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Literatur

29. Januar 2016

Michael Köhlmeier „Das Mädchen mit dem Fingerhut“: Das niedliche kleine Kind

 Von 
Ein Kind in einer Flüchtlingsunterkunft in Bulgarien.  Foto: REUTERS

Im Dschungel, der unsere Heimat ist. Michael Köhlmeier erzählt in seinem neuen Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ die völlig aussichtslose Geschichte eines fremden Kindes, das durch eine westeuropäische Großstadt irrt.

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Das Mädchen mit dem Fingerhut“ gibt sich also den Anschein, als wäre es ein Märchen. Darin gibt es viel bittere Armut, Hunger, Kälte, Schnee, aber auch das kleine Wunder, einmal satt zu werden, aber auch eine Hexe, einen Prinzen, zwei Prinzen.

Und das Mädchen ist liebreizend und es findet immer jemanden, der ihm zulächelt. Es wird auch gebadet und gefüttert. Vielleicht reicht die Zeit nicht, aber vielleicht begreifen die Erwachsenen auch nicht, worum sie sich kümmern müssten (zum Beispiel um eine Person, die mit dem Mädchen sprechen könnte).

Wenn „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ tatsächlich ein Märchen ist, dann hat der Österreicher Michael Köhlmeier vorher noch tüchtig Hans Christian Andersen gelesen, um im Empathischen nicht den reellen Schrecken zu vergessen.

Aber selbst das führt in die Irre. Der Märchenwald, durch den das Mädchen läuft, ist eine normale Großstadt, sicher in Europa, vielleicht im deutschsprachigen Raum. Die Eiseskälte gehört hier gelegentlich zum Winter dazu. Das Wunder ist möglich, wenn es gelingt, im Supermarkt etwas zu klauen. Die Hexe ist eine Einheimische, die ein niedliches Kind bei sich haben will.

Die Prinzen sind andere Kinder, die hier irgendwie zurechtkommen müssen. Sie sind schon nicht mehr niedlich genug, für sie ist es bereits viel schwieriger, zurechtzukommen, noch schwieriger. Unter den Leuten, die hier leben und mit der U-Bahn fahren und lieber einem kleinen Kind etwas Geld zustecken als einem jungen Mann. Oder eine Süßigkeit. Das ist keine Frage von Märchenhaftigkeit, sondern von Projektion, Fantasie und der Logik beziehungsweise Unlogik in der Mitleidsverteilung.

Ein zäher, wilder Überlebenskampf

Und das Kind versteht zwar konkret und buchstäblich nichts von dem, was hier geschieht, intuitiv aber begreift es genau, dass es in einen zähen, wilden Überlebenskampf verwickelt ist. 140 Seiten lang geht es um den nächsten Schlafplätze und um die nächste Möglichkeit, sich kurz aufzuwärmen, und um die nächste Mahlzeit.

Das Kind ist nicht im Märchenwald, es ist im Dschungel, einem Dschungel, in dem unsereiner ein nettes Zuhause hat und einen U-Bahn-Fahrplan und in der Bäckerei jederzeit ein Rosinenbrötchen kaufen kann. Das Mädchen hat nur einen Fingerhut, der ihm zugesteckt worden ist.

Das Buch

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Roman. Hanser, München 2016. 140 Seiten, 18,90 Euro.

Es ist nicht einfach, aus der Perspektive eines sechsjährigen und gewissermaßen sprachlosen Kindes zu schreiben. Natürlich ist Köhlmeier viel zu vernünftig, um eine Ich-Erzählung zu wagen (zumal er auch ein paar wenige Perspektivwechsel einbaut). Stattdessen wählt er eine unmanierierte, niedrigschwellige, geradezu flache Sprache, einen auffallend schlichten Satzbau, ein übersichtliches Vokabular, in denen sich die zwangsläufige Vereinfachung einer Welt spiegelt, in der alles ein Rätsel und darum eine Frau bloß eine Frau, ein Mann bloß ein Mann, ein Junge bloß ein Junge sein kann.

Köhlmeier imitiert gewissermaßen die Unmöglichkeit der Verständigung – in den Passagen unter Kindern hat man es gelegentlich mit stummen Huckleberry-Finn-Episoden oder einem Charles-Dickens-Roman zu tun. Es ist auch diese Sprache, die geradezu tückisch den Eindruck erwecken kann, sich in einer märchenhaft zusammenhangslosen Sphäre zu bewegen. Der Leser wird sich vermutlich erst in den Erwachsenen wiedererkennen und dadurch ganz und gar begreifen, wie sehr dieser schmale, so arglos daherkommende, so zutiefst bittere Roman mitten in unsere Tage hineingehört.

Dass das Mädchen der Landessprache nicht mächtig ist, nachher aber einen Jungen treffen wird, der spricht wie sie, lässt vermuten, dass es sich um ein unbegleitetes Flüchtlingskind handelt. Von solchen Wörtern ist das Kind aber so weit entfernt wie von Erinnerungen. Es weiß seinen Namen nicht, es kennt keine Eltern, es ist aber schon Auto gefahren („Oft war ein Spaß mit ihr gemacht worden“, weil es so klein und niedlich ist), und es weiß, dass sich in Müllcontainern „gute Dinge“ finden lassen.

Anfangs gibt es noch einen „Onkel“, der es morgens in einem Geschäft abgibt, um es tagsüber durchfüttern zu lassen und abends wieder abzuholen. Es ist ganz still, das Mädchen, auf der Hut und wirklich niedlich. Der „Onkel“ hat ihm beigebracht, laut zu schreien, wenn es das Wort „Polizei“ hört. Er hat mit ihm geübt, das Wort zu erkennen, selbst wenn es unordentlich ausgesprochen wird. Eines Tages kommt der „Onkel“ aber nicht mehr.

Das Kind verirrt sich sofort – es ist auch völlig unklar, wohin es gehen könnte –, mehrfach wird es aufgegriffen, entspringt wieder, lernt andere Kinder kennen. In der einzigen schwachen Passage des Buches gerät es in die Fänge einer mysteriösen Frau – schwach, weil die schaurige Wahrscheinlichkeit des Erzählten sich hier und nur hier in die banalen Gefilde eines Thrillers (oder nun doch in ein Märchen) begibt.

Mehr dazu

Aber lässt sich aus „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ auch etwas lernen, über das Jetzt und Hier? Nein. Darum geht es nicht. Man kann sogar leicht behaupten, das habe man schon alles gewusst. Man kann aber auch zugeben, dass man nie darüber nachgedacht hat. Und dass es solche Romane im ausgehenden westeuropäischen 20. Jahrhundert nicht mehr gab, weil es Kinder in solchen Situationen im ausgehenden westeuropäischen 20. Jahrhundert nicht mehr gab.

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