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Literatur

30. März 2016

Miguel de Cervantes: Dieses volle, volle Leben

 Von Ulrich Seidler
"Der Kampf mit den Windmühlen" (Radierung mit Randcroquis von 1843 von Adolph Schroedter) zu dem Buch Don Quijote (2 Teile, 1605 und 1615) von Miguel Cervantes (1547 - 1616).  Foto: akg-images/AKG2062128

Uwe Neumahr erzählt Miguel de Cervantes’ wilde Biografie im 400. Todesjahr des Schriftstellers.

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Miguel de Cervantes war wieder einmal pleite, als er 1598, im für damalige Verhältnisse hohen Alter von 50 Jahren ein paar Monate unschuldig im königlichen Gefängnis von Sevilla einsitzen musste, der berüchtigtsten Anstalt im Spanien des Siglo de Oro, des Goldenen Zeitalters (ca. 1550–1680). Die Spanier hatten Amerika entdeckt, die Osmanen von der Iberischen Halbinsel gejagt, waren zur Weltmacht aufgestiegen.

Auch die Literatur trieb neue und seltsam-schöne Blüten – die reichste Knospe soll sich ausgerechnet in diesem Gefängnis aufgetan haben. Hier vegetierten bis zu 300 Insassen in Gemeinschaftszellen, wenn sie kein Schmiergeld hatten, um sich Verpflegung, Prostituiertenbesuch und Freigänge zu verschaffen. Auch wenn Freunde ihm geholfen haben mögen, ist es schwer vorstellbar, dass Cervantes ausgerechnet in diesem lärmenden Gewimmel des Verbrechens, des Sterbens und der Gewalt seinen Don Quijote von der Mancha „gezeugt“ hat, wie er später, im zweiten Teil des Romans behauptet.

Eine Legende?

Einige Cervantes-Biografen haben an dieser Legende mitgezimmert, und auch Uwe Neumahr, der im 400. Todesjahr des großen spanischen Dichters eine neue umfangreiche und panoramatische Lebenserzählung vorlegt, will nicht ausschließen, dass etwas dran ist. Und wenn es so war, schreibt Neumahr, müsse Cervantes „über die phänomenale Gabe verfügt haben, die reale und die imaginäre Welt geradezu luftdicht voneinander abzuriegeln“. Abgesehen von der phänomenalen Gabe, beide Sphären auf das Schönste zu durchmischen.

Das Buch

Uwe Neumahr: Miguel de Cervantes. Ein wildes Leben. Biografie. C.H.Beck, München 2015, 394 S., 26,95 Euro.

Nach dem, was Neumahr an Quellen, Interpretationen und auch an Spekulationen gesammelt hat, führte Cervantes ein hartes und intensives Leben. Er soll gestottert haben, seine Familie hatte Scherereien mit der Anerkennung des mittelprächtigen Adelstitels, Konkurrenten griffen seine Ehre an. Er kämpfte gegen die Osmanen, wobei er eine Hand einbüßte, wurde von algerischen Piraten als Sklave nach Algier verschleppt, wo er erst nach fünf Jahren und vier glimpflich-erfolglosen Fluchtversuchen von der Familie freigekauft werden konnte.

Normalerweise wurden wieder eingefangene Sklaven gepfählt oder verbrannt. Angst scheint Cervantes, wie auch sein berühmter sinnenreicher Don, nicht gehabt zu haben. Er war sich auch nicht zu schade dafür, als Steuereintreiber zu arbeiten, schon damals ein unbeliebter Beruf, bei dem einem mit Wut und Feindschaft begegnet wurde. Die literarische Anerkennung köchelte lang auf niedriger Flamme und brach erst mit der Veröffentlichung seines berühmtesten Werks durch, das ihn, auch wenn es schnell hohe Auflagen erzielte und in viele Sprachen übersetzt wurde, allerdings auch nicht reich machte. Neumahr dokumentiert Cervantes’ Fähigkeit, Qualen zu erleiden, Frust durchzustehen, lästige Familien- und Literaturbetriebsstreitereien auszufechten – und dabei stets bei Laune zu bleiben. Offenbar sind ihm das eigene Leben und die gefährliche Welt stets auch Material für ein groß angelegtes Spiel gewesen. Darin ist er dem furchtlos-fantasiebegabten, ebenfalls vielfach malträtierten Don Quijote gar nicht unähnlich, nur dass dieser, im Gegensatz zu Cervantes, über so gut wie gar keinen Humor verfügt. Umso komischer die traurige Gestalt.

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