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Literatur

08. August 2014

Mahler: Der Weltverbesserer / Lachmaschine: Der Wicht, der Zeichner und seine Mutter

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Der Weltverbesserer von Mahler / Bernhard erfriert gleich, wenn ihm die Frau nicht stante pede ein heißes Fußbad bringt.  Foto: Mahler / Suhrkamp

Ziemlich genial, und es fehlt unangenehm wenig: Der Zeichner Nicolas Mahler nimmt sich Thomas Bernhards „Der Weltverbesserer“ und in „Franz Kafkas nonstop Lachmaschine“ auch gleich noch die Kulturbranche vor.

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Es wirkt selbstverständlich richtiger und beeindruckender, wenn Bernhard Minetti Thomas Bernhards „Der Weltverbesserer“ spricht, spielt und ist. Und doch verliert sich dieses Bild nach und nach beim Durchblättern von Nicolas Mahlers gezeichneter Version, die einen Wicht im erforderlich hohen Sessel schwadronieren, grollen, meckern und schweigen lässt.

Kein Mensch aus Fleisch und Blut kann ein solcher Wicht sein. Ist er es aber doch, so ist er sogleich auch eine tragische Figur. Die sanguinische Kälte eines der berühmtesten Bernhard’schen Rechthaber & Jammerlappen kann aber mit wenigen Strichen und nasenbetontem, halslosem Profil in einer Ungebrochenheit transportiert werden, wie es im dreidimensionalen Raum nicht möglich wäre.

„Der Weltverbesserer“ ist nach „Alte Meister“ die zweite Bernhard-Adaption des Wiener Zeichners und Illustrators Mahler. Auch dieser Stoff ist auf den ersten Blick nicht comicstripaffin, auf den zweiten aber ideal. Denn es ist ja nun nicht direkt so, dass gar nichts passieren würde.

Der halslose Wicht hockt im hohen Sessel, der – ei, wie wär das schwierig auf dem Theater – seine Höhe manchmal ändert, je nach emotionalem Auf- und Abschwung der Situation. Er schikaniert die Frau, die stoisch zu ihm steht, und bei Mahler ist ihr Stoizismus langnasig und total.

Die Bücher

Mahler/Thomas Bernhard: Der Weltverbesserer. Suhrkamp,Berlin 2014. 124 Seiten, 12 Euro.

Mahler: Franz Kafkas nonstop Lachmaschine. Reprodukt,Berlin 2014. 126 Seiten, 16 Euro.

Antiqua-Großbuchstaben reichen völlig aus, um dem „Traktat zur Verbesserung der Welt“ seine Würde zu geben, die der Wicht als dessen Autor selbst ständig aufs Spiel setzt. Sein Problem ist tatsächlich, dass alles um ihn herum zu groß für ihn ist. Selbst sein eigenes Buch, selbst das Hörrohr, selbst die napoleonhutartige Perücke, und um an das heiße Fußbad zu kommen, muss er sich tief herablassen vom Sessel.

Mahler geht dabei zu straff und zügig vor, um ihn possierlich oder einfach bloß lächerlich zu machen.

Man kann sich gut vorstellen, wie wiederum der Zeichner sich gut vorstellen kann, welcher Pathos- und Lächerlichkeitsgehalt zu einer von ihm ausgewählten Szene passt (dass es diesmal galt, einen ohnehin bereits ökonomischen Theatertext zu kürzen, war gegenüber dem „Mann ohne Eigenschaften“-Projekt gewiss ein Vorteil): Der Weltverbesserer wird also just in den Momenten auf ebenfalls viel zu großen Krücken im Weißraum schier verschwinden, als er die FAZ mit den Worten zitiert, er sei epochemachend.

Nicht zuletzt hat es freilich seine Vorteile, dass Pausen im Comic eine zwar gut zu markierende Länge darstellen, vom Betrachter aber nach Belieben abgekürzt werden können.

Und nicht zuletzt durch die Arbeiten von Mahler hat sich der lesende Mensch daran gewöhnt, dass aller Wortreichtum in einen Comic aufgelöst, in einem Comic eingelöst werden kann. Dennoch widmet er seinen ebenfalls aktuellen Band „Franz Kafkas nonstop Lachmaschine“ unter anderem der Frage, wie sich der Comiczeichner in der Kulturwelt platzieren kann. Mit Literaturadaptionen zum Beispiel. Die einen sind schlechter Laune, weil er zu wenig Text bietet, die anderen, weil er zu viel Text bietet. Die einen verstehen die Bilder nicht, die anderen die Texte nicht.

Die Mutter, mit der der Comiczeichner telefoniert, interessiert sich ohnedies für andere Dinge, wenn ihr Sohn zu ihr sagt: „Es ist schon eine Herausforderung, dem Bernhard gerecht zu werden.“

Die „Lachmaschine“ ist manchmal auch böse, Rezensenten und Germanisten werden bisweilen verlegen weiterblättern. Aber lachen müssen sie doch.

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