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Literatur

29. Dezember 2015

Michael Cho Comic "Shoplifter": Ladendiebstahl hilft nicht mehr

 Von 
Corrina hat auch Tipps für den Leser.  Foto: 2014 Michael Cho

Ein gelungenes Comic-Debüt: Michael Chos „Shoplifter“ hat eine sinnsuchende, manchmal klauende Protagonistin.

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Diese Farbe, dieses Rosa! Michael Chos Comic „Shoplifter“ ist erst einmal ein Blickfang. Schwarz-weiße Zeichnungen in rosafarbenes Licht eingetaucht, starke Kontraste also, die trotzdem nicht schroff oder flächig erscheinen, sondern eine lebendige, gut ausgeleuchtete Tiefe erzeugen. Erstaunlich, was nur eine Farbe zusätzlich ausmachen kann. Dem kanadischen Illustrator Cho, der bisher mit zahlreichen Buchcovern, immerhin auch mit Arbeiten für den „New Yorker“ und die „New York Times“ und ansonsten einer Sammlung gezeichneter Stadtansichten von Toronto („Back Alleys and Urban Landscapes“, 2012) in Erscheinung trat, ist gleich bei seiner ersten längeren Bildergeschichte ein außerordentliches Stück grafischer Literatur gelungen.

Wir lernen Corrina Park kennen. Sie ist Ende Zwanzig, lebt in einer großen Stadt und arbeitet seit fünf Jahren in einer Werbeagentur, ein Job, der sie, die einmal englische Literatur studiert hat und Schriftstellerin werden wollte, schon lange nicht mehr befriedigt. Die Kollegen bieten auch keinen Trost, ihre übliche, aufdringliche Fröhlichkeit, das berufsjugendliche Gehabe, die allabendlichen Partygängereien und One-Night-Stands – in all dem sieht Corrina nur noch die Verzweiflung von älter werdenden, eigentlich schon zu spät gekommenen Menschen, die nichts mehr fürchten, als in ihrem ansonsten ausgenüchterten Leben irgendetwas zu verpassen. Ödnis und Angst, wohin Corrina schaut, und sie selbst ist schon ein Teil davon.

Als dann noch Agentur-Chef Rodney versucht, ihr das Werbegeschäft als Vollendung des Konsums zu verkaufen, als Kunst, mit der sie, die Werber, ihre Überlegenheit gegenüber der gefühlsseligen, also verführbaren Menschenherde feiern, ist Corrina klar, dass sie weg muss. Sie stürzt ins Freie, ins Labyrinth der Häuserfluchten (dem Anschein nach hat sich Michael Cho für seine Heimatstadt Toronto entschieden) und tut, was sie zuletzt immer tat, wenn sie nicht weiter wusste – sie klaut in ihrem Supermarkt ein Magazin. Nur eine kleine Anspannung, aber eine große, wohltuende Erleichterung, wenn sie nicht erwischt wird. Shoplifting, Ladendiebstahl, ist ihr Ausgleich, ihre kleine Revolte, die sie allerdings nur noch stärker an die verhasste Konsumwelt kettet.

Michael Cho ist mit „Shoplifter“ eine intensive Momentaufnahme geglückt. Seine expressive Farbwahl beschwört die existenzielle Bedrängnis, in die seine sinnsuchende Protagonistin gerät. Alles strahlt in einem düster-rosa Licht, Büro- und Straßenszenen, Häuserfassaden, Laden- und Wohnungseinrichtungen – die Dingwelt erscheint fremd und übermächtig wie ein lebendiger Organismus, der unbeirrbar und gleichgültig einfach da ist und der Corrina bis zur Unkenntlichkeit zu verschlucken droht.

Chos Geschichte erinnert entfernt an die stilbildenden Farbexperimente David Mazzucchellis („Asterios Polyp“, 2011), dabei brechen die mitunter ausladenden, stets rosa-flirrenden Bilder immer wieder die starre Seitenordnung auf.

Kurzum, „Shoplifter“ bietet die seltene Gelegenheit, das eigentlich auf flächige Sichtbarkeit angelegte Medium des Comics in seiner introspektiven Erzähldimension kennenzulernen.

Michael Cho: Shoplifter. Mein fast perfektes Leben. Egmont Graphic Novel, Köln 2015. 96 Seiten, 14,99 Euro.

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