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Martin Walser in Frankfurt: Wenn der Täter selbst schreibt

Martin Walser liebäugelt in seiner Novelle "Mein Jenseits" mit allerlei Skurrilitäten. Zu hören sind sie am heutigen Abend, wenn der Autor im Literaturhaus Frankfurt aus seiner Novelle liest. Von Arno Widmann

Martin Walser: Schlägt er noch nach oder googelt er schon?
Martin Walser: Schlägt er noch nach oder googelt er schon?
Foto: getty imag.

Es muss herrlich sein, ein anerkannter Autor zu sein. Man kann schreiben, was man will. Kein Chefredakteur meldet sich als Bedenkenträger und auch kein Lektor. Letzterer gehört einer Spezies an, die außer einigen Hausarbeiten und Referaten während des Studiums und allenfalls noch einer Dissertation über z.B. "Problemgeschichte der literarischen Utopie zwischen Frühaufklärung und französischer Revolution" niemals etwas geschrieben hat, dennoch aber genau weiß, wie zu schreiben ist und Autoren beibringt, wie sie zu schreiben haben.

Unbelästigt von solcher Besserwisserei schreibt Martin Walser. Zu unserem Glück. Auf Seite 97 seiner gerade erschienenen Novelle "Mein Jenseits" - sie hat insgesamt 119 Seiten - schreibt er: "Jetzt die Handlung." Großartig. Mancher Leser erwischt sich an dieser Stelle dabei, dass er die Handlung - das also, was uns Literaturkritiker so gerne von einem Buch erzählen - überhaupt nicht vermisst hatte. Der Leser, der sich schon gefragt hatte, wann geht es denn endlich los?, wird lachen. Ein Autor, der seine Nöte wahrnimmt - das ist doch was!

Die Lesung

Martin Walser liest aus "Mein Jenseits" am Dienstag, 9. Februar, 20 Uhr, im Frankfurter Literaturhaus, Schöne Aussicht 2.

Die Handlung ergibt sich von selbst

Nach "Jetzt die Handlung" schreibt Walser weiter: "Sollte es mir bis hierher gelungen sein, meine Situation verständlich zu machen, ergibt sich die Handlung von selbst. Es ist kein Einfall von mir, der zu dieser Handlung führte. Es war der Lauf der Dinge." Ist eine Novelle, denkt der Lektor in uns, nicht gerade die Schilderung eines unvorhersehbaren Ereignisses?

Macht der Einbruch des Nicht-Erklärlichen ins Garzugewohnte nicht den Reiz dieses Genres aus? Ja, ja. Aber der Spaß liegt doch - für Autor und Leser - nicht im Einhalten der Regeln, sondern im Bruch oder im Spiel mit ihnen. In "Mein Jenseits" kommt hinzu, dass die Geschichte vom Täter selbst geschrieben wird. Der aber hält natürlich eine Verteidigungsrede. Er ist unschuldig. Er hat nichts getan, sondern wurde vom Lauf der Dinge getrieben. Es gibt eben immer mehrere Regeln. Weicht man der einen aus, folgt man der anderen. Einer Regel mag man entkommen, dem Regelwerk nicht.

Und die Handlung? Der Erzähler raubt eine Reliquie. Ein frommes Thema. Anlass für allerhand mystisch-spirituelle Betrachtungen, in denen sich Ernst und Spott untrennbar mischen. Der nur gerüchteweise über die Literaturszene informierte Leser könnte auf die Idee kommen, diese Novelle habe Walser für die Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz geschrieben. Als (Wieder-)Eintrittsbillet zur Suhrkamp-Kultur.

Er habe es ihr möglicherweise bei der Eröffnung des Interims-Suhrkamp-Hauses in Berlin überreicht. Das wäre dann eine wirkliche Novelle. Aber wahrscheinlich hat der Autor Walser völlig Recht: Ist die Situation verständlich, ergibt sich die Handlung von selbst.

Der Leser steht dumm da

Der Leser freilich, der sich diesen Gedanken hingibt, merkt jetzt, wie dumm er dasteht, wenn er, bevor es zur Handlung gekommen ist, sie aus der Situation ableiten soll. Ihm fällt ein, dass man dergleichen, handelte es sich um die Ableitung der Realität aus der Idee oder des morgigen Kurses meines Aktienpakets, aus der heutigen Situation Spekulation nennt.

Da hat der Autor es eindeutig besser. Er erklärt - wie ein Historiker -, dass alles, was ist, so sein muss, wie es ist, weil sonst nicht es, sondern etwas anderes geworden wäre. Aber anders als der Historiker erfindet doch der Autor seine Welt? fragt - weil sonst niemand da ist - der Leser sich.

Er schlägt also nach. Nein. Er googelt. Letzlingen. Das ist das Dorf in der Nähe des Tatorts, des jetzigen psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, das bis 1803 ein Kloster war. Letzingen soll ein Dorf sein zwischen Donau und Bodensee. Der Name passt prima in die Gegend. Aber es gibt dort kein Letzlingen.

Also erfunden? Nein, gefunden

Also erfunden? Nein, gefunden: In Sachsen-Anhalt gibt es den Gefechtsstandort Heer Letzlingen. Das wird Walser gereizt haben. Noch schöner aber ist Scherblingen. Scherblinge ist die Bezeichnung für eine untere Geisterkategorie. Walser verbeugt sich vor der Liebhaberin großer Mystik, vor Ulla Berkéwicz. Ein kleiner Geist, der dem großen zeigt, was eine Harke ist. Was hier Ernst, was Satire, was Ironie, was tiefere Bedeutung, was einfach nur Lust am Spiel ist, ist nicht auszumachen. Nein das stimmt nicht. Es ist ganz klar: Alles ist alles. Auf einmal.

Natürlich tritt in einem Buch, das vom Älter- und Altwerden handelt, von seinen Skurrilitäten und seinem Liebäugeln mit dem, was nach dem Ende kommen könnte, sollte, auch der Tod auf. Im Flugzeug. Man erkennt ihn unschwer an seinem Geigenkasten. In der Gestalt also, in der er bevorzugt Mädchen begegnet. Schuberts Streichquartett spielte schon vor einem Vierteljahrhundert in Walsers "Brandung" eine zentrale Rolle.

Als er dem Herrn in Rom wieder begegnet, steht der ein paar Meter vor ihm. Der Erzähler flieht vor ihm, überquert die Straße, "auf der der Verkehr mit der Natürlichkeit eines Flusses vorbeitrieb". Styx heißt der wohl. Durch den Verkehr ans gegenüberliegende, rettende Ufer zu kommen, gelingt ihm nur "mit ums Leben bittenden Fuchteleien." Sehr dick aufgetragen. Dick wie die Schminke des Weißclowns, sagt der Lektor. Aber Übertreibung macht die Sache komisch.

Schließlich war es in Wahrheit - ja, das sagt man so - nicht der Tod, also der ewige Begleiter des Lebens, sondern auch nur ein flüchtiger Passagier. Was der Erzähler in "Mein Jenseits" alles "mein Jenseits" nennt, das mag der Leser selbst auszählen.

Das Hotel Locarno in Rom, von dem aus Feinlein Caravaggio erkundet, ist übrigens definitiv keine Fiktion. Es liegt tatsächlich in der Villa della Penna, Nummer 22. Und des Erzählers "Schwelgereien in den Stiltrivialitäten des späten 19. Jahrhunderts" lassen sich auf der Website des Hotels bestens nachempfinden. In diesen Tagen gibt es ein Angebot: 3 Tage, Einzelzimmer: 216,75 Euro. Da, so sagen Veranstalter, die Walser bei seinen Lesungen in geeigneten Hotels unterbringen, wird Walser wohl nicht übernachtet haben. Da haben ihm wohl die Töchter von erzählt. Auch ein Jenseits.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  8 | 2 | 2010
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