Am 30. April 1975 notiert Walser: "Als er hörte, dass er nur noch 6 Monate zu leben habe, beschloss er, Chinesisch zu lernen." Ein Einfall? Der Beginn einer tragischen Geschichte? Eine gesicherte Information? Diese Fragen bleiben, zum Glück, offen. So offen, wie sich das Tagebuch überhaupt präsentiert.
Kunst entsteht erst in der Differenz zum Leben. Das gelebte Leben, unmittelbar abgebildet, mag angestrebt werden. In der für die Literaturkritik eher peinlichen Debatte um Helene Hegemann spielt diese Vorstellung eine fatale Rolle. Authentizität ist aber, ästhetisch betrachtet, immer Ergebnis, nie Ausgangspunkt.
Deshalb ist das Tagebuch eines Schriftstellers, in dem das Private als ausgestellte Intimität öffentlich wird, eine problematische Gattung. Der Leser eines Tagebuchs ähnelt dem Voyeur, der durchs Schlüsselloch späht. Das mag noch angehen, wenn die Biographie des Schriftstellers tatsächlich zum Verständnis seines Werkes beiträgt. Ich habe nie die Begeisterung über die Tagebücher Thomas Manns verstehen können. Sein wiederholt harter Stuhlgang hat mir die Gestalt des Adrian Leverkühn nicht näher gebracht. Der Fall liegt anders bei Kafka und wieder anders bei Martin Walser.
Aus einem einfachen Grund. Walser hat sein Leben zum Instrument seines Schreibens gemacht. Er versteht sich als Seismograph, um die Ausschläge sozialer, politischer und privater Erschütterungen am Individuum abzulesen.
Aus diesem Stoff sind ganze Dynastien entstanden, die Kristleins, Horns, Halms und Zürns, Walsersche Helden, die, vom Bodensee kommend, durch alle Welt ziehen, und immer mit dem Empfindungsapparat ausgestattet sind, den er hier, in seinen Tagebüchern, erstmals entwickelt hat.
Geschichtsschreibung des Alltags nannte Walser einmal selbst sein Vorhaben. Es ist mehr: In seinen Büchern nimmt das Leben Gestalt an, es wird auch die Mentalitätsgeschichte, überhaupt die Geschichte der Bundesrepublik (wie übrigens auch die deutschen Teilung) geschrieben.
Dieser Walser kann, wie wir seit langem wissen, viel, er kann beschreiben. Er kann erzählen. Er kann, virtuos wie kein zweiter, mit der Öffentlichkeit, den Medien spielen. Und er kann provozieren. Zudem kann er, absolut einzigartig, leiden - auch an den Reaktionen, die er selbst erst provoziert hat. Er ist spontan, impulsiv, zuweilen auch jähzornig. Zugleich aber ist er stets reflektiert. Stets legt er sich Rechenschaft ab, über sein Tun, sein Unterlassen, und vor allem über sein Denken.
Dieser Mann öffnet uns hier nun wieder freiwillig die Tür zu seinem ansehnlichen Anwesen. Wir dürfen dabei sein. Immer. Fast immer.
Ein Verdiener, vier Töchter, Grundwasser im Keller. Zoff zwischen den Kindern. Kritik knüppeldick. So richtig in den Schoß gefallen ist diesem Walser - nichts.
Und da, bei ihm, sind wir, seine Leser, jetzt wirklich eingeladen? Ja. Walser lässt uns mit am Tisch sitzen, wenn sich seine Töchter beim Essen streiten, zum Beispiel die beiden, aus denen später erfolgreiche Schriftstellerinnen werden sollten, Alissa und Teresia. Wir leiden mit, wenn der Vater die Schauspielerin Franziska mit seinem Text "Sauspiel" in Hamburg auf der Bühne sieht. Wir sitzen mit am Schreibtisch, wenn er Pläne entwirft, Figuren skizziert, Gedanken notiert. Wenn sich allmählich der Chauffeur Xaver Zürn aus einem Gestrüpp von Ansichten und Absichten zu einer deutlicher konturierten Gestalt entwickelt. Wir gehen mit ihm und seiner Familie auf Reisen, nach Virginia, in die USA, begleiten ihn nach Warwick, England.
Wir nehmen an den Auseinandersetzungen mit seinem Verleger Siegfried Unseld teil, in einer schwierigen Freundschaft. Wir teilen auch seine Empörung über den unsäglichen Angriff Reich-Ranickis, der Walser mit seinem Roman "Jenseits der Liebe", ins Abseits - "Jenseits der Literatur" - befördern wollte. Es lohne sich nicht, eine einzige Seite dieses Buches zu lesen, hatte der Literaturpapst ex cathedra verkündet. Der Autor entwirft daraufhin detaillierte Rachepläne. Wir spüren Walsers Wut, sehen seine Ohnmacht, erkennen die Mechanismen eines Literaturbetriebs, der damals begann, sich mit solchen Strategien Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wir lesen zugleich eine Literaturgeschichte der anderen Art, aus der Kollegen-Perspektive geschrieben. Es ist nicht immer und auch nicht für alle die vorteilhafteste Sehweise. Walsers Sottisen gegen Handke und Bernhard, seine ambivalente Haltung gegenüber Max Frisch, Enzensberger und Uwe Johnson, all das wird uns wie hinter vorgehaltener Hand, doch offen erzählt.
Wir dürfen dabei sein, wenn der Autor telefoniert oder unterwegs, auf einer Autofahrt, plötzlich den Wunsch verspürt, an Ort und Stelle mit seiner Frau zu schlafen. Wir werden eingeladen, seine intimsten Regungen zu beobachten. Diese verblüffende, sich und anderen gegenüber oft schonungslose Offenheit darf aber nicht falsch verstanden werden: Walsers Tagebücher sind zwar oft intim, sehr intim sogar, aber sie sind kaum einmal indiskret.
Der jetzt vorliegende, dritte Band, sicher der spannendste überhaupt, umfasst auf 540 Seiten die vier Jahre zwischen 1974 und 1978. Es sind Jahre erbitterter Kämpfe, eine Zeit schlimmer Demütigungen und großer Erfolge. Mit dem "Fliehenden Pferd" galoppiert Walser endgültig an die Spitze der Bestseller-Listen. Um solche Erfolge zu genießen, fehlt es ihm allerdings an Naivität. Er kennt die Bedingungen.
Im Nachwort zum zweiten Band hatte Walser über die "mögliche Unschuld" seiner Tagebücher nachgedacht, dabei zwischen "Aufschreiben" und "Hinschreiben" unterschieden, um die fließende Grenze zwischen Leben und Schreiben näher zu bestimmen. Natürlich bleibt jede angestrebte Unmittelbarkeit eine Illusion. Trotzdem wird das Ich, das sich auf seiner privaten Bühne präsentiert, zum literarischen Helden. Was Walser erlebt und beschrieben hat, das ist der abenteuerliche Weg zu einem großen Werk.