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Medienmönch Rainald Goetz: Die Gute und die Bösen

Es macht Spaß in Goetz´ Laboratium des Laberns zu lesen. Eine Einschränkung ist: Als Leserin darf man nicht allzu empfindlich sein, denn älter werdende Mädchen verabscheut er. Von Ina Hartwig

Rainald Goetz war viel auf Partys unterwegs.
Rainald Goetz war viel auf Partys unterwegs.
Foto: dpa

Mit seinem bildschönen Kopf - perfekt gestutztes, inzwischen weißes Haar - flog Rainald Goetz unlängst über die Buchmesse, als lebendes Begleitbild zu dem Bändchen "loslabern". So heißt das jüngste Produkt aus dem Dauerprotokoll seines Lebens, in dem viele, viele Menschen meist männlichen Geschlechts der entweder lobenden oder schmähenden Erwähnung für wert befunden werden. Das Buch hat einen ultramarinblauen, festen, zugleich biegsamen Einband (wie ein Jünglingskörper); eine neue Herstellungstechnik, die das Produkt in einen Zwitter aus Taschenbuch und Hardcover verwandelt.

Goetz, der seit Jahren als Hofnarr über Parties und Events tobt und dabei selber zwischen Faszination und Klage, zwischen Rausch und Ernüchterung hin und her schwankt, bezeichnet sich nun als Mönch. Womit die merkwürdige Sexuallosigkeit seines Beobachterpostens angedeutet, nicht aber zufriedenstellend erklärt ist. Man wird den Verdacht nicht los, dass zwischen den Zeilen am Odium des Männerbunds geschnuppert wird.

Das Buch

Rainald Goetz: loslabern. Bericht, Herbst 2008. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 187 Seiten, 17,80 Euro.

Mit gewissen Einschränkungen macht es Spaß, in Goetz´ Laboratium des Laberns zu lesen. Eine Einschränkung ist: Als Leserin darf man nicht allzu empfindlich sein. Denn Frauen - etwa solche "Ende dreißig, die sich immer noch wie ein ganz verrückter Frechdachs von 24 Jahren fühlen" - mag der Autor nicht. Allerdings schont er sich selbst ebensowenig.

Es gehört zu Goetz´ "wunderbaren" Tricks, um eines seiner wenigen Schwarmadjektive aufzugreifen, einen mit Bekenntnissen zu ködern, etwa die eigene Schwäche, Peinlichkeit etc. betreffend. Das ist lustig - wie er sich an Christian Kracht heranwinselt, dessen letzten Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" er eigentlich Mist findet und dem er trotzdem gefallen möchte -; oder Bekenntnisse solcher Art: "mein Lenin heißt Proust / mein Stalin Adorno".

Prousts Gesellschaftssatire verfährt nach dem Prinzip: Man nehme ein besonders begehrtes Fest, beobachte die hochmögenden Gäste ausgiebig und gnadenlos, beschreibe sie ebenso ausgiebig und gnadenlos und gebe sie ihrer eigenen Dummheit und Vulgarität preis, ohne selbst von dem niederen Instinkt des Entlarvens infiziert zu werden. Letzteres ist natürlich die eigentliche Kunst.

Gleich auf drei imposante Feiern schleppt Goetz seine Leser diesmal mit. Auf die Buchmesseparty in der Frankfurter Villa von Joachim Unseld im Jahre 2008; dort war er 2009 wieder zu erblicken (siehe oben). Anschließend will Goetz zur Rowohlt-Party weitergefahren sein, im Taxi eine ihn nervende "Tunnelphobikerin" als Mitfahrerin; was im übrigen nicht sein kann, da die Unseldparty am Donnerstagabend, die Rowohltparty aber am Mittwochabend stattfindet. Vonwegen Fiktion und Wirklichkeit.

Nächstes Partygebilde, dem der Autor seine kritische (Adorno/Stalin!) Aufmerksamkeit widmet, ist der Herbstempfang 2008 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Goetz schreibt "Faz" - in Berlin. Schließlich, drittens, ein Eröffnungsabendessen in den Weddinger Galerieräumen von Max Hetzler, wo Bilder von Albert Oehlen ausgestellt sind. Hier wollen wir verweilen, nicht weil Goetz die Runde besonders streng entlarvte, sondern weil er ganz im Gegenteil in ein entlarvendes Halleluja ausbricht.

Eine Ausnahmefrau steigt aus den Tiefen der Erinnerung auf: Heidi Paris, die an der Seite Peter Gentes den Merve Verlag machte, bevor sie schizophren wurde und sich 2002 getötet hat. Goetz muss an sie denken, während er auf der Oehlenparty an einem von angenehmsten Leuten umkränzten Tische sitzt. Er denkt also an die "wunderbare" Heidi, an ihre "besonders schutzlose Offenheit nach innen". Wir erfahren weiterhin: "Sie war der einzige Mensch, von dem ich mic

h in bestimmten Hysteriehysterien die Zeiten betreffend verstanden glaubte". Sie "neigte zum schnellen, scharfen Impulsurteil", sie war geprägt von der "Versenkungsbereitschaft in Texte, die das Leben der Lesenden, die sie die meiste Zeit ihres Lebens tatsächlich war, im Grund der Ruhe und in der Erregung des Geistes zugleich ausmacht."

Heidi Paris verkörpert, mit anderen Worten, genau das, was all die von Goetz obsessiv verfolgten, beschnüffelten, fotografierten, geschmähten mächtigen Männer (von Schirrmacher bis Döpfner) in seinen Augen nicht sind. Noch wichtiger mag sein: Sie war kaputt auf eine Weise, die der ausgebildete Psychiater Rainald Goetz zu diagnostizieren in der Lage ist. Wer seinen ersten Roman "Irre" (1983) zur Hand nimmt, staunt. Dort werden alle, wirklich alle Aspekte der psychiatrischen Ambivalenz grandios durchgespielt.

Dr. med. Goetz hat dem Metier den Rücken gekehrt und ist Schriftsteller geworden. Doch im Zusammenhang mit Heidi Paris "war quasi eine Psychiatermaschine in mir angesprungen", schreibt er in "loslabern", "die Suizidabwehr als Instantreaktion". An einem "herrlichen Sommernachmittag" weiht Heidi Paris ihn ein; "eine Ungeheuerlichkeit (mich an dem Mord, den sie plante, zu beteiligen)." Und er fährt fort: "so war das Gespräch eigentlich vielleicht dazu da, mich in ihren Lebensentschluss zum sogenannten Freitod einzubeziehen und so meine geistige Begleitung, auch über den Tod hinaus, dadurch zu bewirken."

Darauf also läuft es hinaus: Der Mönch begleitet die Heilige in den Tod. Das ist das tiefe, das große Herzensbekenntnis des Buchs. Die Kritikerin fragt sich nun betroffen, ob diese katholische Glut sich gut macht im Textmeer all der Hass(liebes)tiraden gegen die diversen Medienprinzen und deren von Goetz so wortreich verabscheuten älterwerdenden (pfui) Mädchen.

Autor:  Ina Hartwig
Datum:  27 | 11 | 2009
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