Literatur

17. September 2012

Nach der Bücherjagd: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Arno Widmann. Foto: Mely Kiyak

Es folgen keine Rezensionen. Die Bücher werden nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat wird der Nachttisch geräumt.

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Gepriesen sei Gaby!

Was es ist

Es ist Unsinn sagt die Vernunft

Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist Unglück sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst

Es ist aussichtslos sagt die Einsicht

Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist lächerlich sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich sagt die Erfahrung

Es ist was es ist sagt die Liebe“

Das Gedicht war einmal eines der bekanntesten deutschen Gedichte eines lebenden Autors.  Erich Fried (1921-1988) hieß er. Es erschien 1983 in dem Band „Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte“, Verlag Klaus Wagenbach. Jetzt ist es neu herausgekommen. Nicht mit anderen Gedichten sondern mit Bildern. 26 Seiten sind es geworden. Die Bilder sind von Mehrdad Zaeri. Der wurde 1970 in Isfahan, Iran, geboren. Auf seiner Website schreibt er: „Mit vierzehn wanderte ich mit meiner Mutter, meinem Vater, meinem Bruder und meinen beiden Schwestern zuerst in die Türkei und dann nach Deutschland aus. Der Beginn des deutschen Lebens war richtig schwer. Später wurde es ganz schön. Als ich 1992 mein Abitur machte, beschloss ich Künstler zu werden. 1996 erklärte mir Gaby, dass eine Buntstiftzeichnung genauso wertvoll sei wie ein Ölgemälde. Das tat mir gut. Heute lebe ich mit meiner Frau Christina in Mannheim, mache meine Kunst und mag dieses Leben, das immer eine Überraschung in der Tasche hat.“ So sind seine Zeichnungen. Die Überraschung steht nicht gewaltig drohend  vor ihm, sondern gleich einem wirklich guten Onkel zieht sie eine Tafel Schokolade aus der Manteltasche. Die Liebe, die sagt, Es ist was es ist, ist bei ihm eine junge Frau, die ausgestreckt wie eine Rückenschwimmerin in der Luft schwebt oder aber lächelnd durch sie hindurchgleitet. Immer liegend. Die Welt und ihre Atmosphäre ein Kissen, auf dem sich gut ruhen und träumen lässt. Von der Liebe natürlich, von einer, die nicht hadert und beckmessert, sondern die sagt: Es ist was es ist. Niemand von uns liebt so und niemand lebt so. Wir glauben zu wissen, nichts ist, was es ist. Alles ist geworden und wird wieder anders werden. Da fällt mir ein: Ich bin, der ich bin. So stand es in den Bibelübersetzungen, die wir in unserer Kindheit hörten. Heute heißt es im 14 Vers des 3. Kapitels des 2 Buch Mose philologisch korrekt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Das zerstört allerdings die Assoziation, in der einzig Gott und die Liebe einfach die sind, die sie sind. Die alle Illusionen zerstörende philologische Wissenschaft hat auch aus Gott einen Werdenden gemacht.

Erich Fried: Was es ist, illustriert von Mehrdad Zaeri, Büchergilde Gutenberg, in der Reihe Petits Fours, fester Einband, Schuber, 24 Seiten, 6 Euro.

 

Der Traum von einer Sache

Japanese Dream, Hatje Cantz, Ostfildern 2012
Japanese Dream, Hatje Cantz, Ostfildern 2012

Der Titel des Buches ist „Japanese Dream“. Es geht freilich eher um „Einen Traum von Japan“. Es sind großformatige, sehr beeindruckende, kolorierte Fotos aus dem Japan der letzten zwei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. In den meisten Fällen sind die Fotografen unbekannt. Aber zwei der 60 Fotografien stammen von dem in England eingebürgerten Venezianer Felice Beato (1832-1909), der den westlichen Blick auf Japan wesentlich mitgeprägt hat. Es war die erzwungene Öffnung Japans für die USA und die europäischen Großmächte, die nach 1854 Japan für den Westen erschloss, diesen mit einem Schlag mit einer bis dahin wenig bekannten Kultur konfrontierte. Noch größer freilich war die Bedeutung der Öffnung Japans für die Japaner. Man kann das in diesem Band daran sehen, dass der europäische Blick auf Japan sich von dem japanischen zunächst einmal nicht unterscheidet. Die Japaner schauen sich mit der europäischen Kameratechnik auch deren Ästhetik ab. Die Entwicklung dieser Nachahmungskünste, dieser Kopiermaschinen, dieses Abschreibsystems lässt sich in dem prächtigen Band leider nicht verfolgen. Die frühesten Aufnahmen stammen erst von 1880. Aber schon dem flüchtigsten Betrachter fällt auf, dass neben dem ethnographischen Zugang, der vor allem das Exotische festhalten möchte, es nicht fehlt an Aufnahmen, die der Fotografie zumuten, wozu sie damals noch nicht in der Lage war: das Festhalten des flüchtigsten Augenblicks. Es sollten noch ein paar Jahrzehnte vergehen, bis die Fotografie den Schnappschuss möglich machte. Den praktizierte lange davor der japanische Farbenholzschnitt. Er hielt fest, wozu ein Kameraauge noch nicht in der Lage war. Deutlich wird das in diesem Band an ein paar wenigen Aufnahmen, die gegen die statuarische Ästhetik des Kameraauges mit der des bewegten Augenblicks der japanischen Moderne liebäugeln: Das Foto, das zwei junge Geishas beim Ballspiel zeigt, überfordert die fotografischen Möglichkeiten der Zeit, auch das mit den tanzenden Geishas scheitert. Die beiden mussten eine Position einnehmen, wie sie sich im Bewegungsablauf ergibt, wie man sie aber nicht so lange einnehmen konnte, wie die damaligen Belichtungszeiten es erforderten. Das gibt der Szene etwas Pädagogisches. Das Foto kann nicht zeigen, was passiert, also sagt es: So sieht das aus. Die japanischen Maler der fließenden Welt (Ukiyo-e) waren moderner als die europäische Technik. Der technologische Fortschritt warf die Wahrnehmung, die Ästhetik, in Japan erst einmal um Jahrzehnte zurück. Das zu beobachten macht einen ganz besonderen Reiz dieses Bandes aus, der wohl noch weit über den der tätowierten nackten Männerleiber, ja selbst über den der extrem anrührenden schreibenden Geisha hinaus geht. Europa träumte noch den Traum vom schönen Bild, als Japan schon dem Schnappschuss anhing. Aber ein gern verfemter Meisterdenker des 19. Jahrhunderts erklärte schon 1844 hoffnungsvoll: „dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen“. Dieses nur war deutlich größer, als er es sich gedacht hatte.

Japanese Dream, mit einem (gar zu kurzen) Beitrag von Monica Maffioli, Hatje Cantz, Ostfildern 2012, 33,60 x 48,60 cm, in Seide gebunden, 132 Seiten, 56 farbige Abbildungen, 98 Euro.

 

Der Grundschritt der Freiheit

Nichts bleibt wie es ist. Darum muss auch eine Gesellschaft daran gemessen werden, wie innovationsfähig sie ist. Das Neue tritt immer als Zerstörer auf. Das ruft die Verteidiger des Status quo auf den Plan. Je mehr es davon in einer Gesellschaft gibt, je mehr Einverständnis also herrscht in ihr, desto näher ist sie dem Ende. Das mag vielen paradox erscheinen. Aber es ist einfach nur logisch. Alles Neue startet aus einer Außenseiterposition. Das dumme, das kluge, das hausbackene, das gewagte, das rückwärtsgewandte, das zukunftweisende Neue. Erst wenn es Zugang erhält zum Markt, zu dem der Ideen und zu dem ihrer Verwirklichung, entscheidet sich, ob dieses spezifische Neue eine Zukunft hat. Je mehr Neues die Gelegenheit bekommt sich zu erproben, desto wahrscheinlicher ist, dass darunter sich auch Zukunftsträchtiges befindet. Darüber zu entscheiden darf man gerade nicht Akademien und Kommissionen überlassen. Es muss Sache der Öffentlichkeit, der öffentlichen Meinung der Marktteilnehmer sein. Je freier der Zugang zum Markt ist, desto leichter wird er sich den Veränderungen anpassen, desto weniger wird es zu Innovations- und Reformstaus und damit zu großen Konflikten kommen. Die Freiheit des Marktes besteht nicht nur darin, dass der Staat sich nicht in ihn einmischt. Sie besteht vor allem darin, dass der Zugang zu ihm offen bleibt. Das liegt natürlich nur in den seltensten Fällen im Interesse der jeweiligen Marktteilnehmer. Die haben sich auf einander eingespielt, um nicht zu sagen eingeschmiert. Jeder Neuzugang kompliziert die Lage. Heuschrecken aus den USA nicht weniger als polnische Wanderarbeiter. Alternative Energien eben so sehr wie Billigprodukte aus Guanzhong-Tianshui. Es macht den verrückten Charme unserer ideologischen Großwetterlage aus, dass bei uns gerade die vehementesten Verteidiger des Status quo als energischste Verteidiger der Freiheit auftreten. In Wahrheit verteidigen sie nicht die Freiheit, sondern die Freiheit derer, die derzeit den Markt beherrschen. Das hat alles mit Machterhalt und ganz und gar nichts mit Freiheit zu tun. Es ist das Dümmste, das man machen kann. Es verhindert notwendige Veränderungen. Robert Misiks „Halbe Freiheit – Warum Freiheit und Gleichheit zusammengehören“ provoziert, schon bevor man das Buch aufgeschlagen hat, sofort Widerspruch. Alle Freiheit ist eine Freiheit gegen die Gleichheit, denkt man. Das aus der Reihe tanzen, wendet man ein, ist der Grundschritt der Freiheit. Ohne den passiert nichts. Also, was soll das, dass Freiheit und Gleichheit zusammengehören? Ganz am Ende seines schönen Essays steht die Wahrheit, an der wir nicht vorbeikommen: „Freiheit heißt auch, nicht nur die theoretische Freiheit zu haben, sich auszuprobieren, sondern auch über die Ressourcen zu verfügen, die das praktisch ermöglichen. Und dazu gehören Freiräume genauso wie die Sicherheit, nicht ins Bodenlose zu fallen, wenn man bei diesen Versuchen scheitert.“ Wir könnten heute viel mehr Menschen die Möglichkeit geben, nicht nur sich, lieber Robert Misik, sondern auch etwas auszuprobieren, als alle Gesellschaften vor uns das konnten. Wir mögen bis über die Ohren in Schulden stecken, aber wir wären reich genug, dafür zu sorgen, dass keiner zu Tode geht, weil er scheitert. Er könnte wieder aufstehen und es – wenn er die Nerven hat – wieder versuchen. Mit seiner Kraft, mit seiner Intelligenz, mit seinen Einfällen, mit seinem Charme. Ein paar wenige Voraussetzungen wären nötig: allen voran ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Kartellbehörde, die verhindert, dass systemrelevante Konglomerate entstehen.

Robert Misik: Halbe Freiheit – Warum Freiheit und Gleichheit zusammengehören, Suhrkamp, Berlin 2012, 64 Seiten, 5,99 Euro.

Teilnahme am Ganzen

Am 9. August vor 50 Jahren starb Hermann Hesse. Wer wollte, konnte in allen Tageszeitungen über ihn, seinen Welterfolg, seine gescheiterten Selbstmordversuche, seine Klinikaufenthalte, seinen von Zerstörten, von Toten gesäumten Lebenslauf nachlesen. Er konnte sich kundig machen, wie nahe beieinander politischer Klarblick und politisches Desinteresse liegen können. Oder auch Hoffnung und eine die Skepsis kaum streifende Verzweiflung. Ganz abgesehen von den ihn von Beginn an begleitenden und offenbar niemals enden wollenden Debatten um Kitsch und Kunst. Gerne würde ich mich einschalten in diese großen, wichtigen, ja notwendigen Auseinandersetzungen, aber es ist einfach zu viel. Ich schaffe das nicht. Allein schon die beiden dicken Biographien, die dieses Jahr erschienen. Heimo Schwilk: Hermann Hesse – Das Leben des Glasperlenspielers, 400 Seiten, bei Piper und Gunnar Decker: Hesse –Der Wanderer und sein Schatten, 700 Seiten, Hanser. Beide sind ganz hervorragend. Beide schrecken vor nichts zurück, beide zeigen die Umgebung, aus der Hesse kam - ein evangelisches Missionshaus, in dem engstes Christentum und weiteste Weltkenntnis sich verbanden,  und die Wege, die er weit weg und doch immer wieder auch weit zurück ging -  kritisch liebevoll auf. Ich weiß nicht, von welcher ich abraten soll. Ich rate also zu beiden. Obwohl keine die doch auch ein wenig drängende Frage stellt, ob Hesses Urgroßmutter Christiane Ensslin nicht auch „eine Ahn“ von Gudrun Ensslin war. So ganz ernst ist dieser Satz nicht gemeint, aber vielleicht geht ein Leser dieser Zeilen diesem Rätsel nach. Leider hilft auch der Preisunterschied nicht bei der Entscheidung zwischen den beiden Biographien. Er liegt bei drei Euro und einem Cent. So gesehen wäre die alte Hesse-Monographie, die Hugo Ball (1886-1927) 1927 zum 50. Geburtstag seines Freundes veröffentlichte und die ihren Eindruck auf Schwilk und Dekker nicht verfehlte, der simpelste Ausweg. Sie gibt es als E-Book für null Cent.

Gerade ist auch der erste Band einer auf zehn Bände angelegten Edition der Briefe Hermann Hesses erschienen. Am 9. Mai 1903 schreibt Hermann Hesse an Moritz Heimann, den Lektor des S. Fischer-Verlages: „Sie werden auf den ersten Blick sehen, dass mein Werkchen unmodern, ja antimodern ist. Auch an formalen Mängeln wird es nicht fehlen, dagegen ist Volk und Land aus langen, liebevollen Studien dargestellt, und es steht nichts Erfundenes und Unerlebtes drin.“ Hermann Hesse, das versteht man hier, ist eine wichtige Etappe in der Karriere des Authentischen in der Kunst. Der „Peter Camenzind“, um den es geht, ist nicht nur ein Zeitgenosse, sondern wohl auch ein Bruder von Picassos Altem Gitarrenspieler aus dem Jahre 1903. Der Roman  war ein großer Erfolg. Erst beim Verleger, der Hesse nach der Lektüre des Manuskripts sofort einen Fünfjahresvertrag bot, dann auch beim Publikum. Hesse schrieb darüber: „Die übertriebenen Erfolge des Peter Camenzind haben mich – vom Geld natürlich abgesehen – nicht eben gefreut, ich werde ja förmlich Mode, und das wollte ich nie.“ So schnell kann es gehen vom Unmodernen zur Mode.

Hermann Hesse bei der Lektüre in seinem Arbeitzimmer in Montagnola.
Hermann Hesse bei der Lektüre in seinem Arbeitzimmer in Montagnola.
Foto: dpa

Schon vergangenes Jahr erschien der Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und dem liberalen Politiker Conrad Haußmann (1857-1922). Eines der interessantesten Bücher zu Hesse. Es zeigt ihn als Mitherausgeber einer der wichtigsten Zeitschriften der Jahre vor dem ersten Weltkrieg, des März. Während Haußmann für den politischen Teil zuständig war, hatte Hesse die Verantwortung für den literarischen. Die praktische Redaktionsarbeit übernahm Ludwig Thoma. Hesse, der von sich selbst sagte, er habe durch die 1896 gegründete Satirezeitschrift Simplicissimus, ein anderes Produkt des Verlegers Albert Langen (1869-1909), „zum ersten Mal eine Art von Beziehung zum politischen Leben gewonnen“, fand im März für ein paar Jahre sein „Stücklein Sozialität und Teilnahme am Ganzen“. Als er 1913 die Zeitschrift verließ, wurde – nach einem kurzen Zwischenspiel Wilhelm Herzogs – Theodor Heuss Hesses Nachfolger. Aber Hesse schrieb nicht nur. In diesem Briefwechsel kann man beobachten: Hermann Hesse machte auch richtig Politik, Geheimpolitik sogar. Er arrangierte 1915 Treffen zwischen französischen und deutschen Intellektuellen und Politikern. Ziel war es, der deutschen Heeresleitung und der politischen Führung klarzumachen, dass auf Dauer der Krieg nicht zu gewinnen war, dass es besser wäre, rechtzeitig Frieden zu schließen. Die deutsche Führung aber träumte weiter von einem „Siegfrieden“. Die irrealsten Träume – das sieht man hier wieder - haben nicht die Dichter sondern die Militärs. Selbst die ungeheuerlichsten Phantasien der Dichter reichen nie heran an den Größenwahn der Männer der Tat.

In dem sehr schönen, ebenfalls schon 2011 erschienenen Briefwechsel Hermann Hesses mit dem Maler Hans Purrmann findet sich auf Seite 122 eine Schwarzweißfotografie. Sie zeigt den Blick, den Hans Purrmann aus seinem Haus, der Casa Camuzzi, auf den Luganer See hatte. Vorne links eine Palme, dahinter Bäume und dann der See. Um ihn stehen die Berge wie ihn hegende Schutzengel. Über ihnen weiße, ein wenig verzupfte Schönwetterwolken. Davon sich abwenden, um zu schreiben? Wie soll das gehen, denke ich, während ich mit dem Rücken zum Fenster, das den Blick auf S-Bahn, RTL und die Reichstagskuppel bereit hält, in meinen Laptop tippe. Es ist einer der letzten heißen Sommertage dieses Jahres und ich habe es vorgezogen, in einem stickigen Zimmer zu sitzen und ungeschickt Substantive und Verben an einander zu reihen, statt hinauszugehen und in die Sonne zu blinzeln. Warum? Es gibt keinen Grund, als den, dass es mir mehr Spaß machen muss. Und so, schließe ich jetzt messerscharf, wird es auch Purrmann gegangen sein. Aber Purrmann wandte sich nicht ab. Er war nicht Schriftsteller. Er war Maler. Ich stelle mir vor: Er hielt in vielen, vielen Bildern und Zeichnungen diesen Anblick fest. Am Tag und am Abend, im Frühling, im Sommer, im Winter. Ein Autor hätte sich abwenden müssen von den schroffen Bergen dieser Eiszeitlandschaft, um arbeiten können. Vielleicht geht aber bei einem Autor auch die Schönheit, von der er sich abwendet, mit ein in sein Werk? In seinem kurzgefassten Lebenslauf aus den Jahren 1921 und 1924 schreibt Hesse: „Ich finde, die Wirklichkeit ist das, worum man sich am wenigsten zu kümmern braucht, denn sie ist, lästig genug, ja immer vorhanden, während schönere und nötigere Dinge unsere Aufmerksamkeit und Sorge fordern. Die Wirklichkeit ist das, womit man unter keinen Umständen zufrieden sein, was man unter gar keinen Umständen anbeten und verehren darf, denn sie ist der Zufall, der Abfall des Lebens.“ Zurück zum Briefwechsel mit Purrmann. Der dankt zum Beispiel Hesse dafür, dass er ihn so begeistert auf Virginia Woolfs „Die Jahre“ hingewiesen hatte. Und ganz am Ende, am 8. August 1962, ein paar Stunden vor seinem Tode schrieb Hesse ein Gedicht, von dem sich wieder einmal sagen ließe, dass es unmodern sei und es ihm an formalen Mängeln nicht fehle, aber doch Erlebtes darin stecke:

 

"Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,

Hangend schon Jahr um Jahr,

Trocken knarrt er im Wind sein Lied,

Ohne Laub, ohne Rinde,

Kahl, fahl, zu langen Lebens,

Zu langen Sterbens müd.

Hart klingt und zäh sein Gesang,

Klingt trotzig, klingt heimlich bang

Noch einen Sommer,

Noch einen Winter lang."

 

Gunnar Decker: Hesse – Der Wanderer und sein Schatten, Hanser, München 2012, 703 Seiten, s/w Abbildungen, 26 Euro.

Heimo Schwilk: Hermann Hesse – Das Leben des Glasperlenspielers, Piper, München 2012, 432 Seiten, s/w Abbildungen, 22,99 Euro

Hugo Ball: Hermann Hesse, amazon Kindle, 0,00 Euro (als Buch bei Suhrkamp für 9 Euro)

Hermann Hesse: Die Briefe 1881-1904, hrsg. von Volker Michels, Suhrkamp, Berlin 2012, 660 Seiten, 39,95 Euro.

Hermann Hesse – Conrad Haußmann: Von Poesie und Politik – Briefwechsel, hrsg. und kommentiert von Helga Abret, Suhrkamp, Berlin 2011, 407 Seiten, 29,90 Euro

Hermann Hesse – Hans Purrmann, Briefe 1945-1962, hrsg. von Felix Billeter und Eva Zimmermann, Edition A.B Fischer, Berlin 2011,175 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen, 19,80 Euro

 

[…]

Natürlich stolpert man über Sätze wie diese: „Benno ist moralisch verquert wie die meisten Theaterleute“. Das notiert Erwin Strittmatter am 9. November 1958 über Benno Besson in sein  Tagebuch. Die Haltung der Parteikader gegenüber allen Künstlern reicht der Schriftsteller durch an den Theatermann. Das Tagebuch ist eine Fundgrube für praktizierte Doppelmoral, so gerne würde man es lesen. Aber das geht nicht. Das Buch ist leider unbrauchbar. Wann immer es anfängt interessant zu werden, stößt der Leser auf eine Mauer. Sie besteht aus drei Punkten, die von einer eckigen Klammer umfasst werden. Die Klammer sagt: Hier wurde etwas weggelassen. Hier hat die Herausgeberin aus dem einen oder dem anderen Grunde es vorgezogen, die Quelle nicht sprechen zu lassen. Auf Seite 361 zum Beispiel vier Mal. Darunter: „Gel.: Christa Wolf, Nachdenken über Christa T. Die ersten fünfzig Seiten. Bei soviel vorgegebenem Tiefsinn bekomme ich Kopfschmerzen.“ Und da ist wieder die Klammer. Man weiß nicht, hat er sich weiter über Christa Wolf ausgelassen oder notierte er sich etwas Neues, das die Herausgeberin für nicht veröffentlichenswert oder veröffentlichensfähig hielt? Am 18. Juli 1972 notiert Strittmatter einen verdeckten Besuch der Staatssicherheit bei ihm in Schulzenhof: 9 Zeilen und vier Klammern. Was soll da einem die Lektüre bringen? Mehr als fünfhundert Seiten und doch alles unklar!

Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben – Aus den Tagebüchern 1954-1973, hrsg. von Almut Giesecke, Aufbau, Berlin 2012, 601 Seiten, 24,99 Euro

 

Hinter dem Schleier

Eve Arnold starb am 4. Januar dieses Jahres in London. Am 21. April wäre sie einhundert Jahre alt geworden. Sie wurde als Eve Cohen, als Kind russisch-jüdischer Immigranten -  ihr Vater war Rabbi -  in Philadelphia in Pennsylvania geboren. Sie wurde 1951 als erste Frau Mitglied der Pariser Foto-Agentur Magnum. Sie ist berühmt für ihre Fotos von Marlene Dietrich, von Marilyn Monroe. Diese Aufnahmen lassen sich gut betrachten in ihrem Buch „film journal“, in dem sie schreibt, wie sie  entstanden. Dort lernt man auch, mit wie viel Sinn fürs Kuriose sie ihr „Zusammenleben“ mit den Filmteams beschreibt. Natürlich kann man sich nicht sattsehen an der Schönheit der von ihr fotografierten Frauen. Sophia Loren sitzt auf dem Boden neben dem Sessel, in dem der 77-jährige Charlie Chaplin Platz genommen hat, um sie auf etwas aufmerksam zu machen. Er lacht schon. Sophia schaut noch und man sieht, wie ihre Mundwinkel beginnen in die Höhe zu gehen. Oder da ist die französische Schauspielerin Anouk Aimée, die kurz vor einer Aufnahme, in einem Auto sitzend, noch einmal ihren Text memoriert. Oder John Huston, der amüsiert auf seine 16jährige Tochter Anjelica sieht, die einen Kopfstand vor ihm macht und dabei endlos lange Beine und – wir sind ihm Jahre 1968 - ein sehr großes Höschen zeigt. Oder Monica Vitti als Modesty Blaise , die so schön aussieht, dass man sich nichts Schöneres denken kann bis man die Fotos von Silvana Mangano betrachtet. Der männliche Leser bringt sehr viel Zeit über diesen Aufnahmen zu. Der weibliche wird – in einer sorgfältig nach Geschlechtern sortierten Welt, die nicht die von Eve Arnold, und, wenn wir die Wahrheit sagen, so ganz auch nicht die unsrige ist – sich erfreuen an Paul Newman, Sean Connery – in einem seiner schönsten Filme: Der Mann, der König sein wollte -, an Misha Baryshnikov und dem nackten Oberkörper des jungen Michael Caine. Hat man das Schauen hinter sich gebracht, beginnt man zu lesen. Zum Beispiel wie der große amerikanische Filmregisseur Joseph Losey zuschauen muss, wie sein Star Monica Vitti nicht seinen Anweisungen, sondern denen ihres  geliebten – groß und klein geschrieben – Michelangelo Antonioni, auch er einer der ganz großen Filmregisseure der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, folgte. Der Leser folgt Eve Arnold begeistert, wie sie beschreibt, wie unscheinbar und langweilig Chaplin auf dem Set ist – bis er Loren und Brando zeigt, wie sie tanzen sollen und wie verflucht pingelig er gleich darauf die Techniker bittet, sie mögen doch seine Schritte mit Kreide auf den Boden zeichnen, sodass Brando genau weiß, wie er sich zu bewegen hat. Es ist Chaplins 77. Geburtstag und so blinzelt er Sophia Loren zu: „Noch einmal 70 sein.“ Brandos Vornamen hat Chaplin vergessen und so ruft er ihn „Hallo, Du“. Es ist eine Lust, in diesem Buch zu lesen.

All About Eve. teNeues, Kempen 2011
All About Eve. teNeues, Kempen 2011

In „All about Eve – The Photography of Eve Arnold“  gibt es keine Texte von Eve Arnold, sondern nur – das nur ziehe ich sofort zurück -  eine nun allerdings sehr schöne Einleitung von Liz Jobey, die ein paar Jahre lang die stellvertretende Chefredakteurin der besten Literaturzeitschrift der Welt, von Granta nämlich, war und auch ein Buch über die Geschichte des Fotojournalismus im 20. Jahrhundert herausgebracht hat. Hier also „All about Eve“, also nicht nur die Filmfotografin, sondern auch Eve Arnolds  Reportagen aus den Südstaaten der USA, aus New York, Russland und China. Ich erinnere mich noch daran, wo ich einige der Fotos von Eve Arnold das erste Mal sah: in der Bibliothek des Amerikahauses in Frankfurt am Main. Heute ist dort das Cervantes Institut untergebracht. Ich weiß nicht mehr, in welcher Zeitschrift ich die Fotos sah. Ich weiß nur noch, wie es mich elektrisierte, darin über die schwarze Bürgerrechtsbewegung in Petersburg zu lesen. Den Ort kannte ich: Tom Sawyer und Huckleberry Finn waren dort zu Hause gewesen. Dass aus der verträumten Kleinstadt eine Basis für den Kampf gegen die Rassentrennung geworden war, freute mich. Es bestärkte mich in meinem Glauben an eine bessere Zukunft. Erst Jahre später kapierte ich, dass Mark Twains St. Petersburg, ein am Mississippi gelegenes Nest, ein Produkt seiner schriftstellerischen Fantasie war, dass – wenn man so sagen darf –  Eve Arnolds  Petersburg dagegen ganz real am Wasserfall des Appomattox in Virginia lag und noch immer liegt. Aber ohne diese falsche Assoziation hätte ich mir damals die Fotos vom Unterricht im gewaltfreien Widerstand nicht so aufmerksam angesehen.

Eve Arnold Hommage heißt ein dieses Jahr bei Schirmer/Mosel erschienener Band. Er begleitete eine Münchner Ausstellung der Fotografien von Eve Arnold zu Beginn des Jahres. In diesem Band wird die ganze Eve Arnold sichtbar. Ihre Starfotos, ihre Reportagen, ihre Fotos für die Vogue und ihre Texte. Sie schreibt zum Beispiel: „Es ist so, als habe die Kamera keine Ohren, deshalb wurde ich im Verlauf der Jahre in viele persönliche und private Belange eingeweiht: Joan Crawford  zog sich aus und bestand darauf, nackt  fotografiert zu werden. Marlene Dietrich erzählte von ihren Liebesabenteuern mit Präsident Kennedy. Clark Gable strahlte, als er davon erzählte, wie es ist, mit dreiundsechzig Vater zu werden. Simone Signoret berichtete von den Seitensprüngen ihres Mannes Yves Montand. Isabella Rossellini erzählte von der Affäre ihrer Mutter Ingrid Bergman mit dem Fotografen Robert Capa. Marilyn Monroe bürstete während eines Interviews für eine Zeitschrift ihr Schamhaar.“ Kenner der Arnoldschen Prosa wissen, dass sie ihre Höhepunkte schöner herauspräpariert als in dieser Kurzfassung. Natürlich fehlt in diesem Band nicht die James Joyce lesende Monroe, eine Ikone der akademischen Monroe-Rezeption. Dagegen findet sich in „All about Eve“ eine Aufnahme der Monroe an der Seite von Sir Laurence Olivier aus dem Jahre 1956, auf der kann man sehen, wo Iris Berben ihr umwerfendes Lachen her hat. In dem - wie immer bei diesem Verlag - hervorragenden Schirmer/Mosel-Band gibt es ein Foto des Führers der amerikanischen Nazi-Partei George Lincoln – er scheint Sohn einer sehr patriotischen Familie gewesen zu sein – Rockwell. Aufgenommen auf einer Versammlung der Black Muslims, heißt es unter dem Foto. Von dieser Sensation ist auf dem Bild freilich kam etwas zu erkennen. Dazu muss man wieder in „All about Eve“ nachschlagen. Da sieht man nicht nur Rockwell mit seiner Entourage, sondern man sieht sie in einem Saal voller Vertreter von Black Power. Eve Arnold schreibt – und das lesen wir nur in dem Schirmer/Mosel-Band  -: „Frauen und Männer saßen laut Sitzplan getrennt. In der vordersten Reihe saß George Lincoln Rockwell, der Anführer der amerikanischen Nazi-Partei mit seinen Anhängern. Der Grund für diese heillose Allianz war, dass die Nazis und Muslime ein gemeinsames Ziel hatten: Amerika unter sich aufzuteilen. Die Muslime sollten die gesamte Ostküste bekommen. Die Nazis den Rest. Als ich die Kamera hob, um Rockwell und seine Mannen zu fotografieren, fauchte er mir zu: ‚Ich mach‘ aus Dir ein Stück Seife.‘  Worauf ich zurückfauchte: ‚Solange es kein Lampenschirm ist‘ und weiterfotografierte.“ Man sollte dazu gelesen haben, was Liz Jobey in „All About Eve“  über Arnolds tiefe Stimme, ihr breites amerikanisch schreibt, dann kann man sich vorstellen, dass auch ein George Lincoln Rockwell keine Lust darauf hatte, sich mit der Fotografin - auch angesichts einer deutlichen Übermacht an Black Power in diesem Saal - anzulegen. 1969 bis 1971 war Eve Arnold unterwegs und fotografierte verschleierte Frauen und solche, die den Schleier für ihr Foto abgelegt hatten. In Ägypten, in Abu Dhabi, in Dubai und in Afghanistan, in Mazar-i-Sharif. Es ist vierzig Jahre her. In Afghanistan kann man heute noch dieselben Aufnahmen machen. Oder muss man sagen: wieder? Daneben gibt es ein kokettes Spiel mit dem Schleier, eine Erotik des Gesichts, an der Arnold offensichtlich ihr Vergnügen hatte. In ihrem Text steht der Satz: „Es war eine schwierige fotografische Aufgabe, verhüllte Gestalten als Frauen kenntlich zu machen.“ Das ist ganz sicher falsch. Jedenfalls solange es sich nicht um Rückenaufnahmen handelt. Zu keinem Zeitpunkt gab es in diesen Ländern – gab es das irgendwo auf der Welt? - ein Schleiergebot für Männer.

Eve Arnold: film journal, Bloomsbury Publishing, New York 2002, 255 Seiten, 19,99 Euro

All about Eve – The Photography of Eve Arnold, teNeues, Kempen 2011, 216 Seiten, 150 Duplex- und 10 Farbfotografien, Text in Englisch, 65 Euro.

 

Leider im Augenblick beim Verlag nicht zu haben:

Eve Arnold: Porträts und Fotoreportagen, hrsg. Von Brigitte Lardinois, mit einer Einleitung von Anjelica Huston und einem Text von Isabella Rossellini, Collection Rolf Heyne, München 2009, 176 Seiten. 

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