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Literatur

07. Januar 2016

Martin Walser: Das vorletzte Wort hat der Schriftsteller

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Martin Walser bei einem Interview in seinem Arbeitszimmer in Nußdorf bei Überlingen, Dezember 2015.  Foto: dpa

Weiterschreiben, -lieben, -leben: Der Roman „Ein sterbender Mann“ setzt das Spätwerk Martin Walsers lässig, gierig, üppig fort. Von einer Formulierungslust sind seine Protagonisten durchdrungen. Tango hat den Sex ersetzt.

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Eine phänomenale Lässigkeit durchzieht dieses Buch. Gleichwohl sind sein Thema die letzten Dinge und seine Protagonisten und Protagonistinnen von Formulierungslust und -wut durchdrungen.

Fallhöhen tun sich auf allen Ebenen auf: Zwischen der Sorgfalt, mit der Menschen im Suizidforum Selbstdarstellung betreiben, und dem Tod als Ende aller aparten Decknamen und gestelzten Forumsbeiträge. Zwischen dem Zelebrieren der Todessehnsucht im Forum und der flüchtig eingeflochtenen Nachricht einer niederschmetternden Diagnose. Zwischen dem Tod weiter Teile des Romanpersonals und dem derzeitigen Weiterleben des Erzählers. Zwischen dem zornigen Gejammer, mit dem er „die Geschichte meines Sturzes“ ankündigt, und seiner fabelhaften Lebenszugewandtheit. Zwischen seiner Endzeitstimmung und seiner taufrischen Fernliebe zu einer demnächst arbeitslosen Büroleiterin und ambitionierten Tangotänzerin. Furchtbar komisch, dass seine Frau den in ihren Mann eingeschlagenen Liebesblitz vorerst für einen Schlaganfall hält. Sie heißt Iris, wie schon die Frau des Schriftstellers Basil Schlupp, der im „Dreizehnten Kapitel“ (2012) ebenfalls von der Liebe auf den einen Blick erwischt wurde.

Auch wird der bejammerte „Verrat“ des Erzählers durch seinen einst besten Freund, den snobistischen Lyriker Carlos Kroll, zwar ausführlich dargelegt, aber es ist praktisch unmöglich, die Abgründigkeit dieses Verrats ernstzunehmen. Zu weit hergeholt, viel zu kunstvoll sind die Beziehungskonstruktionen in diesem Buch, um sie für bare psychologische Münze zu nehmen, so auch die zwischen dem Künstler und jenem Erzähler Theo Schadt. „Unscheinbar. Das ist das richtige Wort für mich“, so definiert er sich. Als Sohn eines Erfinders ist er selbst bloß ein Verkäufer, allerdings ein vorzüglicher. Darum hat er die Firma PATENTE & MEHR gegründet, die 41 Mitarbeiter hatte, bevor Kroll sie mit einem Tipp für den anscheinend recht charismatischen Konkurrenten Oliver Schumm ruinierte.

Unternehmer Schadt kokettiert mit seiner literarischen Unbildung, lässt sich von Kroll erklären, wer Stefan George ist (denn von einem Kroll-Kreis träumt Kroll), und von seiner Frau Iris, was in Kleists „Findling“ vorkommt (denn als eine Ausgeburt der Hölle wie Nicolo erscheint ihr der Verräter). Aber nicht nur nennt er sich selbst im Suizidforum Franz von M. und erweist sich an anderer Stelle als ehemaliger Vielleser, sondern schreibt auch seinerseits Ratgeberbücher. „Wolkenbruch. Anleitung zur Selbstbefriedigung“, „Rumpelstilzchen. Anleitung zur Selbstfindung“. „Dass andauernd Bücher geschrieben und gedruckt werden, reizte mich. Ich konnte diesem Reiz nicht widerstehen … .“ Die meisten Titel laufen gut, besser jedenfalls als die Kroll’schen Lyrikbände. Reinste Pose ist es ohnehin, Schadt als Figur jenseits des Literaturbetriebs zu etablieren. Viel zu gut kennt der Autor sich hier aus, um auf feinste Schilderungen zu verzichten.

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Roman. Rowohlt, Reinbek 2015. 287 Seiten, 19,95 Euro.  Foto: dpa

Martin Walsers neuer Roman „Ein sterbender Mann“ handelt natürlich von einem lebenden und liebenden Mann (so heißt der Goethe-Roman von 2008). Der 88-jährige Autor kann nicht anders, wie er und der 72-jährige Theo Schadt in den geschliffenen Sentenzen des Einschubs „Ums Altsein“ ausführen: „Er ist unbereit. Nach so viel Vorbereitung und Altersvorwegnahme ist jetzt alles anders.“ – „Deine Gier, am Leben teilzunehmen, ist gespenstisch. Das Leben schüttelt dich ab, will dich loswerden, du hast dich verbissen ins Leben, wo immer du es erreichst.“ – „Das Altsein ist eine Heuchelei vor Jüngeren.“ Walser gibt sich keine Mühe zu verbergen, dass Schadt so etwas kaum denken und schreiben würde. Das gehört zur Nonchalance und Souveränität dieser Fortsetzung des ausführlichen, bisher mitnichten erschöpft wirkenden Walserschen Spätwerks.

Dass Theo Schadt selbst sich wiederum an einen „Herrn Schriftsteller“ wendet, gehört zu den ironischen Spiegelungen, die der Roman reichhaltig bietet. „Sie können mir gestohlen bleiben. Ich mache mit Ihnen, was ich will“, schreibt Schadt dem „Immer-noch-Veröffentlicher“ (!). Ironie, Satire und Doppelbödigkeit bestimmen das Spiel, denn selbstredend irrt Schadt wie alle Romanfiguren, die sich etwas auf ihre Unabhängigkeit einbilden. Der alte Fuchs von Autor ist es, der die Strippen zieht, indem er seine Protagonisten dazu zwingt, sich für das zu interessieren, was ihn interessiert: Dutzende kleine Geschichten sind es, mit denen er verschwenderisch umgehen kann, und sei es die von Schadts Tochter, der Meeresbiologin Mafalda, deren Mann Axel behauptet, ein Mörder zu sein. Dass das Vorbeisausen am sorglos versatzstückhaft eingebauten Material gelegentlich routiniert erscheint – und das ist es ja nun auch –, könnte Schadt und Walser wohl kaum gleichgültiger sein. Mehr Platz ist für den Tango – Laien lernen etwas, Walser-Leser nehmen nicht ungerührt zur Kenntnis, dass der dafür freilich geeignete Tanz die körperliche Liebe längst ersetzen muss. Und nicht einmal daran hat Schadt selbst den geringsten Teil (auch Iris tanzt nicht mehr). Seine Fernliebe Sina weiß aber eindrucksvoll vom Tango mit einem Palliativmediziner aus Neapel zu berichten.

Der satirische Blick durchdringt nicht nur solche Details, überhaupt die meisten Details. Er bekommt auch Szenen ganz für sich: Die Rekapitulation einer Preisrede auf Kroll, in der die germanistische Lyrik-Exegese fast nicht, gar nicht übertrieben und gerade darum so gnadenlos vorgeführt wird (Lyrikerin Natalie Kurzohr, die sich mit Kroll den Preis teilen soll, ist übrigens nicht angereist). Oder den unwahrscheinlichen, geradezu phantasmagorischen Auftritt Schadts in der TV-Show „Nimm’s mit Humor“, bei dem auf die reine Fernsehsatire noch ein schillerndes Element draufgesetzt wird, indem Schadt sich ausgerechnet hier sagenhaft angepasst verhält. Wie er einen überhaupt zu interessieren beginnt, der nervende, arg eloquente, zugleich konventionelle Kunstkerl, in dem Sina zu Recht den „Ganznehmer“ (nicht bloß den Teilnehmer) entdeckt. Und der doch den Schaden hat, wie sein Name schon sagt.

Zum bunten Strauß, zu dem die Blumenfrauennamen ebenso gehören wie der ausführliche Reisebericht der Tangotänzerin, die in Algerien ihre Wurzeln sucht (und Freundlichkeit und Fremdheit findet), passt glänzend die schriftliche Form. Seit vielen Jahren wählt Walser sie immer wieder mit Erfolg für seine Figuren: Sie schreiben Briefe und E-Mails, abschickbare und nicht abschickbare, Theo, Sina, Iris (die er verlassen wird, wegen Sina, die er kaum kennt) und eine Frau aus dem Suizidforum, die sich Aster nennt. Ebenso posten sie im Netz – Walser muss in Ruhe nachgelesen haben: Er trifft den zwischen Pathos, Wichtigtuerei und heilloser Banalität schwankenden Ton der Nutzer. Auch hier liegt die Parodie in der Wiedergabe.

Die Vielstimmigkeit ist nicht nur die – wie gesagt auch routinierte und doch erneut kaum widerstehliche – Virtuosität des Romanciers, sondern sie besteht auch wirklich. Sina, begreift man, muss die Frau sein, der Walser (anders als der Goethe des „West-östlichen Divan“) vorab für ihre „Mitarbeit“ dankt. Man kann sie leicht im Internet finden und staunt schon bald, wie der Roman von hier aus ins Leben ausufert.

Wenn es nicht anders geht, wendet sich Schadt an den Schriftsteller, so dass sich die Briefform wahren lässt. Wenn seine Geschichte ihn zu sehr plagt, schreibt er sie in der dritten Person auf. Dass der Tod nicht bloß eine weitere Sache ist, über die man reden und schreiben kann, merkt die Leserin erst kurz vor Theo Schadt. Theo Schadt merkt es womöglich gar nicht, trotz allem. Das letzte Wort aber hat der Schriftsteller und er nutzt es, um seine Figur und uns noch einmal nach Kräften zu verunsichern. Es ist auch kein letztes Wort, sondern höchstens ein vorletztes, zum Glück.

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