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Literatur

04. März 2016

Milena Busquets „Auch das wird vergehen“: Die schönen Tage von Cadaqués

 Von 
Die Schriftstellerin und Journalistin Milena Busquets.  Foto: Gregori Civera

„Auch das wird vergehen“: Die spanische Journalistin und Schriftstellerin Milena Busquets schreibt über die Trauer, aber vor allem über das Leben.

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Das ist ein zeitloses Buch über ein paar Tage, die ebenfalls außerhalb der Zeit zu liegen scheinen. Das ist banal und zauberhaft zugleich, alltäglich und ein bisschen paradiesisch, eigentlich aber eine Trauergeschichte. Eine extrem dem Leben zugewandte Trauergeschichte.

Milena Busquets, 1972 in Barcelona geboren, ist die Tochter der Verlegerin und Publizistin Esther Tusquets. Deren vom Vater geerbter Verlag, Lumen, erlebte unter ihr große Tage, zumal mit der spanischen Ausgabe von Umberto Ecos „Name der Rose“. Auch Tochter Milena stieg schon als Studentin ins Geschäft ein und arbeitete dort, bis der Verlag an Random House Mondadori verkauft wurde. Milena Busquets ist heute als Übersetzerin und Journalistin tätig, bloggt über Mode und Lifestyle.

„Auch das wird vergehen“ ist nicht ihr literarisches Debüt, aber ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde, zuvor und gleichzeitig in viele weitere Sprachen. In Spanien war er ein Bestseller. Es ist der nicht seltene, aber selten in solcher Reinform auftretende Fall eines nicht bloß autobiografischen, sondern zutiefst privaten Buches, das auf einmal ganz viele Menschen offenbar verstehen. Und wenn sie es nicht verstehen, sehnen sie sich nach der Atmosphäre. Und wenn sie sich nicht nach der Atmosphäre sehnen, dann interessiert sie doch, dass sich ein Lebensgefühl darin so intensiv spiegelt (einer Generation gewissermaßen, trotz aller Zeitlosigkeit). Es flackert geradezu, das Lebensgefühl.

Der Roman beginnt mit der Beerdigung der Mutter der Erzählerin. Diese ist 40 Jahre alt, wie Autorin Busquets, als ihre Mutter nach langer Parkinson-Erkrankung 2012 starb. „Auf der Beerdigung meiner Mutter und noch dazu vierzig“, das findet ihr Alter ego im Buch, Blanca, überfordernd und unvorstellbar. Blanca beschließt, für ein paar Tage ins Familiensommerhaus nach Cadaqués an die Costa Brava zu fahren, nicht ohne dass ihr Scarlett O’Haras Worte über die Lippen kommen, in Tara werde sie darüber nachdenken. Bloß ein Spaß unter Filmfreunden und Viellesern. Blanca hat keine Pläne, und darin ist sie ohne Bitterkeit.

Auch fährt sie nicht in die meditative Einsamkeit. Für den Weg nach Cadaqués, „was immer wie eine Expedition ist“, wird das Auto vollgepackt mit den kleinen Söhnen, der Kinderfrau, einer Freundin und deren Kind. Weitere Freunde sind schon dort oder kommen nach, ebenso die Ex-Männer Blancas und ihr aktueller Geliebter, der allerdings verheiratet ist. „Eine der besten Methoden, die verborgenen Winkel der eigenen Stadt kennenzulernen“, informiert uns Blanca ohne größere Sorgen, „nicht die im romantischen Sinne verborgenen, sondern die wirklich ungeheuerlichen, besteht darin, sich in einen verheirateten Mann zu verlieben.“

Eine spanische Ausgangslage

In Cadaqués wird sie einen weiteren interessanten Mann treffen, aber auch das ohne Konsequenzen und ohne Wehmut darüber. Man betrinkt sich, konsumiert leichte Drogen, die Männer gockeln sich an, die Frauen verstehen sich gut, eine spanische Ausgangslage. Man plaudert (auf Katalanisch, auf Spanisch, soziologisch lässt sich einiges aufschnappen, auch wenn die Autorin es darauf nicht anlegt). Man schläft miteinander. „Soviel ich weiß, ist das Einzige, was einem keinen Kater verursacht und was für Augenblicke den Tod – wie auch das Leben – verschwinden lässt, Sex.“ Denn man ist auch erwachsen, auf entspannte Weise. Die Kinder werden „zu kleinen Barbaren“ in diesem freien Sonne- und Strandleben. „In unseren besten Momenten sind wir ein Löwenrudel.“

Busquets schreibt dabei bereits in den Filmbildern, zu denen „Auch das wird vergehen“ vermutlich noch werden wird, was schade ist oder eines Meisterregisseurs bedarf. Wie bei vielen souveränen Büchern leben die Filmbilder voraussichtlich davon, dass sie im Kopf bleiben. Die Erzählerin interessiert sich für Körper, Gesichter, Bewegung und Kleider, wie es einer modeaffinen Journalistin würdig ist. Sie ist dabei vorurteilslos und meinungsstark zugleich. Sie unterhält sich gut. Und ist in Gedanken doch ständig bei der Mutter. Ihre heitere Promiskuität ist auch Ablenkung. „Jetzt kann ich kein Buch mehr aufschlagen, ohne an dich zu denken, mit den Männern ist das anders.“ Die Du-Anrede im Roman, höchst ambivalent, geht hier auf. „Ich werde ohne dich leben, bis ich sterbe.“

Das Buch

Milena Busquets: Auch das wird vergehen. Roman. A. d. Span. v. Svenja Becker. Suhrkamp, Berlin 2016. 170 Seiten, 19,95 Euro.

„Auch das wird vergehen“, ein melancholischer Titel, denn Schmerz und Freude vergehen ja gleichermaßen, ist vor allem aber eine heitere, bisweilen deftige Feier des Lebens, namentlich des Familienlebens in der Post-Vater-Mutter-Kind-Ära. Schon trifft die 40-Jährige eine nette junge Frau, halb so alt wie sie vielleicht, die ihre Eizellen eingefroren hat, für den viel späteren Bedarfsfall.

Typisch für die kleinen klugen Anwandlungen im Geplauder und im intensiven Existieren ist der Moment, in dem Blanca auffällt, wie all die späten Eltern und späten Großeltern ihre Kinder und Enkel anhimmeln. Sie weiß noch, wie anders es in ihrer Elterngeneration (der 68er-Generation) war: „Für diese Erwachsenen waren Kinder kein Wunderwerk, sondern ein Klotz am Bein, halbfertige Nervensägen. Und wir wurden zu einer verlorenen Generation begnadeter Verführer. Damit man uns Beachtung schenkte, mussten wir weit ausgefeiltere Methoden entwickeln, als an einem Ärmel zu zupfen oder in Tränen auszubrechen. Von uns wurde dasselbe Niveau erwartet wie von den Erwachsenen … .“ Zwischen Meer und Wein verbergen sich überraschende Reflexionen. Auch das mag den bisher beträchtlichen Erfolg des schmalen Buches ausmachen.

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