Literatur

27. September 2012

Nach der Bücherjagd: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Arno Widmann. Foto: Mely Kiyak

Es folgen keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es handelt sich  – sehr altertümlich gesagt – um Lesefrüchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet.

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Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

Barocker Spaß

In weniger als einer Stunde kann man die beiden Geschichten lesen. Ein Überfall auf eine Bäckerei und einer auf McDonald‘s. Politisch korrekt sind beide von der Täterseite aus betrachtet. Die sind schließlich hungrig. Sie sind es aber auch von der Seite der Überfallenen aus, die sich weigern, den Überfall als Überfall anzuerkennen. Ein Gutteil der Geschichten beschreibt die Verhandlungen, die beide Seiten führen, um sich über die korrekte Abwicklung der Aktionen zu einigen. Das entwickelt eine surreale Komik. Der Erzähler – Haruki Murakami – setzt dem noch ein paar Lichter auf, indem er in seinen Geschichten die absurdesten Nebenkriegsschauplätze aufmacht. Richard Wagner zum Beispiel oder das Gefühl eines der Protagonisten, in einen Abgrund zu schauen oder barocke Metaphern seitens des Autors. Damit werden die knappen stories aufs Schönste aufgeplustert. Man schaut einem Virtuosen bei seinen Übungen zu.

Kat Menschik, 1968 in Luckenwalde geborene Zeichnerin, hat diesen Band wie auch „Schlaf“, ebenfalls von Murakami und in gleicher Ausstattung schon 2010 erschienen, prächtig illustriert.

Haruki Murakami: Die Bäckerei-Überfälle, DuMont, Köln 2012, 80 Seiten, 14,99

 

Das Zappen der Aphorismen

Antoine de Rivarol: Vom Menschen – Gedanken und Maximen, Porträts und Bonmots, Matthes & Seitz, Berlin 1912.
Antoine de Rivarol: Vom Menschen – Gedanken und Maximen, Porträts und Bonmots, Matthes & Seitz, Berlin 1912.

Auf der Rückseite des Umschlages steht: „Im Grunde ist es unnütz, in seinem Leben etwas zu lernen, denn nach dem Tod wird man ja alles wissen.“ Das ist ein Satz! Frömmer geht nicht und unfrömmer auch nicht. Wenn es so ist, dann ist es tatsächlich überflüssig, sich hienieden kundig zu machen. Aber in dieser Radikalität ausgesprochen, wird klar: So kann es nicht sein. Autor dieses Satzes ist Antoine de Rivarol (1753-1801). Es ist wieder einmal eine Sammlung seiner Geistesblitze erschienen, mit einem klugen, schönen Nachwort von Johannes Willms. Ich begann die Lektüre mit diesen den Appetit auf Rivarol kunstvoll schürenden Ausführungen. Wie Willms beschreibt, wie Rivaraol den aufklärerischen Esprit, seine Meisterschaft in deren Hauptmedium, der witzigen Salonkonversation, dazu verwendet, dem Althergebrachten, den religiösen Dogmen und der politischen Reaktion glanzvoll zu Siegen in der Debatte zu verhelfen, das enfaltet eine gewaltige Verführungskraft. Aber. Ja, wieder ein Aber. Der Taube hat wenig von der Musik. Wer zu ungeschlacht ist für den Salon, wessen Haut zu dick ist, um die feinen Spitzen zu spüren, der scheitert an Rivarol. Es scheitert an Rivarol auch, wer für den Aphorismus nicht gebaut ist. Wer längere Anläufe braucht, um in Fahrt zu kommen oder gar den Absprung zu schaffen. Fünf Zeilen der eine Gedanke. Dann der nächste, der auch nicht mehr erfordert. Wer eine Geschichte braucht, der wird sich enttäuscht abwenden von Rivarol. Es wird ihm zu schnell gehen, das Zappen der Aphorismen. Während er noch dasteht und sich fragt, was wohl heißen soll „Die Sprachen sind die wahren Medaillen der Geschichte“, ist Rivarol schon beim nächsten nicht weniger rätselvollen Satz: „Die Grammatik ist die Experimentalphysik der Sprachen“. Der schien allerdings wohl auch ihm schon gar zu rätselhaft, so schob er eine Erläuterung nach: „Da die Grammatik die Kunst ist, die Schwierigkeiten einer Sprache aufzuheben, darf der Hebel nicht schwerer als die Last sein.“ Das „Da“, wird hier deutlich, ist der Tod des Aphorismus. Das „Da“ zeigt an, dass etwas begründet werden muss. Der Aphorismus lebt vom Schlaglicht der Evidenz. Dass dann, wie in diesem Falle, nach dem „Da“ nichts kommt, was einer Begründung auch nur ähneln könnte, wäre als ironisches Spiel zu verstehen, wenn jeder der durch das Da verbundenen Sätze klar und gleißend für sich stände. Aber das tun sie nicht. Sie tun es, um die Wahrheit zu sagen, die natürlich nur die Wahrheit meines Eindrucks ist, bei Rivarol nur in den seltensten Fällen. Auf der Seite gegenüber steht: „Über Turgot, der für die Enzyklopädie einen sehr unverständlichen Artikel über die Evidenz geschrieben hatte: ‚Er ist eine Wolke, die über die Sonne schreiben soll.’“ Das ist schön, aber doch, finde ich, nicht schön genug. Erstens: Im Vergleich zur Evidenz ist alles umständlich. Für eine Enzyklopädie, also wissenschaftlich über Evidenz zu schreiben, ist enorm vertrackt, denn Wissenschaft ist nichts anderes als die Zerstörung von Evidenz. Zweitens: Eine Wolke scheint mir gut geeignet, um die Sonne zu beschreiben. Deren Licht bricht sich in ihr. Sie lernt sie also kennen. Das sind möglicherweise keine Einwände. Aber es soll doch der Versuch sein, zu beschreiben, warum ich Rivarol nicht lesen kann und warum ich – bedauernd - blind bin für die von Johannes Willms so großartig beschriebenen Qualitäten Rivarols.

Antoine de Rivarol: Vom Menschen – Gedanken und Maximen, Porträts und Bonmots, herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Kunzmann, Nachwort Johannes Willms, Matthes & Seitz, Berlin 1912, 500 Seiten, 39,90 Euro

 

Unwahrscheinliche Beauties

Die Reihe heißt: Meine 25 Lieblingsgedichte. Bisher haben darin veröffentlicht Michael Heltau, Erwin Steinhauer. Ich sehe mir die 25 Lieblingsgedichte der Friederike Mayröcker an. Angeführt wird die Liste von fünf Gedichten ihres verstorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl. Das erste und das zweite hat er ihr gewidmet. Das erste sollte ich auswendig lernen. Es seien wenigstens ein paar Verse daraus zitiert:

 

Das Hundelvieh

gar traurig geht das hundelvieh

auf einer zeh und einem knie

 

verloren leckt das hundelvieh

am roten fleck der masturbie

 

zerbrechlich ist das hundelvieh

drum wirf es aus dem fenster nie

 

Nach Jandl kommen Thomas Kling und Marcel Beyer, Aichinger, Artmann und Pastior. Auch Brecht, Heine, Goethe, Hölderlin und Benn. Von dem das von Rüdiger Safranski gerne nach einer Reihe von Marts vorgetragene „In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs“, darin die unvergesslichen fünfziger Jahre Verse:

 

Heute noch in einer Großstadtnacht

Caféterrasse

Sommersterne

vom Nebentisch

Hotelqualitäten in Frankfurt

Vergleiche,

die Damen unbefriedigt

wenn ihre Sehnsucht Gewicht hätte

wöge jede drei Zentner

 

Aber ein Fluidum! Heiße Nacht

à la Reiseprospekt und

die Ladies treten aus ihren Bildern:

unwahrscheinliche Beauties

langbeinig, hoher Wasserfall

über ihre Hingabe kann man sich gar nicht erlauben

nachzudenken.

Friederike Mayröcker: Meine 25 Lieblingsgedichte, styriabooks, Wien 2012, 64 Seiten, 16 Euro.

 

Verschwörung der Idioten

Das Jahr 2012 geht schon wieder zu Ende. Man erkennt an das zwei Dingen: Es gibt Stollen und die Kalender für 2013 sind im Handel. Zum Stollen vielleicht ein anderes Mal und ein andermal vielleicht auch über die Vielzahl von Kalendern. Heute nur ein Hinweis auf die 46. Ausgabe des Aufbau-Literaturkalenders. Man hängt ihn an die Wand, und jede Woche sieht man einen Autor, eine Autorin und liest dazu einen kurzen, sehr kurzen Text des Autors. Ich weise auf diesen Kalender hin, weil der Umschlagtext mir so gut gefallen hat: „Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.“ Der Satz stammt von Simone de Beauvoir und er ist zum Niederknien. Eine Frau, deren Freund ich sehr gerne wäre, findet, das Glück bestehe darin zu leben wie alle Welt. Punkt. Das ist nichts als verlogen. Sie schreibt, sie schreibt wie keine sonst. Sie schreibt mit Augenaufschlag. Jedes Wort sagt: Ich bin ich. Wir Leser sind ihr dankbar dafür. Es macht ihre Texte einzigartig. Schön, dass sie gleichzeitig sein möchte wie wir alle. Aber sie will eben beides sein. Wie Simone de Beauvoir und wie wir alle. Das ist der rührende Wunsch von Menschen, die etwas wollen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Genau das ist Glück. Die 53 Blätter reichen von Khalil Gibran (1883-1931), dem libanesisch-us-amerikanischen Autor des Weltbestsellers „Der Prophet“ bis zu Jorge Semprun (1923-2011), dem spanisch-französischen Autor, der die Brutalitäten des zwanzigsten Jahrhunderts erlitt und beschrieb. Man liest die kurzen Texte und denkt: Warum habe ich „Der Prophet“ noch immer nicht gelesen, ein Buch, das seit 1923, als es das erste Mal erschien, so vielen Menschen so viel bedeutete? Oder man bleibt im Februar hängen an Georges Simenon, der wahrscheinlich erfolgreichsten Schreibfabrik des 20. Jahrhunderts: „Bei einem Groschenromanen achtzig Seiten pro Tag; bei einem Kriminalroman anfangs vierzig Seiten pro Tag, einen Teil vormittags, den anderen Teil nachmittags. Damals sagte ich mir: Wenn ich nur noch zwanzig Seiten am Tag schreiben muss, bin ich ein gemachter Mann. Dann kann ich eine ruhige Kugel schieben.“ Wahrscheinlich lesen die meisten seiner Leser weniger pro Tag als Simenon schrieb.

Aufbau Literaturkalender 2013, Aufbau Verlag, Berlin 2012
Aufbau Literaturkalender 2013, Aufbau Verlag, Berlin 2012

1969 nahm sich der 1937 geborene amerikanische Autor John Kennedy Toole das Leben. Ein Lektor hatte sein Manuskript nicht nur abgelehnt, sondern diese Ablehnung offenbar gar zu eloquent begründet. Die Mutter fand das Manuskript und bot es immer wieder immer neuen Verlagen an. 1980 endlich nahm einer es. „Die Verschwörung der Idioten“ verkaufte sich 1,5 Millionen Mal. In dem Kalender finden sich neben den großen Alten, neben dem Heiligen Paulus, neben Georg Büchner, Dorothy Parker, Jean Paul, Ernest Hemingway und Alexandra David Néel auch sieben noch lebende Autoren. Der älteste ist der 1933 geborene Peter Härtling, die jüngste Juli Zeh, Jahrgang 1974. Der früheste Autor stammt aus dem Ende des 10. Jahrhunderts und war eine Frau: Sei Shonagun. Von ihr stammt eines der eigentümlichsten Werke der Weltliteratur: Das Kopfkissenbuch. Es besteht aus ganz gewöhnlichen Listen und gerade mittels dieser Allerweltstexte ist sie „wie kein anderer“.

Aufbau Literaturkalender 2013, Aufbau Verlag, Berlin 2012, 19,99 Euro.

 

Ein wenig Statistik

Es ist ein sehr schönes Buch. Wenn ich mich nicht verzählt habe: 72 Kunstwerke, die opulent abgebildet und erklärt werden von Kennern und Künstlern. Der Titel ist allerdings schwer zu ertragen: „Das Geheimnis der Meisterwerke“. Vor zwanzig Jahren arbeitete ich bei der deutschen Vogue. Die damalige Chefredakteurin versuchte jedes Mal, das Wort „Geheimnis“ auf den Titel zu bringen. Diese damals schon etwas altbacken wirkende Mentalität hat jetzt in einem Lektorat Unterschlupf gefunden. Die amerikanische Originalausgabe trägt den Titel „What makes a masterpiece: artists, writers and curators on the world’s greatest art“. Das wird im deutschen Untertitel  mit “Was große Kunst auszeichnet” transportiert. Wie man schon bei flüchtigster Betrachtung feststellen kann, ist der Titel natürlich gelogen. Uns wird nicht 72 mal erklärt, was das jeweilige Werk zu einem Meisterwerk macht. Dazu fehlt in den meisten Fällen schlicht der Platz. Natürlich handelt es sich auch nicht um die größte Kunst der Welt. Auch das bemerkt man, ohne auch nur eine Zeile zu lesen. Chinesische Kunst kommt zwei Mal vor, japanische drei Mal, Indien zwei Mal, China zwei Mal. Deutschland drei Mal: Dürer, Grünewald, Caspar David Friedrich. Spanien ebenfalls drei Mal, wenn man den Griechen El Greco neben Velazquez und Goya stellt, Italien aber 15 Mal. So ein wenig Statistik und schon ist klar: Das ist eine lächerliche Auswahl. Und noch etwas: Meisterwerke gab es von der Höhle von Chauvet bis zum 1900 entstandenen Interieur des dänischen Malers Vilhelm Hammershoi. Es fehlt die Revolution des zwanzigsten Jahrhunderts. Es fehlt die Abstraktion. Wichtiger aber noch ist: Es fehlt der Blick, den uns die Abstraktion für die alte Kunst gegeben hat. So hat man ein rührend altmodisches Buch in der Hand. Ein Quastenflosser der Kunstbetrachtung, Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche.

Aber. Ein dickes Aber. Das heißt nämlich nicht, dass nicht einige, dass nicht eine ganze Menge der Beiträge zu den Kunstwerken – meist Bilder – sehr lesenswert sind. Freilich entbehrt es auch nicht der Komik, wenn der Beitrag über Vilhelm Hammershois Interieur ein wenig pathetisch – das zeichnet übrigens viele der Beiträge aus - mit den Worten endet: „Insofern kann es als eine der ersten Darstellungen eines Geisteszustandes in der Kunstgeschichte gelten, als ‚Schnappschuss‘ der menschlichen Seele.“ Und was sind all die anderen Bilder? Martin Kemp schreibt über die Mona Lisa: „ein verschleiertes Porträt der menschlichen Seele“. Wenn in diesem Band Architektur- und Landschaftsmalerei auch nur den Bruchteil der Rolle spielten, die sie in der Weltkunstgeschichte haben, Herrn Hammershoi würde es nicht an Vorfahren mangeln, die aus Räumen „Schnappschüsse der menschlichen Seele“ gemacht haben.

Aber ganz unabhängig von diesen Absurditäten ist die Bildqualität so, dass man gerne in diesem Band liest, blättert, zurückblättert und wieder liest. Da ist zum Beispiel ein fünf Meter langes, 25 Zentimeter hohes Rollbild aus Seide. Es entstand im elften Jahrhundert. „Frühlingsfest am Fluss“. Alle gleichzeitige europäische Malerei wirkt daneben hilflos und ungelenk. So etwas wie dieses Bild gab es in Europa erst Jahrhunderte später.

Ein Mogul-Aquarell, das zwischen 1615-1618 entstanden sein soll, zeigt Dschahangir, den ältesten Sohn Akbars des Großen, der sich mehr für einen Sufi-Scheich als für die Großen der Welt interessiert. Unter ihnen ein osmanischer Herrscher und König Jakob von England. Es ist ein Bild, auf dem sich, wie in der gesamten Mogul-Kunst, Ost und West vereinigen. Ein Stück Multi-Kulti, in dem sich mongolische, persische, indische und europäische Traditionen mischen.

Christopher Dell: Das Geheimnis der Meisterwerke – Was große Kunst auszeichnet, DuMont, Köln 2012, 304 Seiten, 265 farbige und 20 einfarbige Abbildungen, 39,99 Euro

 

Abschaffung der Parteien

Richtig! Genau so! Ja, so ist es! Das sagt der Leser dieser kleinen Abhandlung. Er sagt es immer wieder, und er wird immer lauter dabei. Bis er vor dem eigenen Lärm erschrickt und noch einmal zurückblättert. Sicher, die Autorin hat recht. Die politischen Parteien beschäftigen sich weniger mit Sachfragen als mit einander. „Wenn es in einem Land Parteien gibt, entsteht früher oder später eine Sachlage, in der es unmöglich ist, wirksam auf die öffentlichen Angelegenheiten Einfluss zu nehmen, ohne in eine Partei einzutreten und das Spiel mitzuspielen.“ Die Parteien wiegeln das Publikum auf für die eigenen Interessen gegen die der anderen. Korruption gehört zu ihnen wie die Milch zur Kuh. „Der Einfluss der Parteien hat das gesamte Geistesleben unserer Zeit verseucht“. Das Partei-Ergreifen ist zur Pest unserer Zeit geworden. Der erste Schritt zur Besserung unserer Lebensverhältnisse wäre die generelle Abschaffung der politischen Parteien. Das ist ein kalter Blick auf den politischen Betrieb. Es ist ein Blick aus dem Jahre 1942, ein Blick aus der Résistance, der Blick der 32jährigen ehemaligen Jüdin Simone Weil. Es ist ihr letztes Buch. Sie schrieb es schwer tuberkulosekrank, sterbenskrank, in London. Wenn man erschrocken von der eigenen Begeisterung zurückblättert, stößt man auf diese Sätze: „Die Menschen konvergieren im Gerechten und Wahren, wohingegen Lüge und Verbrechen sie unendlich divergieren lassen. Die Einheit ist eine materielle Kraft, und dies lässt darauf hoffen, in ihr eine Ressource zu finden, um Wahrheit und Gerechtigkeit hienieden materiell stärker zu machen als Verbrechen und Irrtum.“ Über diese Sätze hatte ich nicht gejubelt. Ich war über sie hinweg geglitten. Aber sie erst machen die Position von Simone Weil klar. Es geht nicht darum, herauszufinden, was in der jeweiligen Lage wahr und gerecht ist. Das weiß man schon. Das ist klar. Vor aller Politik. Die Aufgabe der Politik ist die Stärkung von Wahrheit und Gerechtigkeit. Das geht am Problem meilenweit vorbei. Selbst, wer Simone Weil zugesteht, dass wir uns im Allgemeinen klar darüber sind, was wahr und gerecht ist, wird ins Grübeln kommen, ab wann zum Beispiel die Ermordung Adolf Hitlers eine wahre und gerechte Tat war. Genau darum aber geht es in der Politik. Es geht nicht ums Prinzip. Es geht darum, im richtigen Augenblick das Richtige zu tun. Was das ist, wissen wir nicht, bevor wir die Lage untersucht haben. Von allen Seiten. Dazu sind Parteien da. Denn es gibt nicht einen, der alle Seiten beleuchten kann. Wir brauchen die unterschiedlichsten Ansichten. Simone Weil kann die Parteien abschaffen, weil sie weiß, was richtig ist und weil sie keinen Zweifel daran hat, dass das, was sie weiß, das Wahre und Gerechte ist. Jetzt schämt der Leser sich der begeisterten Ausrufezeichen, mit denen er den Text versehen hat. Dabei sollte er froh sein, dass jemand einmal so radikal gedacht hat, dass die Voraussetzungen und die Konsequenzen dieses Denkens so schnell so klar wurden. Simone Weil sei Dank!

Simone Weil: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien, aus dem Französischen von Esther von den Osten, Diaphanes, Zürich-Berlin 2009, 48 Seiten, 10 Euro

 

Ein Blick von weit weg

Man konnte es auch damals wissen. Man konnte es sehen: den Mummenschanz der 68er, die Revolutionsmaskerade, die Schminke, die alten Kostüme, das Reaktionäre daran. Hans Werner Richter sah es. Der Gründer der Gruppe 47 war keine Sekunde anfällig für die „radikalen Ideen“ jener Jahre. Er kannte sie alle. Er hatte sie abgelegt. Er wusste auch, warum. Manches von dem, was damals gesagt wurde, mochte in den fünfziger Jahren noch fortschrittlich gewesen sein, jetzt aber, so notiert er am 14. Oktober 1966 in sein Tagebuch, „werden die Tabus von der wissenschaftlich-technischen Revolution gebrochen, und es ist völlig gleichgültig, ob jemand Konformist oder Nonkonformist ist oder sich so oder so nennt“. Das ist ein Blick von weit weg auf die Studentenbewegung und einige der Mitläufer unter den Schriftstellern. Es sind die Autoren, die heute berühmt sind. Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Martin Walser. Richter beobachtet sie und die sie begleitenden Kritiker Walter Jens, Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki mit sehr wachen Augen, deren Sehkraft womöglich vom Neid geschärft wurde. Er schreibt das auf in einer Schärfe, stellenweise in einer Brillanz, die man in seinen Büchern niemals fand. Das macht der Abstand. Besser: die Verachtung. Er hält das Revolutionsgetue jener Jahre für nichts als Dummheit von Leuten, die keine Ahnung haben, was Politik ist, was nun gar progressive Politik sein könnte in der Bundesrepublik. Was zwang die 68er dazu, noch einmal die gleichen Fehler zu machen, die schon in den zwanziger Jahren begangen worden waren? Was sollte der Quatsch mit der Arbeiterbewegung? Was die Rede von Marxismus und Revolution? Es wird wohl eine Fluchtbewegung gewesen sein. Nachhut statt Vorhut. Statt das zu analysieren, was sich vor aller Augen abspielte, die große technologisch-industrielle Veränderung, erschienen Reprints aus den Zwanziger Jahren. Man denkt an all diesen Blödsinn, wenn man liest, wie sich bei Hans Werner Richter Gerhard Szczesny, ein radikaler Aufklärer und der damals jugendliche Neomarxist Elmar Altvater trafen.

Hans Werner Richter: Mittendrin – Die Tagebücher 1966-1972, C.H. Beck, München 2012.
Hans Werner Richter: Mittendrin – Die Tagebücher 1966-1972, C.H. Beck, München 2012.

Das Buch kommt zu spät? Nein. Wir leben wieder in einer Zeit der großen Nostalgie, in einer Welt, in der, wer die Zukunft entwirft, gerne in die Vergangenheit schaut. Nicht um sich von ihr abzustoßen, sondern um in ihr nach Lösungen zu suchen. Da könnten die Tagebücher Hans Werner Richters helfen. Sie können vielleicht eine neue Generation vor der offenbar immer wieder drohenden Regression bewahren.

Das Buch ist natürlich auch eine Fundgrube für die literarischen Klatschmäuler, die sich demnächst auf der Buchmesse wieder treffen werden. Zum Beispiel: „Alexandra Kluge, die Schwester des Schriftstellers Alexander Kluge, damals in den Jahren 1963/64 die Geliebte von Peter Weiss, eine etwas somnambule junge Ärztin, jetzt als Schauspielerin ebenfalls berühmt geworden, bat mich vor zwei Monaten, an Peter zu schreiben, ich allein hätte es in der Hand, alles wieder in Ordnung zu bringen.“ Über dem Wort Geliebte steht die Zahl 103. Ich schlage in den Anmerkungen nach: „Diese Einschätzung beruht auf einer subjektiven Wahrnehmung Richters. Alexandra Kluge und Peter Weiß standen sich sehr nahe.“ So etwas liest der Gala-Leser mit besonderem Vergnügen. Für den Fall, dass es noch Lesebücher in deutschen Schulen geben sollte, so seien die knapp vier Seiten empfohlen, auf denen Hans Werner Richter die Beerdigung des sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler (1913-1967) am 17.2.1967 in Pforzheim schildert. Es ist ein Porträt der Bundesrepublik jener Jahre. Kanzler Kiesinger, die Bundeswehr, Ich hatt‘ einen Kameraden, das Volk von Pforzheim, Grass gibt auf dem Flugfeld seine letzten Autogramme. Das ist großartig.

Es sind auch ein paar s/w-Aufnahmen dabei. Auf einer sieht man einen sehr jungen Hans Magnus Enzensberger, der sich auf Kuba die Richtung weisen lässt. Auf einer anderen ein Foto aus einer von Hans Werner Richter geleiteten Talk-Show – das Wort gab es damals in Deutschland noch nicht – „So sehen wir den Mann“, in der Helga M. Novak, Renate Rasp, Gabriele Wohmann und Barbara König den Männern sagten, was sie von ihnen hielten. Damals wurde im Fernsehen noch süchtigst geraucht.

Hans Werner Richter: Mittendrin – Die Tagebücher 1966-1972, C.H. Beck, hrsg. Von Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz, München 2012, 383 Seiten, 24,95 Euro.

Wahrheit nicht doziert

Nochmal Hermann Hesse. Am 9. August vor 50 Jahren starb er. Vergangenen Monat gab es also schon sehr viel über ihn zu lesen. Mir ist das Hermann Hesse-Handbuch aber erst jetzt zwischen die Finger gekommen. Es ist ein Führer durch Biographie, Werk und die Sekundärliteratur. Wer also zum Beispiel das Kapitel „Steppenwolf“ aufschlägt, wird knapp über die damaligen Lebensumstände Hermann Hesses informiert, kann an Hand von Briefauszügen sich selbst ein Bild machen und dann zeitgenössische und neuere Kritiken lesen. Am Ende folgt eine Liste wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Steppenwolf. So geht es durch das gesamte Werk. Zum Beispiel findet sich im Kapitel „Glasperlenspiel“ auch ein Auszug aus der Rezension der Tübinger Studentischen Blätter vom Dezember 1948. Darin heißt es: „Dieses Streben zur Vervollkommnung und das Wissen, dass die Wahrheit nicht doziert, sondern gelebt wird, ist Knechts und Hesses Ziel und sollte auch das unsere sein.“  So schrieb Siegfried Unseld.

Jürgen Below: Hermann Hesse-Handbuch – Quellentexte zu Leben, Werk und Wirkung, Peter Lang, Frankfurt am Main 2012, 574 Seiten, 78 Euro.

Je t’aime

Der 1947 in der Nähe von Genf geborene Schweizer Autor, Dramatiker und Regisseur Valère Novarina hat sich und uns das Vergnügen gemacht, 311 Gottesdefinitionen zusammenzustellen. Auf nicht einmal 30 Seiten. Ein kleines Büchlein wird daraus, wenn man nicht nur jede Definition nachweist, sondern auch jeden der Definisten – das Wort habe ich mir bei Walter Serner ausgeliehen – kurz vorstellt. Das geschieht jetzt in dieser deutschen Übersetzung das erste Mal. Man kann auf diese Weise statt der ersten 30 die zweiten 50 lesen und so gleich bei denen fündig werden, an die man nicht gedacht hatte. Zum Beispiel bei Serge Gainsbourg, dem Komponisten des gestöhnt-gehauchten „Je t’aime“. Möglicherweise ja doch der einzig richtigen Haltung zum Schöpfer Himmels und der Erden. Von Gainsbourg also gibt es ein Chanson: „Gott ist ein Havannaraucher.“ Und, so denkt der Leser, offenbar sehr Fidel. Natürlich erinnert Novarina an Eugène Pelletan, der sich schon 1883 fragte: „Ist Gott tot?“ Wunderschön ist, was Augustin in der Predigt 279 feststellt: „Als Paulus nichts sah, sah er Gott.“

Die 311 Gottesdefinitionen wurden als eine Performance geschaffen. Die Zuschauer sollen immer wieder auch gelacht haben. Man kann das tun, ganz unabhängig davon, ob man der einen oder der anderen Definition anhängt. Das Lachen ist hier wohl ein Ausdruck der Verblüffung darüber, was die Menschheit alles sich ausgedacht hat, um eines Unhabbaren habhaft zu werden. Der Bayerische Rundfunk hat daraus ein Hörspiel gemacht: 101 Stimmen in siebzehn Sprachen. 

Valère Novarina: 311 Gottesdefinitionen, aus dem Französischen von Leopold von Verschuer, Matthes & Seitz, Berlin, 2012, 90 Seiten, 10 Euro.

Auf einen von denen

Am 29. September 1912 wurde Michelangelo Antonioni in Ferrara, der Stadt Giorgio Bassanis (1916-2000), geboren. Antonioni wird gefeiert als einer der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte. Das Italien seiner frühen Filme ist grau und leer. Zwischen den Häusern und auf unwirtlichen Brachen einsame Menschen. Keine Spur von bunter, knallender bellezza. Es ist ein Italien, wie wir es vergessen haben. Ein Italien jenseits der Toskanafraktion.

Von Francois Truffaut gibt es den Hinweis an angehende Regisseure, sie sollten, wenn sie wieder einmal Schwierigkeiten haben, einen Film zuwege zu bringen, ein Buch schreiben. Bücher hat Antonioni keine geschrieben. Aber geschrieben hat er wohl immer. Er ist – das wird gerne übersehen – einer der großen Autoren der italienischen Literatur. Das wird so sehr übersehen, dass ich den Verdacht habe, ich sei der einzige, der so denkt. Aber seit ich vor einer Reihe von Jahrzehnten seine kleine Erzählung „Zwei Telegramme“ las, bin ich mir dessen sicher. Ich bin die Erinnerung an diese Nacht in dem erhellten Büro, das sich in den dunklen Scheiben der anderen Büros spiegelnd multipliziert, niemals losgeworden. Natürlich auch nicht den Schluss, als am Morgen die Frau hinter der Türe steht mit einer Schere „bereit zuzustechen. Gleichgültig auf wen. Auf einen von denen.“ Man hört oft, jemand liebe weniger die Geliebte als vielmehr das Lieben. Das gleiche gibt es auch bei der Aggression. Auch sie ist nur zu oft sich selbst Ziel genug.

In einer anderen der kleinen Geschichten Antonionis heißt es: „Versuche einmal, Dir vorzustellen, sagte er zu seiner Frau, wir hätten eines Tages Kinder, die uns so fremd wären, wie wir uns fremd sind.“ Das sind wunderbar schreckliche Sätze. Weil sie wahr sind. Antonioni mag diese Geschichten nur als Skizzen betrachtet haben, als Gedächtnisstützen für zu drehende Filme. Aber unter der Hand sind ihm Erzählungen geglückt, wie man sie sonst kaum findet. Dass sie nicht die Sache selbst sein wollen, gibt ihnen eine Offenheit, die hinausführt in die Wirklichkeit des Lesers.

Michelangelo Antonioni: Chronik einer Liebe, die es nie gab, aus dem Italienischen von Sigrid Vagt, Wagenbach, Berlin 2012, 165 Seiten, 16,90 Euro.

Besser als garnichts

Von 1986-1988 erschienen bei Zweitausendeins die zehn Bände der Gesammelten Werke von Max Herrmann- Neiße (1886-1941), dem Dichter, Erzähler, Theaterautor und Bohémien. Jetzt sind in gleicher Ausstattung auch seine Briefe erschienen. Mehr als zweitausend Seiten. Leider steht auf den Umschlägen Max Hermann Neiße. Das ist falsch. Dieser Hermann war ein Herrmann. Ein verwachsener, kleiner Mann mit Buckel. Jeder kannte ihn, schon weil ihn sofort jeder wiedererkannte. Der erste Brief der Sammlung stammt vom ersten Juni 1906. Ein Brief an die Eltern. Der letzte ist vom 24. Juli 1940. Ein Brief auf englisch an das Home Office. Er ist staatenlos. Seit 1938 versucht er, unterstützt von H.G. Wells und dem Generalsekretär des englischen Pen, britischer Staatsbürger zu werden. Das gelingt nicht. Stattdessen soll er interniert werden. Der Brief bittet darum, ihm die Gründe für „such groundless distrustfull and degrading manner“ zu nennen. Im April 1941 starb er in London an einem Herzinfarkt.

Max Herrmann-Neiße: Briefe 2, Verbrecher Verlag, Berlin 2012.
Max Herrmann-Neiße: Briefe 2, Verbrecher Verlag, Berlin 2012.

In den Briefen beschreibt Max Herrmann-Neiße seine nächtlichen Streifzüge durch die Berliner Restaurants und Bars. Akribisch notiert er, was er alles aß und trank, mit wem und worüber gesprochen wurde. Er zieht mit seiner Frau in eine neue Wohnung und lobt den schönen Strich vor der Haustür. Als der Reichstag brennt, packt er – weder Jude noch Kommunist, wie er gegenüber dem Home Office betont – am nächsten Tag seine Koffer und verlässt ein Land, in dem ein guter Demokrat nicht mehr leben kann. In der Emigration in Zürich lebt er weiter, wie er es gelernt hat. Morgens auf der Straße begegnet er Else Lasker-Schüler, „die mit ihren Büchern hausieren ging und Dich schön grüßen lässt“, dann isst er „sämige Suppe, Omelett, und weiche Koteletts mit diesen eigentümlichen milden Bohnen, die Du so gern hast“. Danach zu einem Tee bei Schauspielerfreunden. Auf dem Weg nach Hause beobachtet er: „es war eine seltsame Beleuchtung, bei Küsnacht war alles kohlschwarz und kein Gebirge zu sehen und der Ütli lag so plastisch wie von Rousseau gemalt in graublauer Wolkenverdunklung und der See war ziemlich hoch und bewegt.“

Am 11. November 1935 schreibt er aus London an den in die USA emigrierten George Grosz, wie er in den Sommerferien in Ascona Leonhard Frank, Lasker Schüler und dann in Paris Joseph Roth traf, „mit dem ich endlich wieder mal bis 2 Uhr nachts in einem Lokal saß, lang entbehrter Genuss“. „Und nun sitze ich also wieder hier, schreibe hin und wieder deutsche Gedichte, die niemand will und werde immer älter und unnützer.“

Mark Neven DuMont (1892-1972), möglicherweise – ich konnte das jetzt nicht klären – ein Onkel des Verlegers der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung, zog viel mit um die Ecken mit Max Herrmann-Neiße, stellte ihm aber auch sein Haus in Ilfeld im Harz zur Verfügung. Am ersten Juni 1925 schreibt er ihm: „Erotische Sensationen suche ich ja eben seit 8 Jahren hier vergebens: das alte ehrliche Seemannslied. An den Feiertagen war ich draußen am Freibad, mir mal das Gewimmel angesehen. Immerhin einige Aspekte. Zumeist lächerliche Wäscheintimitäten. Aber auch Mädchen. Besser als garnichts.-“

Max Herrmann-Neiße: Briefe 1 und 2, herausgegeben von Klaus Völker und Michael Prinz, Verbrecher Verlag, Berlin 2012, 2200 Seiten, 84 Euro.

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