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Literatur

10. Februar 2016

Marcel Beyer Poetikvorlesung: Tränenreich, unverheult

 Von 
Marcel Beyer, Frankfurter Poetikdozent im Winterhalbjahr 2015/16.  Foto: imago stock&people

Wer weint wann und warum? Wer weint nur in der Erinnerung? Marcel Beyer beendet seine durchaus gesalzene Frankfurter Poetikvorlesung.

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Tränen erschweren das Sprechen, weichen   das klare Denken auf, beschädigen Handschriftliches und Tintenstrahlgedrucktes, entstammen überhaupt einer anderen Sphäre als Worte. Ohne Nachschub verflüchtigen sie sich sodann zügig, ist das Tränenmeer doch blanke Poesie. Gleichwohl erregen sie stets Aufmerksamkeit, auch ihr Fehlen, denn sie haben ihren Platz oder sind heillos deplatziert. Sie gehen dabei durchaus mit der Zeit, die sich für weinende Männer interessiert oder sie verachtet, weinende Kinder schlägt oder zum Therapeuten schickt, weinende Frauen hätschelt oder nicht zur Abteilungsleiterin macht. Wo Tränen rollen, hinterlassen sie Spuren.

Für einen Schriftsteller, der sie bisweilen einsetzen wird, dem sie sich aber durch fehlende Sprache und gedrosselten Intellekt zugleich entziehen, müssen sie einen besonderen Reiz haben. Marcel Beyer nannte seine tränenreiche, aber unverheulte Frankfurter Poetikvorlesung insofern auch „Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert“. Alle fünf Teile widmete er den Tränen, ohne dass man am Ende den Eindruck hatte, nun sei aber doch alles gesagt. Und tatsächlich reagierte er manchmal ein bisschen gereizt, niemals dem Publikum, ausschließlich dem Gegenstand gegenüber. Das Sentimentale, Verlogene, Kalkulierende – alles drei weiß mit Tränen umzugehen – weckte sein Misstrauen: In Gestalt von Heintje beim Singen des Liedes „Mama“ etwa, in Gestalt des (ungenannten) Fernsehmoderators Guido Knopp als Augenzeuge des Busenattentats auf Theodor W. Adorno, in Gestalt von Helmut Kohl am Grab von Rainer Maria Rilke (ein Besuch, der Beyer nachhaltig irritierte). Knopp geriet dabei besonders ins Visier des Dozenten, weil die Unterstellung ihn nervte, mehr noch womöglich als die saudumme Attacke selbst.

Die spiegelte sich dann von der ersten in die letzte Stunde, in der Beyer auf den Medientheoretiker Friedrich Kittler (1943-2011) zu sprechen kam. Ihm, wusste Beyer zu berichten, warfen Studentinnen zum Abschied Büstenhalter zu, was offenkundig noch blöder ist und was Beyer einleuchtend als Ankunft in der Tuttifruttiwelt des Privatfernsehens las. Das Privatfernsehen als eine der beiden Säulen der geistig-moralischen Wende durch Kohl. Die zweite Säule: die schwarzen Kassen, deren Ursprünge späterhin bekanntlich als „jüdische Vermächtnisse“ deklariert wurden, ohne, sagte Marcel Beyer, dass der also Sprechende sofort tot umgefallen wäre.

Tränen in der Politik

Ja, Beyers Poetikvorlesung durchzog einerseits eine Art von Schärfe, die jenen, die in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre geboren wurden, vertraut sein kann. Das fiel auch auf, als er (mehr als einmal) an den 1. Oktober 1982 erinnerte, einen Tag, an dem in seiner Schule offenbar der Unterricht ausfiel und der Fernseher lief (natürlich kann sich eine Generation glücklich schätzen, die in ihrer Kindheit kaum ein ärgeres innenpolitisches Datum zu nennen weiß). Andererseits war es seltsam zu erleben, wie ruhig Beyer Dinge nebeneinanderstellte und nebeneinander stehen ließ. Von Stunde zu Stunde waren es Szenen, Bilder, Lieder, die ihm als Ausgangspunkte dienten – und die er weder mit Musikeinspielungen noch mit Dias garnierte, so dass das Wort und zwar das Wort des Schriftstellers sich seine Stellung zurückeroberte.

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So ging es um die Tränen als erst im Rückblick unerlässlichen Bestandteil des 20. Jahrhunderts (Knopp und nur Knopp, so Beyer, erinnert sich viel später an einen weinenden Adorno); um den langen Weg der Tränen in die Politik (Franz Josef Strauß, der schwitzte, aber nicht weinte); über die Tränen der Sentimentalität, die Beyer nicht als „die salzlosen Tränen der Ungebildeten“ abtat (Thomas Mann über die dumme Frau Stöhr). Sie interessierten ihn vielmehr in ihrem Ursprung und Wesen, eine Tränen-Exegese, in denen auch private Szenen das Spektrum der Lesarten erweiterten.

Denn am Rande war einiges über das Beyerische Familienleben zu erfahren. Alles war aber Vorlesung, nichts wurde Plauderei. Beyer, der sich für das konzentrierte Zuhören bedankte, rief dieses doch selbst hervor. Und überließ den Brüdern Grimm das letzte Wort, indem er das Märchen vom „Mädchen ohne Hände“ anerzählte, in dem Tränen nicht zuletzt ihren praktischen Nutzen demonstrieren.

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