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Monika Maron: Der blaue Himmel über Bitterfeld

Nach dreißig Jahren kehrt Monika Maron an den Schauplatz ihres ersten Romans zurück. Von Christoph Schröder

Der neue Roman von Monika Maron.
Der neue Roman von Monika Maron.
Foto: S.Fischer Verlag

Der Bitterfelder Bogen ist eine begehbare Stahlskulptur des Frankfurter Künstlers Claus Bury, ein knapp 30 Meter hohes und 80 Meter langes Gebilde, eröffnet im Jahr 2006, Aussichtspunkt und Symbol eines neuen Selbstbewusstseins zugleich: Wer wäre noch wenige Jahre zuvor in der Industrieregion Bitterfeld auf die Idee gekommen, mit dem Versprechen eines ästhetischen Mehrwertes auf die von jahrzehntelanger Umweltverschmutzung gebeutelte Landschaft zu blicken?

Auch die Schriftstellerin Monika Maron schlägt in ihrem neuen Buch einen Bogen; der Titel ist also durchaus in gleich mehrfacher Hinsicht wörtlich zu nehmen. Es ist in der Form ein Bogen zurück in die journalistische Anfangszeit der Autorin; vom Stoff her eine Wiederkehr zum literarischen Debüt "Flugasche" von 198. Dort fährt die Journalistin Josefa Nadler in die unschwer als Bitterfeld zu identifizierende Stadt B., um eine Reportage über den Industriestandort zu schreiben.

"Diese Schornsteine", so heißt es im Roman, "die wie Kanonenrohre in den Himmel zielen und ihre Dreckladung Tag für Tag und Nacht für Nacht auf die Stadt schießen, nicht mit Gedröhn, nein, sachte wie Schnee, der langsam und sanft fällt, der die Regenrinnen verstopft, die Dächer bedeckt, in den der Wind kleine Wellen weht." Josefa Nadler schreibt eine Reportage, die keinesfalls in Einklang zu bringen wäre mit der offiziellen DDR-Parteilinie. Ihr Fazit: "B. ist die schmutzigste Stadt Europas."

Nun also, knapp dreißig Jahre später, kehrt Monika Maron zurück nach B., in jene Stadt, die nach dem Ende der DDR zu einem "Sinnbild des ruinierten Landes" geworden war, im Kopf die alten Bilder, schwarz und verrußt. Dazwischen liegen der Zusammenbruch eines Staates, die Abwicklung eines Industrieparks durch die Treuhand, entgiftete Böden, bereinigte Flure.

Das Ich, das in "Bitterfelder Bogen" spricht, ist unverhohlen die Autorin selbst, eine sich zunächst langsam vortastende Figur, die Orientierung sucht in der so vertrauten und doch fremden Stadt: "Wo war das Schwimmbad, dem die Landschaftsgestalter damals einen himmelblauen Anstrich verordnet hatten, in Ermangelung eines himmelblauen Himmels? Wo war der Konsum, in dem sie mir erzählt haben, dass die Leute hier am liebsten weiße Pullover kaufen?"

"Bitterfelder Bogen" ist zweierlei: Eine in die Vergangenheit gewandte Spurensuche; die Chronik einer Region, deren paradoxe Situation es war, nur dadurch vor dem ökologischen Kollaps gerettet werden zu können, indem man den Menschen, die in ihr wohnen, die ökonomische Lebensgrundlage entzog. Es ist aber vor allem ein Hoffnungsbuch; ein Anschreiben gegen die Litanei des depressiven und resignierten Ostens und seiner Bewohner.

Exemplarisch trägt der Aufbruchsgedanke in der Region Bitterfeld für Monika Maron einen Namen: Q-Cells, eine Firma für Solaranlagen, gegründet von einigen wenigen linken Idealisten im Kreuzberg vor der Wende, radikalen Gegnern der bundesrepublikanischen Atompolitik, die zufällig auf einen ehemaligen Berater der berüchtigten Firma McKinsey trafen und sich zu ihrem Glück über alle ideologischen Schranken hinweg mit ihm zusammentaten.

Nach 1990 siedelte sich Q-Cells, auch gegen eigene innere Widerstände, in Bitterfeld an. Heute operiert das Unternehmen weltweit und beschäftigt mehr als 2400 Mitarbeiter. Dem 2006 verstorbenen Gründer Reiner Lemoine ist "Bitterfelder Bogen" gewidmet.

Monika Maron zeichnet den Weg des Unternehmens bis in die Gegenwart nach, möglicherweise hin und wieder in allzu detaillierter Beschreibung der faszinierenden Einzelheiten der Solarzellenproduktion. Doch die Grundfrage, die stets über dem Buch schwebt, ist die nach der Neudefinition von Identität und nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher Mentalitäten.

"Es geht doch", könnte das beinahe ein wenig trotzige Fazit lauten. Und auch wenn "Bitterfelder Bogen" weit weg ist von der Darstellung eines Idealzustandes oder eines Idylls - von Monika Maron hätte man ein solches Buch dennoch nicht erwartet; ein Buch, das als Therapieversuch gegen den von den Medien potenzierten ostdeutschen Selbsthass zu lesen ist: "Warum waren es vor allem die Nostalgiker, PDS-Wähler und Rechtsradikalen, die als Bevölkerung der ,neuen Länder' auf den Bildschirmen und in den Zeitungen präsentiert wurden, als hätte es die Wagemutigen, die Zähen und Erfinderischen nicht gegeben."

In der Verteidigungsrede auf die Arbeit der Treuhand und die Wiedervereinigungspolitik Helmut Kohls formuliert Monika Maron zugleich einen scharfen Angriff auf Günter Grass, dessen jüngste Pauschalanklagen von der Kolonialisierung und Kannibalisierung der DDR sie mit schneidend intelligenter Argumentation den Wind aus den Segeln nimmt: Was wäre die Region Bitterfeld ohne den Abbau der alten Industrieanlagen und ohne den Versuch eines kompletten Neustarts, auch wenn dieser, wie Maron offen gesteht, nicht als insgesamt geglückt gelten darf? Möglicherweise wäre dann das Schwimmbad in Bitterfeld noch immer in himmelblau gestrichen.

Monika Maron:

Bitterfelder Bogen. Ein Bericht. Fotos von Jonas Maron.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2009, 176 Seiten,

18,95 Euro.

Autor:  CHRISTOPH SCHRÖDER
Datum:  24 | 6 | 2009
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