Das bekannteste Beispiel: Die als "Bäuerin Dorothea Viehmännin" aus dem Dorf Zwehrn vorgestellte Frau war als Hugenottin mindestens zweisprachig, außerdem Tochter eines Wirts und mit einem Schneider verheiratet. Viele Helferinnen der Grimms konnten lesen, waren belesen und hatten zudem einen französischen Migrationshintergrund. In einem Mischmasch aus Wahrheit und Mogelei führen die Brüder im Anmerkungsapparat neben ihren "hessischen" Quellen auch internationale Vorbilder an.