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Mircea Cartarescu im Literaturhaus Frankfurt: Die fliegende Kathedrale

Während in Mircea Cartarescus Roman "Die Wissenden" diskutiert wird, wie Schmetterlingsfleisch schmeckt, wollte im Saal mancher wissen, warum ein Regenbogen schwarz sein sollte. Von Judith von Sternburg

Während in Mircea Cartarescus Roman "Die Wissenden" die Frage diskutiert wird, wie Schmetterlingsfleisch schmeckt, wollte im Saal mancher Zuschauer wissen, warum ein Regenbogen schwarz sein sollte. Und während sich im Roman die Frage beantworten lässt, weil ein extrem großer toter Schmetterling zur Hand ist, bleibt der schwarze Regenbogen sozusagen beunruhigend im Raum hängen (einige Zuhörer wirkten nicht nur sozusagen, sondern regelrecht beunruhigt, das ist die unheimliche Macht des poetischen Bildes). Er stammt aus einem Gedicht Cartarescus, in dem er die Liebe ankündigt. "Die Zeit der Liebe war gekommen, das Ende der Welt."

Anlässlich der diesmal rumänischen Kulturtage der Europäischen Zentralbank in Frankfurt bot das Literaturhaus also einen Ausflug in den Kosmos des 1956 in Bukarest geborenen Schriftstellers Cartarescu. Das ist ein Kosmos, in dem das Herkömmliche zwanglos ins Fantastische übergeht, in dem aus dem Hupkonzert in einem cremefarbenen Dacia einige Seiten und Äonen später eine neue Milchstraße entsteht. Und das nicht im übertragenen Sinne. Bei der Lektüre speziell seiner Trilogie "Orbitor" (bisher erschien nur Teil 1 auf Deutsch, 2007 bei Zsolnay unter dem Titel "Die Wissenden") gehe es wohl weniger ums Erklären als ums Erraten, meinte Cartarescu.

Als Autor verwies er darauf, dass er sich seine nicht vorhandene eigene Biografie erschreibe. Als Insektenspezialist verglich er seine Trilogie mit einem Termitenbau: Termiten seien keine Architekten, das planlos entstandene Ergebnis sei aber eine vorzügliche Architektur, die kein anderer zustande bringe. Die Trilogie sei als Schmetterling gedacht, als Kathedrale, eine "fliegende Kathedrale". Jedoch, betonte er, erzähle er auch ganz konkret 40 ineinander verknüpfte Geschichten, für jeden sei etwas dabei, Liebe, Abenteuer. Eigentlich, sagte Cartarescu, könne jeder lesen, was er wolle.

Neben Cartarescu saß sein Übersetzer Gerhardt Csejka und dolmetschte so geschwind, dass die Sprachhindernisse in allen Richtungen übersprungen wurden. Dass er sich selbst von Cartarescus Büchern - zu Recht - derart begeistert zeigte, gab der Veranstaltung noch mehr Schwung. Beim abwechselnden Lesen allerdings war es schöner, Cartarescu zuzuhören und bitter zu bereuen, dass man kein Rumänisch kann.

Von allem anderen abgesehen, gibt es ohnehin Abende, die man als Frankfurter besser ganz und gar der Kultur widmet.

Kulturtage der EZB, Frankfurt: bis 9. November. www.ecb.int

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  29 | 10 | 2009
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