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Max Frischs "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch": "Es langweilt mich jeder Satz"

Nie zur Veröffentlichung bestimmt: Die "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch" tragen das Halbgare im Titel. Sie zeigen Max Frisch im Alter kritisch, selbstkritisch und berühmt. Von Judith von Sternburg

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, aufgenommen im Dezember 1989.
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, aufgenommen im Dezember 1989.
Foto: dpa

Der Herausgabe dieses Buches ging ein Scharmützel in der Schweizer Germanistik voraus. Das heißt natürlich zwischen Peter von Matt und Adolf Muschg. Adolf Muschg hat die Publikation eines "Dritten Tagebuchs" von Max Frisch scharf gerügt. Peter von Matt hat es herausgegeben.

Denn in der Max-Frisch-Stiftung, die den Nachlass verwaltet, war Muschg schließlich in der Minderheit. Dabei sind seine Einwände nicht aus der Luft gegriffen. Der Autor selbst hat das Manuskript zu einem "Dritten Tagebuch" nicht in das noch von ihm eingerichtete Max-Frisch-Archiv gegeben. Dass es auch nach seinem Tod 1991 nicht auftauchte, spricht dafür, dass er es vernichtet hat. Frischs Sekretärin überreichte dem Archiv viel später ein Doppel des Typoskripts. Erst 2009 entschloss sich der Stiftungsrat zur Veröffentlichung.

Muschg, der Ende des Jahres ausschied, richtete daraufhin einen strengen Brief an Stiftungsrat und Archiv, der später wie von ungefähr an die Öffentlichkeit gelangte. (Wie von ungefähr? Die Journalistin Pia Reinacher schrieb über den Muschg-/Matt-Clinch in der Weltwoche: "Beide verfügen in der Medienszene über ein getreues Stoßtrüppchen von ehemaligen Schülern - wir alle haben bei ihnen studiert und promoviert.") Muschg legt in dem Brief dar, dass die Befürworter der Herausgabe (darunter sein ehemaliger Verlag, Suhrkamp) weniger rechtschaffen als geschäftstüchtig sind.

"Aber gewiss: ein ,neuer Frisch bleibt ein blendendes Ereignis und als Anreiz für eine Publikation unwiderstehlich ." Was ist die Alternative? "Natürlich kann man einen Text, der nun einmal in der Welt ist, nicht dauerhaft unter Verschluss halten." Ach so? "Ich stelle mir vor, dass er etwa als Anhang einer Neuedition des ,Tagebuchs 2 einen Platz hätte, der zugleich die biographischen Verbindungen herzustellen und die Proportionen zu wahren erlaubt." Ach so.

Wenden wir uns also von einer gewissen akademischen Versnobtheit hin zum handlichen Buch selbst. Es heißt "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch", trägt das Halbgare im Titel. Im Nachwort schreibt von Matt ungefähr dasselbe wie Muschg im Brief, nur mit anderer Schlussfolgerung. Dass der Text für Frisch "zum Zeitpunkt des Diktats abschließend bearbeitet war", relativiert von Matt allerdings selbst mit dem Abdruck einiger erhaltener Seiten aus Frischs eigenem Typoskript. Man sieht die Striche, das schonungslose Weiter-Komprimieren.

Die "Entwürfe" sind aus der Zeit zwischen dem Frühjahr 1982 (dem "Blaubart"-Jahr) und dem Frühjahr 1983, Frisch pendelt zwischen Berzona und den USA. Mit dem Ende seiner Beziehung zu Alice Locke-Carey brechen auch die Aufzeichnungen ab. Die 32 Jahre jüngere Amerikanerin gehört zu den Hauptfiguren der Prosastücke und Miniaturreflexionen (ein "Tagebuch" im Thomas Mann´schen Sinne waren auch die Vorläufer von 1946-1949 und 1966-1971 nicht), ebenso wie der Freund Peter Noll. Im Laufe des Jahres wird er an Krebs sterben. Der ungeschönte Blick auf die Erkrankung des Freundes, der bei einer gemeinsamen Ägypten-Reise einen schweren Zusammenbruch erleidet, ist die stärkste Seite des Buches. Frisch beobachtet Noll und sich, wie er Noll beobachtet. Die Sehnsucht nach der fernen Freundin gerät hingegen manchmal konventionell. Aber auch hier doppelt sich das Beobachten: Er sieht, wie sie ihn sieht und an ihren Vater denken muss, "immer dieses Schon-Wissen, das sie an ihren Daddy erinnert".

Zwischen Alltäglichem leidet der 72-Jährige am Alter. Halbkokett noch das Nicht-mehr-Hoffen auf einen Nachruhm, "Schreiben ist ein anderes Unternehmen geworden ". Nüchtern schon der Gedanke an die wachsende Zahl von Bekannten unter den Toten. "Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht - was nicht heißt, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür? Ich mähe den Rasen."

Denn groß ist ebenso das Leiden am Schreiben. "Es langweilt mich jeder Satz, den ich geschrieben habe, es hilft auch nicht, dass ich Wörter umtausche in meinem Turm, und das ist, was ich tagelang mache; ich tausche Wörter gegen Wörter." Dass die vorliegenden Stücke Frisch nicht auf Schritt und Tritt, aber oft genug widerlegen, kann ihm nicht entgangen sein. Die Zeitreise zeigt einen Schriftsteller, der kritisch und selbstkritisch alt, aber auch berühmt geworden ist. Dass man das schon vorher wusste, nimmt der Lektüre nichts von ihrem Reiz. Gemütlich erzählt Frisch, wie er den Talar für die bereits zweite amerikanische Ehrendoktorwürde hinterher zurückgeben muss.

Vieles funkelt, etwa die fabelhafte Thanksgiving-Szene, in der ein strammer alter US-Richter die Todesstrafe sorgenfrei verteidigt. Zum Essen wird gebetet. Auf der nächsten Seite folgt wieder eine Passage über das Sterben Nolls. Von Matt betont, dass die Reihenfolge von Frisch stammt. Muschg betont, dass Frisch die Noll-Passagen für seine Trauerrede benutzte. Aber verbietet sich darum der Abdruck in diesem doch ganz spannenden Zusammenhang?

Dass Frisch außerdem ein scharfer (zeitungslesender!) Politik-Beobachter ist, macht die Entwürfe zugleich zu einem Panorama der keineswegs theoretischen Atomkriegsangst. Im Gespräch mit einem US-Amerikaner, der provozierend fragt, wie viele Schweizer im Korea-Krieg für die Freiheit gefallen seien, fragt Frisch zurück: "Freiheit für wen?" Wie hätte er ahnen können, dass man diese Frage wenige Jahrzehnte später auch europäischen Kriegsteilnehmern stellen kann.

Einmal schreibt er über seinen Besuch im Frisch-Archiv. "Hätte ich übrigens nicht das Recht, das eine oder andere aus den schicken Rollschubladen zu nehmen und zu vernichten? Das Recht habe ich, aber nicht das Bedürfnis."

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  13 | 4 | 2010
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