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Literatur

21. September 2010

Müdigkeitsgesellschaft: Philosophie der Erschöpfung

 Von Harald Jähner
Erfüllte Müdigkeit außerhalb der Arbeitswelt.  Foto: claro cortes / rtr

Byung-Chul Hans „ Müdigkeitsgesellschaft“: Wirklich Neues bietet der Essay wenig, bestechend aber ist die skrupellose Zusammenschau. Wie die Ausbreitung der neuronalen Erkrankungen, das Ende des Kalten Kriegs und die Deregulierung der Erwerbsbiografien zusammengedacht und wie bei einem Kartentrick neu gemischt werden

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Dass ein philosophisches Buch innerhalb von zwei Wochen ausverkauft ist, kommt nicht häufig vor. Erst recht nicht, wenn sein Autor Byung-Chul Han heißt, ein Name, den auch viele Universitätsphilosophen nicht kennen. Doch die ersten 2000 Exemplare des schmalen Büchleins sind weg, die zweite Auflage geht gerade in Druck. Das Schlüsselwort für diesen Erfolg heißt „Müdigkeit“.

Byung-Chul Han, in Seoul geboren, lehrt seit diesem Jahr als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, deren Rektor Peter Sloterdijk ist. Die kulturelle Globalisierung, der Zen-Buddhismus, die Kunst des Verweilens waren bisher Hans Themen. Der Kniff seines neuen, gerade mal 60 Seiten umfassenden Essays besteht darin, es mit der Depression und der Weltgeschichte zugleich aufzunehmen.

So wie die Zeitalter Leitmedien und Leitkulturen haben, kennen sie auch Leitkrankheiten. Man spricht vom bakteriologischen Zeitalter, das mit der Erfindung und erfolgreichen Verbreitung von Antibiotika endet. Das beginnende 21. Jahrhundert ist dagegen neuronal bestimmt: Krankheiten wie die Depression, das Burnout-Syndrom, Borderline-Persönlichkeitsstörungen oder das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom bestimmen die „pathologische Landschaft“ der beginnenden Epoche.

Die neuronalen Erkrankungen sind für Han die Signaturen des neuen Zeitalters. Um das deutlich zu machen, verknüpft er Erkenntnisse aus Arbeitswelt, Politik, Wirtschaft und Kulturgeschichte zu einem schlüssigen Panorama jener großen Überforderung, die wir Gegenwart nennen.

Die erste Überforderung ist der lange Abschied von einem äußeren Feind. Im bakteriologischen Muster verläuft der Kampf gegen Bakterien und Viren in den klassischen Freund-Feind-Schemata. Die Immunisierung arbeitet mit den traditionellen Mitteln der Abwehr: Einmauerung, Barrierenbau und Bildung von Antikörpern. Es sind, logisch und abstrakt formuliert, Strategien der Negation. Sie attackieren einen äußeren Feind, der ins Innere vorstoßen will. Innen und Außen, die Positionen des Eigenen und des Fremden, waren im bakteriologischen Zeitalter klar vergeben. Dieses immunologische Schema prägte den gesamten Zeitgeist: den Kalten Krieg, die Angst vor Aliens und Körperfressern aller Art. Grenzsicherung war oberstes Gebot.

Diese einfache Freund-Feind-Dialektik ist für unsere Zeit nicht mehr prägend. „Das immunologische Paradigma verträgt sich nicht mit dem Globalisierungsprozess.“ Aus Fremdheit wird bloße Differenz, die keine Immunreaktionen mehr auslöst: „Auch der sogenannte ,Einwanderer‘ ist heute kein immunologisch Anderer, kein Fremder im emphatischen Sinne, von dem eine wirkliche Gefahr ausginge oder vor dem man Angst hätte. Einwanderer oder Flüchtlinge werden eher als Belastung denn als Bedrohung empfunden.“

Und der Aufruhr um Sarrazin? Er taugt kaum als Einwand, zeigt doch die ständige Vermischung von deutschen Unterschichts- und Migrationsphänomenen in der Debatte, wie sehr die Integration der Einwanderer fortgeschritten ist, wenn auch in diesem Fall nur in den Horizont unserer Sozialprobleme. Die wahre Bedrohung geht, folgt man dem Autor, eben nicht vom Anderen aus, sondern vom Gleichen, von einem Übermaß an Positivität. Von einer hysterischen Überproduktion und Überkommunikation, gegen die es keine Immunreaktionen gibt, so, wie es gegen ein Zuviel an Fett keine Abwehrreaktion gibt.

Multitasking: nicht Fortschritt, sondern Rückfall

Um zu verstehen, wie es zu der „Gewalt der Positivität“ in unserem Inneren kommt, nimmt Han die Arbeitswelt in den Blick, die auf Eigenmotivation, Initiativgeist und Selbstverantwortung setzt: Die Disziplinargesellschaft, von der Stechuhr regiert, wurde von der Leistungsgesellschaft abgelöst, in der jeder sich konditioniert, als sei er sein eigener Unternehmer. Die „Negativität des Sollens“ hat sich zu einer viel effizienteren „Positivität des Könnens“ entwickelt. Obamas millionenfach reproduzierter Slogan „Yes, we can“ hat darin seine alptraumhafte Kehrseite.

Das sich selbst ausbeutende Subjekt ist Täter und Opfer zugleich, Herr und Knecht in einer Person. Es führt einen Krieg gegen sich selbst und bleibt so oder so als dessen Invalide zurück. Nicht eine erschöpfte, sondern eine ausgebrannte Seele ist das Resultat. Allgegenwärtige Werbesprüche gellen wie zum Hohn in ihr nach: „Die Klage des depressiven Individuums ,Nichts ist möglich’ ist nur in einer Gesellschaft möglich, die glaubt Nichts ist unmöglich.“

Wirklich neu an dem kleinen Essay ist im einzelnen wenig, bestechend aber ist die angenehm skrupellose Zusammenschau. Wie das Ende der Dialektik, die Ausbreitung der neuronalen Erkrankungen, das Ende des Kalten Kriegs und die Deregulierung der Erwerbsbiografien zusammengedacht und wie bei einem Kartentrick neu gemischt werden, das lässt schon staunen. Walter Benjamins Überlegungen zur Zerstreuung werden im Hinblick auf das Multitasking von heute reaktiviert, eine Aufmerksamkeitstechnik, die keinen Fortschritt darstellt, sondern eine Regression in die freie Wildbahn.

Natürlich mündet der Essay in ein Lob der Kontemplation, des Zögerns, der Wiedergewinnung von Zeit. Er schließt mit einer Besinnung auf Peter Handkes Essay „Versuch über die Müdigkeit“ von 1989, einem der schönsten Bücher von Handke überhaupt. Es geht darin um eine Utopie der Müdigkeit – nicht um die depressive Erschöpfung, sondern um eine Müdigkeit, „die eine tiefe Freundlichkeit stiftet“ und „die Klammer der Identität“ lockert. „Die Inspiration der Müdigkeit“, so Handke, „sagt weniger, was zu tun ist, aber was gelassen werden kann.“

Erfüllte Müdigkeit gehört zum Schönsten, was es gibt. Die Arbeitswelt, deren Resultat sie sein könnte, muss noch erfunden werden.

Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz, Berlin 2010, 68 Seiten, 10 Euro.

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