Es missfällt ihm - wie man in seiner Rede zum Kleistpreis 2009 lesen kann -, wenn man ihn als Beobachter des Alltags tituliert. Ebenso treffe, sagt er dort, die Bezeichnung Kolumnist daneben (Kolumnisten sind von starker Meinungsfreude angetriebene Leitartikler). So eröffnen die Klassifizierungsprobleme gleich vielversprechende Perspektiven.
Die Kunst- und Literaturgeschichte unterscheidet die (ernsthafte oder komische) Darstellung des Alltags kategorisch von der Historienmalerei, The Big Picture (worum sich auch der Leitartikel als Form immer wieder bemüht). Die Globalisierung des Wirtschaftslebens, die Digitalisierung aller Lebensvollzüge als moderner Inbegriff der Entfremdung, die künftigen Kriege zwischen der islamischen und der westlichen Welt (als Widerspiegelung der globalen Glaubenskrise), die Rache der Natur nach Jahrtausenden der Vernutzung und Ausbeutung...
Nein, keiner von Max Goldts Texten bewegt sich auf diesem Feld (wo das Reden und Schreiben so rasch der Bullshit bedroht). Seine Gegenstände befinden sich regelmäßig in einer anderen Kategorie.
Dieser halbnackte Mensch von Anfang 60, den er, auf einem Friedhof in Berlin-Schöneberg sich ergehend, bei einer rätselhaften Grabtätigkeit beobachtet; die Beliebtheit von Sodbrennen, folgt man den Gegenmaßnahmen, wie sie die Werbung vorschlägt; dass Zahnpasta im Fluggepäck als Flüssigkeit gilt, weil sie streichfähig ist; wie er einmal sich der Diseuse Blandine Ebinger vorstellte und dabei lernte, was Preußen war; wie irreführend das Wort Zynismus verwendet wird; die Umhängetasche bei Männern (im Unterschied zum Rucksack); das chinesische Restaurant, das er regelmäßig frequentiert und dessen Speisekarte zwischen "Tagesgericht" und "Tagesangebot" rätselhaft unterscheidet und wo er einmal, lange mutmaßend, als Gast Klaus Bölling identifizierte, den ehemaligen Regierungssprecher des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, ein unerwarteter Besucher aus dem Big Picture, der Historienmalerei gewissermaßen, dort jedoch abgemustert.
Nein, verglichen mit den Schinken in Essig und Öl, die Peter Sloterdijk oder Ulrich Beck oder auch Botho Strauß regelmäßig zu malen pflegen, handelt es sich bei Max Goldts Arbeiten immer um Stillleben; seine Texte strahlen stets den "Zauber des seitlich daran Vorbeigehens" aus (wie einer überschrieben ist, der dem Sammelband von 2005 den Titel gibt), des Vorbeigehens an den Monumentalthemen.
Was das Textgenre angeht, dessen er sich vorzüglich bedient, so finde ich als passionierter Goldt-Leser ihn immer noch regelmäßig in der Monatszeitschrift Titanic, wo seine Prosa sich auf einer Doppelseite entfaltet, von Fotos begleitet, die den jeweiligen Text zu illustrieren verschmähen und die ausführliche Kommentare in Fettdruck hermetisch erläutern. Die journalistische Form bietet einen fixen Rahmen, innerhalb dessen der Leser sich freudig der Gedankenflucht überlässt, auf die Max Goldt sich so souverän versteht. Des Weiteren eignet der Kolumne - ja, tut mir leid - schon formal eine gewisse Autorität: durch ihre Wiederkehr. Was, fragt der Leser jeden Monat aufmerksam, hat der Arbiter elegantiarum uns diesmal zu eröffnen?
Gedankenflucht. Man weiß am Anfang eines Textes nie, wohin er führen wird. So beginnt das Stillleben mit den Umhängetaschen (für Männer) auf den blutigen Seelower Höhen nordöstlich von Berlin: der Sowjetsoldat, dessen Opfergang das Standbild verewigt, trägt eine. Ein Text, der mit dem Spiegelbild des alternden Mannes anhebt - "halb ausgelernt, halb angefault" - gelangt über die Klage, wie ständig die Kosten eines Aufenthalts in London steigen, zu Margaret Thatcher, dem Hörbuch mit ihren Lebenserinnerungen, "gesprochen von dem Seidendrachen höchstselbst" - und endet grotesk: "Sprachschüler auf aller Welt sollten zum Frühstück einen Teller Haare von Margaret Thatcher essen, damit sich die DNA überträgt und somit die schöne Aussprache." Die so virtuos veranstaltete Gedankenflucht besorgt, dass das Stillleben dann doch metonymisch oder metaphorisch zu einer Welt im Ganzen, zu einer Totalität, wie der ältere Literaturkritiker sagt, sich entfaltet.
Das sind Feuilletons, möchte der ältere Literaturkritiker zusammenfassen. Der leichte Ton, das Plaudern, das vom Hundertsten ins Tausendste kommt - wie sollte heutzutage der Arbiter elegantiarum, der Sittenrichter in Fragen des Geschmacks, seine Autorität ausüben? Das absolute Gehör (falsches Bild), über das Max Goldt im Hinblick auf die fortlaufenden, aber auch minimalen Sittenverstöße des modernen Lebens verfügt, kann seine Urteile nur unter Beimengung von viel Heiterkeit und Gelächter verkünden.
In den Sammelbänden, die ein dankbares Publikum regelmäßig entgegennimmt - ebenso strömt es zu seinen mit höchstem performativen Geschick absolvierten Lesungen - nehmen die Kolumnen oder Feuilletons, ihres journalistischen Kontexts entkleidet, noch einmal ganz andere Züge an.
Die gleichzeitig schweifende und zwingende Sprach- und Gedankenführung, der kunstvoll organisierte Wohllaut - beispielhaft bleibt mir im Ohr der Titel des Sammelbandes von 1993: "Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau" - : Es handelt sich um ein Genre, von dem man immer nur munkelt und bei dem der ältere Literaturkritiker auf Baudelaire, gar Mallarmé zu verweisen pflegt, Gedichte in Prosa.
Sogar ein Grundelement dieser Tradition findet sich in Max Goldts neuem Buch: der Hermetismus, der Verweis auf geheime Traditionen, in die man eingeweiht ist oder nicht. So verschweigt es gründlich die ganze Zeit, warum es "namens Zimbo" heißt und draußen den Zusatz trägt: "Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird."