Literatur

03. Dezember 2012

Mark Twain „Der geheimnisvolle Fremde“: Und der Teufel lacht farbenfroh

 Von Christian Schlüter
Mark Twain in seinem Schreibzimmer. Foto: dapd

Beinahe rechtzeitig zum 177. Geburtstag von Mark Twain hat es der Carlsen Verlag geschafft, eine ganz besondere Geschichte des großen Schriftsellers Mark Twain herauszubringen. „Der geheimnisvolle Fremde“ ist ein düsterer Abgesang auf die Menschheit.

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„Der geheimnisvolle Fremde“ gehört zum Spätwerk von Mark Twain, veröffentlicht wurde sie erst postum. Da sie uns in mehreren Versionen überliefert ist, finden Philologen allerlei Anlässe für Einordnungs- und sonstige Verständnisfragen. Doch stellen wir das kurz beiseite und richten das Augenmerk auf die an diesem Dienstag erscheinende Neuausgabe. Denn ihre Besonderheit besteht darin, sehr großzügig, also flächendeckend und krachig-bunt illustriert zu sein.
Dafür zeichnet Georg Barber verantwortlich, besser bekannt unter dem Namen ATAK. Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend, was vor allem daran liegt, dass sich der 1967 in Frankfurt an der Oder geborene Künstler eher mit farbrauschhaften, wild-primitiven und brachial-direkten Bildern bekannt gemacht hat. Dabei verbindet sein angriffslustiges Mal- und Zeichentemperament das Rustikale und Obszöne durchaus mit Versatzstücken aus der Hochkultur. Beispielhaft ist das in der Heftserie „Wondertüte“ (ab 1998) zu bestaunen. Erwähnt sei auch ATAKs Gründungsmitgliedschaft bei der legendären „Renate“, jenem heftförmigen Labor für verquere Text- und Bild- und überhaupt Erzählexperimente. Und die Leser dieser Zeitung seien an die tolle Unter-dem-Strich-Serie „ATAK vs. AHNE“ erinnert.

Düstere Visionen, lichte Bilder

Die Frage lautet also: Kann sich ein Berserker auf einmal als Illustrator ganz bescheiden geben und in den Dienst eines Textes stellen? Kann, wer schon solche Comic-Preziosen wie das lärmig-schräge „King Kong und die NATO“ auf dem Gewissen hat, seinem offenbar unbändigen ästhetischen Eigensinn entsagen? Klare Antwort: Aber ja doch! ATAK hat sich als Illustrator längst bewährt, wobei seine Zeichnungen etwa zu Jim Dodges Roman „FUP“ und in „ADA – von Gertrude Stein“ eher als kongeniale Ergänzung zu dem literarischen Ausgangstext zu verstehen sind. Sie unterwerfen sich ihm keineswegs als dessen bloße Erklärung oder Erläuterung.

Das birgt immer ein gewisses Risiko, im besten Falle stellt sich aber eine filigran austarierte Balance zwischen Text und Bild ein. Comic-Zeichner haben damit viel Erfahrung. ATAK hat sich schon immer kräftig aus den Zeichenvorräten von Pop und Pulp bedient und sich dabei stets den kunstgeschichtlich informierten Seitenblick bewahrt. Das ist auch bei „Der geheimnisvolle Fremde“ der Fall: Von René Magrittes „Ceci n’est pas une pipe“ über George Lucas’ „Star-Wars“-Personal und Walt Disneys Micky Maus bis zu ornithologisch korrekten Vogelzeichnungen und klassischen Buchschmuckelementen reicht das Repertoire.
Erstaunlich an dieser Unternehmung ist nun, dass trotz der enormen Bildervielfalt die Fantasie des Lesers nicht erdrückt wird. Im Gegenteil, wer sich auf sie einlässt, kann sich noch in ganz andere, etwa an Hieronymus Boschs grausame Grotesken erinnernde Bilderwelten entführen lassen. Das nur als ein Beispiel, an dem deutlich wird, wie sehr ATAKs zeichnerische Arbeit sich auch als historisch sehr bedachte Illustration der von Mark Twain im 16. Jahrhundert angesiedelten Geschichte verstehen lässt. Hier wurden Hexen verbrannt, führten Adel und Klerus ein unbarmherziges Regiment.

Twain hat „Der geheimnisvolle Fremde“ in eine weit entfernte, aus amerikanischer Perspektive wohl unwirkliche Ferne gelegt: ins Mittelalter an der Schwelle zur Neuzeit und nach Österreich. Wir dürfen annehmen, dass er mit dieser Distanzierung pädagogische Zwecke verfolgte. Seine beinahe schon Fabel zu nennende Fantasie ist eine Lehrgeschichte, ein romanesk eingepackter Essay über den moralischen Hochmut des Menschen, der sich auf seine Sittlichkeit so viel einbildet und sich durch sie als Krone der göttlichen Schöpfung wähnt und gerade deswegen, nämlich im Namen Gottes, die schlimmsten Grausamkeiten begeht. Damit zielt Twain auf seine Gegenwart.

12 Jahre für einen Roman

Der Amerikaner brauchte zwölf Jahre und drei sehr unterschiedliche Fassungen, um diesen Roman zu fertigzustellen. Die letzte Version erschien verhältnismäßig spät unter dem Titel „Nr. 44 – Der geheimnisvolle Fremde“ (Tropen Verlag, 1999), dagegen wurde eine frühere, deutlich verkürzte Version bereits 1916 von Twains Biographen Albert Bigelow Paine veröffentlicht. Sie diente den Übersetzungen lange Zeit als Vorlage und sie liegt auch ATAKs Illustrationen zugrunde. Auf diese Weise lernen wir einen jugendlichen, sehr einnehmenden und gut gelaunten Satan kennen, genauer gesagt: den sympathischen Neffen vom bösen Alten, vom Teufel also. Er freundet sich mit drei Dorfburschen an.

Im weiteren Verlauf lassen Jung-Satan und damit auch Twain nichts unversucht, die drei österreichischen Grünschnäbel über die verderbte Herkunft Gottes, aber auch die Blödigkeit und Verführbarkeit des Menschengeschlechts aufzuklären. Anders als bei den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn dämpft Twain das Elend nicht mehr durch seinen optimistisch gestimmten Humor, sondern ergeht sich ganz in düsteren Ahnungen. Das Groteske und Absurde beschreibt er in kräftigen, thetischen Sätzen; immer wieder greift er dabei auf fantastische bis märchenhafte Bilder zurück. Und genau hierin folgt ihm ATAK mit seinem kräftigen, thetischen Strich, der auch der entferntesten Fantasie noch den Charakter unverrückbarer Normalität gibt.
„Auch du bist nur ein Gedanke, ein schweifender Gedanke, ein nutzloser Gedanke, ein heimatloser Gedanke, der einsam die Ewigkeiten durchstreift.“ Mit dieser Einsicht verabschiedet sich Satan vom Menschen. ATAK hat ihn beim Wort genommen und fantastische Bilder für diesen einen Gedanken gefunden.


ATAK, Mark Twain: „Der geheimnisvolle Fremde“. Carlsen, Hamburg 2012. 144 Seiten, 24,90 Euro.

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