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Literatur

29. November 2012

Mark Twain Autobiographie: „Ich kam kopflos zur Welt“

 Von Judith von Sternburg
1906, Veranda von Upton House, New Hampshire  Foto: Albert Bigelow Paine

Ein echter Mark Twain: Die „Autobiographie“ erscheint nach über hundert Jahren nun auch auf Deutsch.

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Samuel Langhorne Clemens, der heute vor 177 Jahren im US-Bundesstaat Missouri zur Welt kam, war unter seinem Künstlernamen berühmt genug, dass Post ihn auch erreichte, wenn sie an „Mark Twain – Irgendwo“ adressiert war. Einzelne New Yorker Postbeamte erwiesen sich umgekehrt als unerbittlich und schickten Briefe ins falsche Hartford, während es doch, wie Mark Twain versichert, keinen Erdenbewohner gab, der nicht wusste, welches Hartford gemeint war, wenn sein Name dabei stand.

Ihm war klar, dass er ein bekannter Mann war, und es machte ihm Spaß. Und er war ein viel zu findiger Berufsschreiber, um die Welt hundert Jahre warten zu lassen, bis sie von solchen Vorfällen Kenntnis nehmen konnte. Viele der pfiffigsten Geschichten aus seiner „Autobiographie“ werden dem Leser schon begegnet sein.

Witziger Medienrummel

Dennoch war es ein großes Hallo, als das umfangreiche Textkonvolut (drei Aktenmeter) 2010, hundert Jahre nach seinem Tod, in Amerika veröffentlicht wurde – so wie der Autor das verfügt hatte und sich dabei bis zuletzt als Individualist und Marketinggenie erwies. Denn einerseits hatte er erklärtermaßen dieses eine Mal schreiben wollen, ohne an die Entrüstung seiner Zeitgenossen und namentlich seiner Frau denken zu müssen. Andererseits bescherte er sich mit dem Abstand eines Jahrhunderts noch einmal einen großen Medienrummel.

Und einen witzigen Medienrummel, wenn man Folgendes mitbedenkt: Dass mehr als ein Verleger seit 1910 bereits keck Teile des Konvoluts veröffentlichte. Dass nichts auf diesen Seiten steht, das dem gemeinen Leser im Rückblick noch erklären könnte, inwiefern ein solcher Zeitabstand notwendig war. Dass nämlich die Leute, über die er freche Dinge schreibt, und die Ereignisse, über die er sich despektierlich, vor allem aber mit Lust am Detail äußert, weitgehend (um nicht zu sagen: völlig) in Vergessenheit geraten sind. Dass selbst die reizende Formulierung von Ralf Vollmann im Vorwort zur deutschen Ausgabe, Mark Twain sei der „höflichste aller Schreiber, der lieber zehnmal nachdenkt, eh er einmal den Leser ermüden könnte“, zwar im Prinzip trifft, hier aber dennoch ein Autor auftritt, der plappert, wie es ihm gerade einfällt.

Nichts wird hier offenbart, was nicht im Prinzip bekannt gewesen wäre. Mark Twains Sinn für Anstand bricht sich Bahn, wenn er sich ausführlich über die Berichterstattung zum Massaker an den Moro auf den Philippinen empört, das quasi während der Niederschriften von 1906 stattfindet und ganz nach dem „Geschmack christlicher Schlächter“ gestaltet wird, nämlich das tagelange gefahrlose Morden einer hilflos eingekesselten Menschengruppe. „Inwiefern war es eine Schlacht?“, fragt Mark Twain, aber er fragte das auch seinerzeit schon öffentlich.

Ein besonderes Buch

Wenn er sich hineingräbt in die Rekonstruktion einer geschäftlichen Pleite mit einer Setzmaschine, dann endet das mit einer behaglich grobianischen Wendung gegen den Mann, der ihm das eingebrockt hat („dabei weiß er genau, dass ich, wenn ich seine Eier in eine Stahlkappe bekäme, ihm allen menschlichen Beistand versagen und zusehen würde, wie er zugrunde ginge“). Aber auch Grobianisches liest sich mit diesem Abstand ruhigen Blutes. Und es kommt hier seltener vor, als sich mancher Leser es damals erhofft haben mag.

Trotzdem ist die „Geheime Autobiographie“, der sich auf Deutsch der Aufbau-Verlag in einer entsprechend aufwendigen, bebilderten, kommentierten zweibändigen Ausgabe angenommen hat, ein besonderes Buch. Im Nachwort kann die amerikanische Herausgeberin, Harriet Elinor Smith, herausarbeiten, dass der Autor es sich tatsächlich genau so vorgestellt hat: keineswegs chronologisch, keineswegs vollständig, stattdessen das Autobiographische mit dem Tagebuchartigen vermengend. Gedankensprünge sind das strukturierende Prinzip. „Rede nur über das, was dich im Augenblick interessiert“, schreibt Mark Twain und führt noch einmal seinen (vergeblichen) Plan aus, eine Zeitschrift namens „The Back Number“ zu gründen, in der alte Nachrichten abgedruckt werden sollen – weil nur der Nachricht die unmittelbare Spannung des Geschehens anhafte, die durch späteres Nachdichten verloren gehe.
Dass Mark Twains Welt eine Welt des öffentlichen Redens und öffentlichen Schreibens war und beides gleichermaßen eine von ihm bespöttelte, aber geliebte Kunst, gehört zu den Elementen, die das Stückwerk zusammenhalten. Ein Abschnitt geht auf Duelle unter Zeitungsredakteuren ein. Duelle im Sinne von: Pistolenduelle. Es waren andere Zeiten, keine schlechten für Journalisten.

Twain-Leser kennen diese Erzählstrategie und bekommen sie hier noch einmal üppig vorgeführt. Der Autor, der über Jahrzehnte an den Plänen für eine Autobiographie laborierte, der immer wieder Anlauf nahm, kam selbst zu dem Schluss, dass nur dieser Weg sinnvoll war. „Was für einen winzig kleinen Bruchteil des Lebens machen die Taten und Worte eines Menschen aus! Sein wirkliches Leben findet in seinem Kopf statt und ist niemandem bekannt außer ihm.“ Offenbar verfolgte er allen Ernstes das Projekt, seine Leser an diesem Geschehen in seinem Kopf teilhaben zu lassen. Obwohl er kopflos geboren worden sei, wie er schreibt, sich zum verwirrten Autor stilisierend.

Zu den stärksten Passagen gehört seine Kommentierung der „Biographie“, die seine Tochter Susy als Kind über ihn geschrieben hat. Er diktiert das 1906, Susy ist 1896 mit 24 Jahren gestorben. „Es ist eins der Geheimnisse unserer Natur, dass ein Mensch völlig unvorbereitet von einem solchen Blitzschlag getroffen werden kann und überlebt.“ Die Zeilen des Vaters gut hundert Jahre später zu lesen, macht daraus eine Art doppelt umhüllte Zeitkapsel, eine dickwandige Flaschenpost durch die Jahrzehnte.

Harry Rowohlt liest aus der „Geheimen Autobiographie“: am Sonntag, 2. Dezember, 19.30 Uhr, im Maxim Gorki Theater. Einführung: Hans-Christian Oeser.

Mark Twain: Meine geheime Autobiographie. Aufbau Verlag, Berlin 2012. 2 Bde., 1129 S., 49,90 Euro.

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