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Literatur

20. Dezember 2012

Nach der Bücherjagd: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Arno Widmann. Foto: Mely Kiyak

Zu Weihnachten gibt es jede Menge Geschenke: Linzertorte, Willy Millowitsch, Leica, Tyrannen, Nooteboom, 101 Nacht – kein Druckfehler!, und, und, und. Büchergedanken für den Dezember.

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Es folgen keine Rezensionen. Es handelt sich  – sehr altertümlich gesagt – um Lesefrüchte. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

 

Bastler und Sammler

Mögen Sie Linzer Torte? Ich liebe sie. So wie ich liebe: ahnungslos, also überschwänglich und in Massen. Sie lieben sie auch. Aber Sie lieben sie klug und zärtlich, in Maßen. Sie genießen schon die Vorlust, wenn Sie sich einen schmalen Streifen von der Torte abschneiden. Schmal muss er sein, denn Sie achten sorgfältig darauf, dass der krümelige Teig und die Johannisbeerkonfitüre in kleinen Portionen, vor allem aber in der richtigen Mischung, Hochzeit feiern in der Höhle Ihres Mundes. Danach bewahren Sie sich den Geschmack, suchen ihn noch lange danach in entlegenen Winkeln des Gaumens auf mit der Spitze der Zunge. Wer sich nicht auf die Liebe versteht, der hat, während Sie den kleinen Streifen genüsslich auskosteten, eine ganze Torte verschlungen, sich vom Zucker den Magen blähen lassen und liegt ermattet auf der Couch und verflucht seinen fetten Bauch und die böse Welt, die ihn ihm beschert hat.

Es gibt auch Texte, die wollen nicht gelesen, schon gar nicht verschlungen, die wollen in winzigen Einheiten abgehört und abgeschmeckt werden. Wer „Auf dem Rad“ von Bettina Hartz liest als einen vergnüglichen Führer durch die Welt der Radfahrer – ganz unmetaphorisch gemeint – und der Literatur, die über sie verfasst wurde, der kann das tun, wenn er unterentwickelte Geschmacksnerven, einen gewaltigen Magen und nichts dagegen hat, am Ende überwältigt in seinem Sessel zu liegen. Wer aber das Lesen liebt, die Wörter und die Kunst, sie zu positionieren, der wird stolpern über Sätze wie diesen, der eine nächtliche Radtour durch den Berliner Tiergarten beschreibt: „Die Gerüche dagegen waren stark, stärker als am Tag, wie nackt kamen sie mir entgegen, gelöst im Wasser des Regens, der Haut und Haare, Augen und Lippen liebkoste, strömten mit dem Atem in die Lunge und von dort in den Körper, der mehr und mehr Atem wurde, betörend duftender Atem, da er alle Essenzen der blühenden Bäume und Büsche des Gartens enthielt.“

Foto: dpa

Das ist für ein Sachbuch deutlich überorchestriert. Die kunstvollen Paarungen, die Alliterationen, der Atem, der nicht nur duftender, sondern betörend duftender Atem ist. Zu viel, viel zu viel! Ruft der geschulte Lektor, der zu wissen glaubt, was wo hin gehört. Aber gedankt sei ihm, dass er hier sein Handwerk vergaß und Bettina Hartz Kunst machen ließ, mitten durchs Kunsthandwerk hindurch. Mich jedenfalls trifft sie mit der Idee, nein: der Beobachtung, dass der Körper zu Atem wird. Das ist eine lang zurückliegende Erfahrung, auf die stärker noch als mein Verstand mein Körper reagiert. Mit einem starken Verlangen. Es ist der Traum von der Verwandlung der Masse in Energie. Bei uns Menschen spielt Zucker dabei eine Rolle. In der Literatur der Kitsch. Ohne den gar nichts geht. Der aber, zu dick aufgetragen, alles versaut. Die Dosierung ist aber nicht nur die Arbeit des Autors. Auch der Leser muss Maß zu nehmen verstehen. Ein Satz wie der zitierte, will durchkostet werden. Er ist süß, nicht in dem Teenagersinn von niedlich und nett, sondern kunstvollst durchzuckert mit allem, was in Jahrtausenden an rhetorischen Treibmitteln entwickelt wurde. Das wird alles mit einer beneidenswerten Schamlosigkeit eingesetzt. In fast jedem Satz. Nehmen Sie nur den nächsten: „In diesem Duft aber, der durch die dünn-zarten Wände des Regenschlosses drang, das mich fahrend umgab, öffnete sich, seltsam, märchenhaft, die dunkle Nacht zum leuchtenden Tag, der Parkweg zur weiten Landschaft, die von samtenem, sommerlich breitem Licht beschienen war.“ So geht es weiter. Nicht 199 Seiten lang. Schon darum, weil diese Beschreibung als eine angelegt ist, die auch ein Traum sein könnte. Aber es wird viel geträumt in diesem Buch. Es ist ein Traumbuch.

Wer es richtig – also für sich und seine Geschmacksnerven richtig – zu nehmen versteht, für den ist es auch ein Traum von einem Buch. Auch weil es ein kluges Buch ist, das sehr genau weiß, was es macht mit dem Leser und wohl auch mit der Autorin. Gegen Ende ist die Rede davon, dass die Radfahrerin – kommt das Wort jemals darin vor? – in einem Rad einander ausschließende Eigenschaften sucht. Sie beschreibt dann, wie das – vor allem in Männern – den Basteltrieb weckt, der versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Die Erzählerin, die wir vielleicht besser Dichterin nennen sollten, aber hat sich für die andere Variante entschieden: Sie besitzt zwölf Räder und da die ihr noch nicht genügen, leiht sie sich immer wieder weitere Räder aus. In diesem Buch aber hat Bettina Hartz beides getan: Sie hat gebastelt wie in den zitierten Sätzen und sie hat gekauft und ausgeliehen. Die Räder von Simone de Beauvoir, von Virginia Woolf, Jacques Tati, Max Ernst, Henry Miller, Flann O’Brien, Vittorio de Sica, Elke Erb, Alfred Jarry, Francois Truffaut, Yves Montand und und und. Sie alle, wie auch die Fahrradrowdys, stehen nicht nebeneinander, sondern wurden transformiert, eingeschmolzen in den einen Text dieses Buches, also als Selige aufgenommen in den Fahrradhimmel der Bettina Hartz, den sie auch uns, die wir nur lesen, aufschließt mitten im Berliner Tiergarten.

Bettina Hartz: Auf dem Rad – Eine Frage der Haltung, Deutsche Verlagsanstalt, München 2012, 207 Seiten, 14,99 Euro.

 

Merchandising 1793

Kennen Sie Moiré-Leinen? Wikipedia, die Quelle des Wissens in diesen Jahrzehnten, bemerkt dazu: „Der Moiré-Effekt (von französisch moirer, „moirieren, marmorieren“) macht sich bei der Überlagerung von regelmäßigen feinen Rastern durch zusätzliche scheinbar grobe Raster bemerkbar. Diese sich ergebenden Muster, deren Aussehen den Mustern aus Interferenzen ähnlich ist, sind ein Spezialfall des Alias-Effekt durch Unterabtastung“. Wie auch immer, als mir das Buch in der Hand lag, ganz ohne Schutzumschlag, eingebettet fast mehr als eingebunden in Moiré-Leinen, da hielt ich es erst einmal fest. So schön, haptisch schön, lag es darin. Ganz so sinnlich bin ich dann doch nicht, dass ich es nicht nach weniger als einer Minute neugierig geöffnet hätte. 2005 veröffentlichte der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann sein Buch über „Die Zauberflöte – Oper und Mysterium“ und jetzt eines, das einfach nur „Die Zauberflöte“ heißt? Nein.

Diesmal ist Assmann Herausgeber, der ein schönes Nachwort beigesteuert hat. Vor allem aber hat er zusammengestellt, was zur Vorgeschichte und zur Wirkungsgeschichte der Zauberflöte gehört. Natürlich nicht alles. Aber natürlich Schikaneders Text mit Hinweisen auf die Varianten im Libretto-Erstdruck und in der Mozartschen Partitur, dazu Texte, die Schikaneder inspirierten wie Liebeskinds „Lulu oder Die Zauberflöte“, Wielands „Der Stein der Weisen“, de Maillys „Der Zauberkönig“, Terrassons „Geschichte des Sethos“ und das Nachspiel, das Fragment blieb, nie eine Musik bekam und  – so weit ich weiß - nie gespielt wurde: Goethes „Der Zauberflöte zweiter Teil.“ In der Mitte als Faksimile: Schikaneders Terzett: „Die belauschten Liebenden“. In seinem Nachwort zitiert Assmann aus dem Text, mit dem Schikaneder 1788 sich um Aufnahme in die Regensburger Freimaurerloge „Die Wachsende zu den 3 Schlüsseln" bewarb: „Nicht Neugierde, keine eigennützige Absicht, wahre Hochachtung gegen Ihre erhabene Versammlung ist die Triebfeder meiner unterthänigsten Bitte, dass Sie mich würdigen, in Ihr Heiligthum eintreten zu lassen, aus welchem durch tiefste Verschwiegenheit doch der Schimmer der edlesten Handlungen, Menschenliebe und Weisheit leuchtet.“ Man muss diese Sätze nur laut lesen, um den Klang der Sarastro-Welt der Zauberflöte zu hören. Schikaneder hat sich den freimaurerischen Ton sehr genau abgeschaut.

Mozarts Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen 2012. Foto: imago

Wie winzig der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist, wird sichtbar gemacht, ja, er wird hie und da auch gegangen, aber das fügt dem Erhabenen am Ende eher etwas hinzu, als dass es ihm etwas nimmt. Im September 1791 wurde die Zauberflöte uraufgeführt. Da war längt nicht mehr die geheimnistuerische Verschwörung der Anständigen, die damals die Tugendhaften hießen, das Mittel des Fortschritts, sondern die gewaltsam hergestellte Öffentlichkeit der Sitzungen der Pariser Nationalversammlung, die dann freilich umschlug in die Verschwörung der Tugendwächter, in den Terror der Jakobiner. Vor vielen Jahren hielt Michael Chrichton (1942-2008), Autor von u.a. Jurassic Park, in Berlin einen Vortrag, in dem er davon erzählte, er habe ein neues Medium entdeckt: das Spiel. Er werde seinen nächsten Roman nicht mehr als Buch schreiben, sondern als Computerspiel. Er war begeistert. Er hatte das Gefühl und er übertrug es – darauf versteht er sich nunmal – auf seine Zuhörer, dass eine neue Epoche begonnen habe. Eine Zeit, in der die Erzähler nicht mehr Wörter an einander reihten, sondern Spielhandlungen. Der Homer der Zukunft werde ein Spieleerfinder sein. Die Sache ging schief. Das 1999 gegründete Computerspiel- Entwicklungsstudio wurde 2001 wieder geschlossen. Immerhin: Er hatte es probiert. Allerdings nur mit der Verwandlung von „Timeline“, einem seiner Romane, in ein Spiel.

Jan Assmanns schreibt: „Im Januar 1793, sechzehn Monate nach der Wiener Uraufführung, wurde die Zauberflöte in Leipzig aufgeführt. Zu dieser Leipziger Aufführung brachte der Buchhändler Johann Kerndörfer ein Würfelspiel heraus, das auf dem Prinzip des barocken Gänsespiels beruht. Die Spieler müssen der Reihe nach einen Parcours von 69 Feldern durchlaufen mit 39 Ereignisfeldern, deren Themen der Zauberflöte-Handlung entnommen sind und deren grafische Gestaltung sich genau nach den Kostümen und Bühnenbildern der Leipziger Aufführung richtet.“ Nichts Neues unter der Sonne. Merchandising ist auch nicht so neu, wie die Werbesprüche uns glauben machen wollen. Natürlich ist das Brettspiel auch vierfarbig abgebildet in dem sehr schönen Manesse-Bändchen. Vielleicht macht ja der eine oder andere Opernintendant etwas aus diesem Hinweis.

Die Zauberflöte – Ein literarischer Opernbegleiter, herausgegeben von Jan Assmann, Manesse Verlag, Zürich 2012, 448 Seiten, s/w und farbige Abbildungen, 19,95 Euro.

 

Fördern und fordern

Ein Buch, auf dessen ersten Seiten man erfährt, dass Fußball-Trainer Otto Rehhagel ein großer Gedichte-Leser ist und dass er, als er in Bremen arbeitete, sich mit der Tanztheater-Macherin Reinhild Hoffmann traf, um sich mit ihr über Trainingsmethoden austauschte, ist auf jeden Fall interessant. Ein paar Seiten später erzählt die Leiterin des Berliner Krisentelefons, dass sie nie von den betroffenen Alten angerufen wird. Die seien dazu nicht mehr in der Lage. Meist von Verwandten, die die Alten zu Hause pflegen oder eben aus einem Heim von verzweifeltem Pflegepersonal: „Ich stehe jetzt hier alleine mit achtzig Heimbewohnern, verteilt über drei Stockwerke, meine Kollegin hat sich gerade krank gemeldet. Wenn jetzt oben einer klingelt und ich setz den auf den Topf, dann kann ich ihn frühestens nach einer Stunde wieder abholen.“ Gabriele Tammen-Parr vom Krisentelefon setzt fort: „Wir haben in Berlin etwa 80.000 Pflegebedürftige, davon sind 20.000 in Heimen untergebracht und 60.000 werden zu Hause versorgt, und davon wiederum erhalten 20.000 Hilfe von den Sozialstationen. Rund 40.000 werden ohne jede Hilfe von außen zu Hause gepflegt!“ Was sich dort abspielt, weiß man nicht. Wir wollen es offenbar auch nicht wissen.

Auf einer der letzten Seiten kommt eine Bienenforscherin zu Wort, die uns erklärt, wie heutzutage Pflanzen gezüchtet werden. Eben nicht mehr durch Kreuzung: „Die Pflanzen werden mit mutagenen Strahlen bearbeitet, um Mutanten zu erzeugen. Völlig ungerichtet. Kein Mensch guckt nach, was durch die Strahlen alles kaputtgegangen ist, was die Nebenwirkung und was die Hauptwirkung ist.“ Dazwischen ein Gespräch mit einer Diplompädagogin im Berliner „Weglaufhaus“, einem Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt, unter dem wunderbaren Karl Krausschen Motto „Die Diagnose ist eine der häufigsten Krankheiten“. Insgesamt 28 Gespräche mit Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen.

Gabriele Goettle hat den neuesten Band ihrer umfassenden Untersuchung der deutschen Wirklichkeiten vorgelegt. Seit 1991, als sie in Enzensbergers „Andere Bibliothek“ „Deutsche Sitten“ veröffentlichte, liegen jetzt – wenn ich richtig gezählt habe – sechs Bände vor. Jeder von ihnen basiert auf in der TAZ erschienenen Veröffentlichungen. Es ist die umfangreichste, ausschweifendste Darstellung der deutschen Gegenwart. Es ist der große Roman, den die Feuilletons alle paar Jahre wieder einfordern. Er liegt auf ihren Schreibtischen. Sie haben ihn womöglich gelesen, aber erkannt haben sie ihn nicht. Das Gleiche könnte man den Soziologen sagen. In keinem von ihnen steckt so viel Bourdieu wie in Gabriele Goettle.

Es gehört eine von Stolz und Neugierde gleichermaßen beflügelte Sturheit dazu, ein solches Projekt über bald drei Jahrzehnte durchzuziehen. Ganz abgesehen von dem unschätzbaren Vermögen, einem jeden klarmachen zu können, dass 56 Jahre Kiosk ebenso interessant sind wie Rechtsmedizin. Eine – aus naheliegenden Gründen – anonym bleibende Beamtin einer Arbeitsagentur erklärt in einem dieser zwischen 2007 und 2009 geführten Gespräche: „Seit eine Reform nach der anderen durch die Behörde jagt, seit es immer mehr um die Verschönerung der Statistik geht, um betrügerische Manipulationen, seit Jagoda, der als Präsident der Bundesanstalt für Arbeit zurücktreten musste wegen Fälschung der Vermittlungsstatistiken usf., weht bei uns ein ganz anderer Wind. Heute ist es so, dass wir ganz unmittelbar und offiziell zu Mittätern beim Sozialraub gemacht werden. Das Ganze wird als größte Arbeitsmarktreform Deutschlands angepriesen, von zwei Millionen neuen Arbeitsplätzen war die Rede, fördern und fordern lautet die Devise. Wo gefördert wird in diesem Land, haben wir gesehen, als gleichzeitig mit Hartz IV von der rot-grünen Regierung die dritte Senkung des Spitzensteuersatzes beschlossen wurde. Unten jedenfalls wird ‚gefordert’.“

Gabriele Goettle, Der Augenblick – Reisen durch den unbekannten Alltag, Verlag Antje Kunstmann, München 2012, 396 Seiten, 22,95 Euro.

 

Komm auf mein Schloss mit mir

Die Tyrannen sind vom Aussterben bedroht. Das ist keine gute Nachricht. Tyrannen ist die Bezeichnung für eine 412 Arten umfassende Vogelfamilie. Und ein paar davon droht der baldige Exitus. „Die Signale der Vögel“ heißt das Buch, in dem man darüber lesen kann. Mit den Signalen sind nicht die gemeint, mittels derer  die Vögel sich verständigen. Es wird vielmehr deutlich gemacht, dass wir am Wohlergehen der Vögel früh ablesen können, wie es um die Erhaltung der Umwelt steht. Wir täten also schon aus Eigeninteresse gut daran, birdwatcher zu werden.

Foto: AFP

Das hervorragend ausgestattete Buch beschäftigt sich zunächst mit den unterschiedlichen Lebensräumen der Vögel und bietet dann eine tabellarische Auflistung der bedrohten Arten. Es ist ein unaufgeregtes Buch. Hier wird nicht agitiert. Hier wird sehr differenziert und genau die Lage dargestellt. Da gibt es zum Beispiel den selbstmörderisch spezialisierten Chathamalbatros. Er brütet einzig und allein auf einem einzigen Felsen „The Pyramid“ vor den Neuseeländischen Chatham-Inseln. Natürlich ist er hochgradig gefährdet, aber – so beruhigt Martin Walters – „seine Population ist stabil und nimmt sogar zu.“ Ähnliches weiß er vom kalifornischen Kondor zu berichten, den Italo-Western-Fans sicher noch in Erinnerung haben. 1987 soll noch ganze 27 Exemplare dieses Riesenvogels – Flügelspannweite bis zu drei Metern – gegeben haben. Inzwischen sollen es wieder fast vierhundert Tiere sein. Davon 187 in freier Wildbahn. Sie werden übrigens nicht in erster Linie von Wilderern bedroht. Was sie umbringt, sind in der Tiermedizin eingesetzte Chemikalien, die sie, wenn sie sich über das Aas her machen, aufnehmen und nicht vertragen.

Ein Kondorpärchen zieht über ein Jahr lang nur einen Jungvogel auf. Erst im Jahr darauf wird wieder ein neues Junges gezeugt. Kalifornische Kondore müssen mindestens sechs Jahre alt werden, bis sie Junge zeugen können. Im Lauf des 20. Jahrhunderts verschwanden bereits 56 Vogelarten. Derzeit sind 1200 Vogelarten, das sind 12 Prozent der Gesamtzahl, vom Aussterben bedroht. Wir wissen Bescheid. Wir können anschließend nicht sagen, wir hätten nichts gewusst.

Reden wir vom Hüttengärtner. Er lebt im indonesischen Teil Neuguineas und scheint nicht vom Aussterben bedroht zu sein. Obwohl er sich das Leben extrem schwer macht. Er gehört zu den Laubenvögeln, also zu jenen Künstlern, die komplizierte Anlagen errichten, in denen sie zu tanzen beginnen, wenn sie merken, dass ein Weibchen sich nähert. Die Laube des gerade mal 25 Zentimeter langen Vogels kann bis zu zwei Meter hoch werden. Dann wird der Vorplatz gebaut. Das kann bis zu neun Monaten dauern. Der Hüttengärtner breitet Moos vor dem Eingang der Laube aus, häuft zum Beispiel rote Beeren und schwarz glänzende Käferflügel auf, dekoriert Blumen auf dem Boden und denkt sich – ein vielleicht falscher Ausdruck – allerhand aus, um Weibchen anzulocken. Er hört nie auf, die Hütte zu verschönern. Er wechselt das Dekor, vergrößert die Anlage. Manchmal hilft das alles nichts. Es soll Herren geben, die vier bis sieben Jahre lang keinen Erfolg hatten, bis sie endlich ihren Bau so perfektioniert hatten, dass eine Hüttengärtnerin ihrem Ruf: „Komm auf mein Schloss mit mir“ folgte. Dann kommt es in der Laube zur Paarung. Danach baut das Weibchen ihrem Nachwuchs ein Nest und zieht den allein auf. Peter Goodfellow schreibt leider nicht, ob der erfolgreiche Schlossbesitzer stante pede wieder zu werben beginnt und auf die nächste Zerlina wartet, die er in seine Lusthöhle locken kann. Das ist nur einer von fast fünfzig Nestbauern, die hier vorgestellt werden. Es gibt Weber und Kleber, Knüpfer und Töpfer unter diesen Architekten.

Martin Walters: Die Signale der Vögel – Was Vögel über die Umwelt verraten, :Haupt Verlag, Bern 2011, 256 Seiten, über 1000 farbige Bilder und Illustrationen, 39,90 Euro

Peter Goodfellow: Gefiederte Architekten – Die Kunst des Nestbaus um Vogelreich, :Haupt Verlag, Bern 2011, 160 Seiten, durchgehend mit farbigen Fotos, 29,90 Euro

Militärisch stramm

384 Seiten Hochglanzpapier mit 425 vor allem s/w Fotografien, mit Texten von u.a. Egon Erwin Kisch, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Ricarda Huch, Irmgard Keun, Alfons Paquet und Patrick Leigh Fermor. Der Titel des Bandes lautet: „Köln vor dem Krieg“. Das ist natürlich Quatsch in rosé. Es geht um die Zeit zwischen 1880 und 1940. Das ist zwei Mal vor dem Krieg, einmal nach dem Krieg und zwei Mal im Krieg. 1940 wird aufgehört, weil danach die Bombardierungen kommen, durch die das alte Köln vernichtet wurde. Das Kapitel über die Nazizeit ist mit „Die Stagnation“ überschrieben. Alles ein wenig zu nostalgisch für meinen Geschmack.

Man kann Willy Millowitsch sehen in seiner ersten Rolle, ein fünf Jahre alter Dreikäsehoch. Ein paar Seiten weiter Oberbürgermeister Konrad Adenauer im Alter von 49 Jahren, das war 1925. Kisch schreibt über die das Rheinland besetzt haltenden britischen Truppen. Das geht doch gar nicht, sagen Sie, Kisch war doch 1945 nicht in Köln. Richtig. Aber 1920 und damals waren die Briten auch schon in Köln gewesen. Kisch berichtete darüber unter dem Titel: „Der entdeutschte Rhein“. Der Abschnitt, der hier abgedruckt ist, beginnt mit den Worten: „In Köln sitzen zwölftausend englische Soldaten.“ Darunter waren auch, das kann man sehr schön auf einem der ersten Fotos des Bandes sehen, Gurkhas aus Nepal.

Der britische Autor Patrick Leigh Fermor (1915-2011) war auf seiner Fußwanderung von Holland nach Konstantinopel kurz vor Weihnachten 1933 in Köln angekommen. Er brachte hier seine Tage zu zwischen den Spelunken der Rheinschiffer und dem Studierzimmer eines deutschen Professors, dessen Witwe ihn dort schlafen ließ. Es gibt Fotos von Straßen, Häusern, Märkten, von Menschen. Es gibt stimmungsvolle Aufnahmen und solche, die einfach nur sagen wollen: das sind die Rolltreppen. Es sollen übrigens die ersten Deutschlands gewesen sein. Im Kölner Kaufhaus Tietz ab 11. Juli 1925. Noch ein paar Zeilen aus der Dienstvorschrift für das Personal der Pferdebahnen, aus dem Jahre 1894: „Haltung und äußere Erscheinung des Schaffners und Kutschers muss eine militärisch stramme sein, dementsprechend soll auch der Gruß durch das Anlegen der rechten Hand an die Mütze geboten und die Dienstkleidung zugeknöpft getragen werden.“

Köln vor dem Krieg – Leben Kultur Stadt 1880 - 1940, hrsg. von Reinhard Matz und Wolfgang Vollmer, Greven Verlag, Köln 2012, 384 Seiten, 425 s/w Abbildungen, 49,90 Euro.

Natürlich ist es Reklame

Prächtig anzuschauen. Viele Superlative. Aber auch Ironie, Distanz. Zärtlich. Zum Beispiel so: „Autofokus – von Leica selbst entwickelt, aber als unnötig verworfen („Unsere Kunden können fokussieren“,  Zitat Leica) Digitale Revolution – einfach verschlafen („Die Digitaltechnik ist nur ein Intermezzo“, ebenfalls Zitat Leica).“ Die Kleinbildkamera erfunden, dann sich ausgeruht? Nicht ganz. Man lernt hier aber, dass es leichter ist, Neues zu entwickeln, wenn man nichts zu verlieren hat.

Foto: AFP

Die Leica selbst zum Beispiel war ein Nebenprodukt der Arbeit an einer neuen Kinofilmkamera. Oskar Barnack (1879-1936), der Erfinder der Leica, entwickelt die neue Kamera nicht als Auftragsarbeit, sondern fast wie ein Hobbybastler. Er schrieb: „Meiner Vorliebe für Ungewöhnliches und Neuartiges ließ ich völlig freien Lauf. Ich war nicht gebunden durch irgendeinen Auftrag oder in einer bestimmten Richtung, wie es in einem modernen Konstruktionsbüro üblich ist, sondern es war mehr private Liebhaberei. Indem ich mich so unbekümmert um Althergebrachtes gehen ließ und fast nichts von dem verwandte, was bisher unbedingt zu einer guten Photo-Kamera notwendig war, entstand dieser neuartige Kamera-Typ.“ Das war 1913. Genau das aber erschwerte der Leica Jahrzehnte später die Anpassung an neue Entwicklungen. Sie wusste zu genau, was eine gute Kamera ist. Erfahrung und Innovation sind beide nötig. Aber man muss wissen – sie können einander auch im Wege stehen.

Natürlich fehlt in dieser aufwendigen, wunderbaren Werbebroschüre auch Frank Capa (1913-1954) nicht. Jener Fotograf, der den spanischen Bürgerkrieg und den zweiten Weltkrieg begleitete und der ganz wesentlich unser Bild dieser Kriege prägte. Von ihm schrieb sein Biograph Alex Kershaw: „Der spanische Bürgerkrieg bot Capa eine erste Gelegenheit, den Totalitarismus in den Schützengräben mit einer mächtigen Waffe zu bekämpfen – der Leica.“ Das liest man gerne. Ein Reporter mit einer Kamera gegen den Rest der Welt. Ein Held und sein Schwert. Aber die Werbebroschüre klärt uns auf. Es wird wohl eine Leica 250 Reporter gewesen sein. Eine Kamera, die in der Lage war, ohne Nachladen 250 Aufnahmen zu machen und darum gerne mit einem Motor kombiniert in Aufklärungsflugzeugen der deutschen Luftwaffe während des zweiten Weltkrieges eingesetzt.

Diese Zeilen erscheinen online bei der insolventen Frankfurter Rundschau und bei der wohl stark angeschlagenen Berliner Zeitung. Vielleicht sehe ich darum mit besonderer Aufmerksamkeit auf die vorderen und die hinteren Seiten des Prachtbandes. Nichts als kleine Passfotos von lauter lächelnden Menschen. Damen und Herren. Viele mit einem weißen Kittel. Wenn man vorne umblättert stößt man auf die Zeilen: „Gesichter, die für Leica stehen: Rund 1150 Männer und Frauen aus Deutschland und Portugal fertigen in akribischer Handarbeit Leicas für die Ewigkeit. Sie sind der Halt und die Basis, auf dem der Erfolg des Unternehmens ruht.“ Mögen sie alle nicht nur hier im Buch eine Erinnerung sein, sondern auch noch ihren Arbeitsplatz haben! Leica baut ein neues Werk in Portugal und in Wetzlar. Die Firma setzt 245 Millionen Euro um. Sie scheint sich erholt zu haben von dem Überfall, den die Digitalisierung bedeutete. Man kann, so lernt man hier, wenn man weiß, was zu tun ist, auch wieder aufstehen.

Ninetynineyears, 99Pages Verlag, Hamburg, 2012, 285 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Abbildungen, Schuber, 2,5 Kilo, 99 Euro

Letztendlich gibt es immer jemanden, der dich liebt

Eines der schönsten Geschenke für Jemanden, der gerne liest, der aber inzwischen zurückschreckt vor dem absorbierenden Sog des Romans, vor dem vereinnahmenden Fluss der großen Erzählungen der Philosophie, ist „Briefe an Poseidon“ von Cees Nooteboom. Es sind kleine Texte, Notizen, die er Poseidon twittert. Es ist das Buch eines Mannes, der „sein Leben mit Beobachten und Lesen, Reisen und Schreiben verbringt.“ Das Schreiben ist wichtig. Er braucht es. Die Welt formt sich ihm zum Bild erst in der Schrift. So schön sie ist, so widerständig ist sie doch auch. Wir verstehen die Welt erst, wenn wir sie in menschliche Sprachen übersetzen. In die Rhetoriken des Gedankens, der Literatur, bildender Kunst, Mathematik und – ja sie auch – der Musik. Man sieht das schon daran, wie die Welt des Mannes in Nootebooms Satz sich in Paarungen – Beobachten und Lesen, Reisen und Schreiben – ordnet. Klassische Rhetorik, der auch erliegt, wer sie erkennt. Das ist ja die Qualität Nootebooms, dass bei ihm das Wissen das Schöne erst schön macht. Je mehr man erfährt, desto mehr wird das Besondere, das Individuelle, sichtbar. Und gerade darin, aber eben erst darin, das, in dem der Leser sich selbst erkennt.

Es seien Notizen, sagte ich. Das ist nicht ganz richtig. Es sind Notizen für einen Adressaten, für den unsterblichen, gleichwohl verschwundenen Gott Poseidon. Vor drei Jahren starb meine Mutter und noch immer denke ich manchmal, wenn ich etwas sehe, wenn mir etwas zu Ohren kommt, das musst Du ihr erzählen. Wir Menschen – jedenfalls wohl die meisten von uns - genügen uns nicht selbst. Wir gehen nicht auf in der Betrachtung. Wir müssen uns mitteilen. Mit den Lebenden geht das nur in Form eines Tausches: Ich höre Dir zu, wenn Du mir von Deinem Büro erzählst, dafür hörst Du mir zu, wenn ich von meinem erzähle. Das ist für die meisten unbefriedigend. Sie quellen über. Da ist ein „Gespräch“ mit einer Toten besser. Sie belästigt einen nicht mit ihren Geschichten. Nootebooms „Briefen an Poseidon“ fehlt auch die Gegenstimme des Gottes. Dennoch ist er da. Er stiftet den Zusammenhang, um den die ganz und gar zusammenhanglosen Lesefrüchte und Beobachtungen sich organisieren wie Eisenspäne um einen Magneten. Der unsterbliche Gott zieht das Thema der Sterblichkeit des Menschen an sich. Sein Verschwinden wirft die Frage nach der Rolle des Sichtbaren und des Unsichtbaren auf. Aber eben nicht als philosophische Erörterung, sondern im Blick zum Beispiel auf die schwarzen Würmer, die im Herbst die weißen Wände von Nootebooms Haus auf Menorca bevölkern. Er erinnert sich an Joseph Addison, der die Würmer, in einer Art poetisch-theologischer Evolutionstheorie, Schwestern des Menschen nannte und schreibt: „ich halte ihren traurigen, harten, buchstabenartigen Körper kurz zwischen den Fingern und lege sie zärtlich zwischen die Büsche für die stets gefräßigen Ameisen. Ruhe sanft. Letztendlich gibt es immer jemanden, der dich liebt.“

Foto: dpa

Dieser letzte Satz zeigt einen Nooteboom, den seine Verehrer gerne überlesen. Nooteboom schreibt nicht nur schön. Er liebt auch die Wahrheit. Er liebt sie gerade da, wo sie weh tut. Er weiß, dass wir sie womöglich nur daran erkennen, dass sie schmerzt. Sarkasmus ist eine der möglichen Reaktionen, Ironie eine andere. Hier haben wir beides. „Ruhe sanft“ ist eine hübsche, ironische Wendung, und  Nooteboom wird hier nicht an Mozart und das holde Leben, sondern an die kleine Aster seines von ihm sehr geschätzten Kollegen Gottfried Benn gedacht haben und froh gewesen sein über den schönen Schluss. Dann aber konnte er nicht widerstehen und setzte noch einen drauf: „Letztendlich gibt es immer jemanden, der dich liebt.“ Das bürokratische „letztendlich“ – gepriesen sei dafür die Übersetzerin Helga van Beuningen – nach „Ruhe sanft“ lässt die Temperatur erst einmal auf Minus 20 Grad sinken. Jede Spur von Mitgefühl ist mit einem Schlag weg. Das ist hohe Kunst.

Es gibt sicher Menschen, die die 165 Seiten dieser Notizen in einem Rutsch lesen können. Vielleicht sollte man sie beneiden. Ich tue es nicht. Ich lese Satz für Satz. Ja manchmal stolpere ich zum Beispiel über ein „letztendlich“ oder ich notiere mir, dass ich ihm schreiben möchte von all den Dingen, die die Schriftforscher, seien es die des Mittelalters, der Mongolen, der Antike „Würmerschrift“ nennen, aber ich bin mir sicher, dass er das alles kennt. Also lasse ich es.

In seinen Briefen an den antiken Gott erzählt Nooteboom dem auch von dem, was er über ihn weiß. Das mag einem säkularen Geist etwas absonderlich erscheinen, dass man in einem Brief dem Adressaten nicht nur von sich, sondern auch von ihm erzählt. Wer aber die religiöse Literatur kennt, dem leuchtet das unmittelbar ein. Die Götter werden gepriesen, man hadert auch mit ihnen. Jedenfalls sagt man ihnen, was man von ihnen hält. Diese Briefe sind freilich Briefe eines Ungläubigen, jedenfalls eines Mannes, der nicht glaubt, dass Poseidon sich einmischt in seine Geschäfte. Aber Nooteboom weist immer wieder darauf hin, wo er Spuren der Tätigkeit des Gottes findet. Er legt auch selbst welche, die spätere Poseidon-Anbeter - denn warum soll der Gott nicht wieder zurückkommen und sich einrichten auf seinem Meeresthron? – in ihre Tradition einbauen werden: Die Überschriften stehen wie auch die Initiale der einzelnen Briefe in meerblauer – der Farbe des Poseidon - Schrift auf dem weißen Papier.

Das Buch hat einen Anhang. Da werden die Bilder und Fotos gezeigt, von denen die Überlegungen Nootebooms ihren Ausgang nahmen. Hier werden die Anspielungen aufgeschlüsselt. Wer denkt, es handele sich um so etwas wie die vorletzte Seite eines Rätselheftes, auf der man alle Auflösungen findet, der hat den Charakter nicht nur Nootebooms sondern der Welt nicht verstanden. Hinter jeder Auflösung steckt ein neues Rätsel. Wer das Atom zerschlägt, gelangt zu noch kleineren Teilchen und am Ende ist er wieder am Anfang, beim Rätsel des Großen, Ganzen. Da ist ein Lastwagen der Firma Spar. Er steht da wie Hunderttausende anderer Lastwagen. Nur er stand ein wenig zu lange in der Gegend herum. Menschen wurden aufmerksam und entdeckten ein neunjähriges Mädchen in der Fahrerkabine. Ermordet. Ich werde eine Weile keinen für sich stehenden Lastwagen mehr sehen können, ohne an diese Geschichte zu denken. Im Text fehlt der Hinweis auf die Firma. Das fügt dem Vorgang eine Allgemeinheit des Grauens hinzu, die ich in meiner Zusammenfassung offenbar umgehen wollte. Ich erinnere mich an Claude Lanzmanns Film Shoa, der es schaffte, mir für Jahre ein Grauen vor der deutschen Bahn einzuflößen. Jedenfalls vor den Lokomotiven und Waggons, die noch denen ähnelten, die die zu vergasenden Juden in die Vernichtungslager fuhren.

Am Anfang des Buches steht eine Widmung: „Für Siegfried Unseld, der für mich so viel verändert hat.“ Leser schreiben keine Bücher, also auch keine Widmungen, täten sie es, viele würden hineinschreiben: „Für Cees Nooteboom, der für mich so viel verändert hat.“

Cees Nooteboom; Briefe an Poseidon, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 227 Seiten, s/w Fotos, 19,95 Euro.

 

Ein unendlich kleiner Berührungspunkt

Ich empfehle immer wieder, Lew Tolstois „Für alle Tage“ als Kalenderbuch zu verwenden wie meine Tante Albertine den Abreißkalender in ihrer Küche gebrauchte. Sie nahm den Zettel, las die zwei, drei Sätze darauf, las sie mir, dem acht-, neun-¸ zehnjährigen Jungen vor und wir sprachen ein paar Minuten darüber. Meist musste sie anfangen, denn mir fiel nichts dazu ein. Ich gehörte damals zu den Menschen, die nur verstehen, was sie schon kennen. Entweder erschien es mir unsinnig, etwas so Banales auf einen Kalender zu drucken, oder aber ich wusste überhaupt nicht, wovon die Rede war. Albertine holte, war ich gar zu verstockt, eine Flasche süßen Sprudels aus der Kühlkammer – einen Kühlschrank hatte sie nicht -, schenkte mir ein, stellte sich, mich unter den Arm nehmend, ans Fenster und erzählte mir eine Geschichte, die nichts zu tun zu haben schien mit dem Kalenderspruch, der aber dann, nachdem er schon ein paar Mal hervorgelugt hatte, sich als ihre Schlusspointe  zu erkennen gab.

Heute schlage ich in dem prächtigen Buch Tolstois, das als Hausbibel dienen könnte, den 31. Dezember auf: „Die Vergangenheit gibt es nicht, die Zukunft ist noch nicht da. Die Gegenwart ist ein unendlich kleiner Berührungspunkt der nicht existierenden Vergangenheit mit der nicht existierenden Zukunft. Und in ihm, in diesem zeitlosen Punkt, vollzieht sich das wahre Leben des Menschen.“

Lew Tolstoi: Für alle Tage – Ein Lebensbuch, mit einem Geleitwort von Volker Schlöndorff und einem Nachwort von Ulrich Schmid. Auf Grundlage der russischen Ausgabe letzter Hand von Christiane Körner revidierte Übersetzung von E.Schmitt und A.Skarvan, C.H. Beck Verlag, München 2010, 760 Seiten, 49,95 Euro

 

Gefühl durchs Rippengemühl

Eine schöne Idee: „Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart stellen sich vor“. Dirk von Petersdorff legt 19 Gedichte von Frauen und 70 von Männern vor, die die sich ausgesucht hatten, um zu sagen, zu zeigen, wer sie sind. 17 von ihnen sind vielleicht nicht für diese Sammlung geschrieben, aber hier doch erstmals veröffentlicht. Wolf Wondratscheks Gedicht zum Beispiel hat er zwar geschrieben, stammt aber, wie hinten bei den Nachweisen erklärt wird, aus dem Besitz von Dr. med. Wolfgang te Breuil. Man stellt sich vor, wie Wondratschek seinem Arzt Gedichte geschenkt hat wie mancher Maler mit seinen Bildern Rechnungen bezahlt. Vielleicht aber ist es ein Geschenk unter Freunden, und es gibt überall auf der Welt bisher unveröffentlichte Gedichte von Wondratschek, die er verstreut hat. Einfach aus Lebensfreude. Dieses hier ist ein Gedicht vom Ende, ein Gedicht auch wie von Descartes:

„Es kommt vor, daß wir in Zügen sitzen,

die durch die gelbe indische Nacht fahren.

Wir haben aufgehört zu schlafen.

Wir glauben nicht mehr, daß wir träumen.

Ja, es kommt vor! Es kommt vor, daß es dort,

wo wir hinfahren, keine Bahnhöfe mehr gibt,

keine anderen Reisenden außer uns,

am Ende nicht einmal mehr den Zug,

in dem wir sitzen.“

Der älteste Dichter in diesem Band ist Günter Grass, Jahrgang 1927. Die jüngste Autorin Theresa Hahl, geboren 1989 in Heidelberg. Sie hat eines der längsten Gedichte beigesteuert und auch das mit der längsten Zeile: „spült das auch immer ein bisschen gefühl durchs rippengemühl“. Theresa Hahl steuert auch das längste Wort bei: „ventrikelverdichtungsverschluss“ und sie spricht vom „gefühlsbausatz mensch“. Ihr Gedicht „das herzmaere“ hätte Charles Fourier, von dem hier an anderer Stelle noch gesprochen werden soll, sicher sehr gefallen. Der Versuch, sich den Gefühlen zu nähern, sie – frei von aller Empathie - zu verstehen, ist heute so reizvoll und nötig wie vor zweihundert Jahren. Die alphabetische Anordnung der Autoren fügt es, dass gleich nach Theresa Hahl Ulla Hahn kommt und sofort ist ein ganz anderer, ein gegensätzlicher Ton da:

„Für

All die geschundenen Körper zerrissenen Seelen

Gesichter ohne NAMEN ohne Gesicht“

Es macht den Reiz solcher Sammlungen aus, dass der Leser sehr Unterschiedliches, Popsongs und Durs Grünbein, zu sehen bekommt, dass er sich wie ein Hund hinlegen kann, wo er gerade Lust hat. Wenn er Glück hat, entdeckt er nicht nur ihm bisher unbekannte Autoren, sondern auch Schönheit und Klugheit dort, wovor er bisher floh, weil es ihm zu laut oder zu leise, zu offen oder zu hermetisch war. Der Leser, der nicht schreibt, muss sich nicht entscheiden. Er muss nicht einmal urteilen. Er kann versuchen offen zu sein bis zur Transparenz. Wenigstens für die kurze Strecken von Gedichten, von denen das längste 131 Zeilen (Sebastian Krämer) und das kürzeste (Michael Augustin) gerade mal sechs, zählt man die Überschrift „Seebestattung“ hinzu, sieben Zeilen hat. Kurt Drawert und Hans Magnus Enzensberger stehen neben einander. Enzensbergers „Immer nur die Dosis steigern, ganz verkehrt“ liest sich so wie eine Kritik an Drawerts „Schnee hat im weißen Schleier/ zum Rätsel nun alles vereint./ Es schweigen die Bücher am Ende./ Vielleicht, es sprechen die Wände./ Die Raben über dem Weiher.“ Aber spätestens bei den letzten Zeilen Enzensbergers „Überhaupt, auf die geringfügigeren Gefühle/ ist am ehesten noch Verlaß“ spürt der Leser etwas aufkommen wie Langeweile angesichts dieser haushalterischen Gemütsverwaltung. Aber es ist schön zwischendurch auch einmal Muttis Stimme der Vernunft zu hören, ihr „Übertreib es nicht!“, „Am Ende ist es doch, wie es ist!“.

Dirk von Petersdorff: Lyriker und Lyrikerinnen der Gegenwart stellen sich vor, Reclam, Stuttgart 2012, 160 Seiten, 10 Euro.

 

Zugang zum Machthaber

2010 wurde im Berliner Martin Gropius Bau die Ausstellung  „Schätze des Aga Khan Museums – Meisterwerke islamischer Kunst“ gezeigt. Zehntausende Besucher sahen in die Vitrinen, staunten und gingen weiter. Claudia Ott sah eine Handschrift dort und las den Zettel daneben: Das Buch mit der Geschichte von 101 Nacht, eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert.  Claudia Ott, die Geschichten aus 1001 Nacht übersetzt hatte, wusste dass, wenn die Angaben stimmten, vor ihr die mit Abstand älteste Fassung der kleinen Schwester der berühmten Märchen aus 1001 Nacht lag. Die nächsten Jahre widmete sie sich dieser Handschrift und übersetzte sie. Das Ergebnis ist im Manesse-Verlag in einer prachtvollen Ausgabe erschienen. Die 39 eng beschrifteten Blätter der Aga-Khan-Handschrift brechen die Erzählung mitten in der 85. Nacht ab, sodass Claudia Ott für den Rest ihrer Übersetzung auf eine der beiden Pariser Handschriften zurückgreift.

101 ist wie 1001. Nur kürzer und weniger verschachtelt. Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte kommt in 101 Nacht nicht vor. Tiefer als auf Stufe zwei wird hier nirgends gegangen. In 101 Nächten wird Schahrasad gerade mal schwanger vom König. In 1001 Nacht gebärt sie ihm drei Kinder. Aber sonst ist alles, wie wir es in 1001 Nacht lieben. Helden, Gewalt, List, Liebe, Schönheit – alles hier wie dort. Die ganze Palette menschlicher – männlicher – Leidenschaften und Dummheiten, die Sehnsucht nach Reichtum, Glück und der richtigen Frau. Alles wie heute und alles ganz anders. Man kann diese Geschichten nicht lesen, ohne anzufangen darüber zu grübeln, warum sie uns noch gefallen, obwohl wir weder an Könige glauben, noch an Weise und Wesire. Nichts ist dieser Welt ferner als die Vorstellung, dass jeder Bürger eine Stimme hat, dass sie alle zusammen festlegen, wer König ist und sie auch definieren, was dieser König darf und was nicht. Diese Erzählungen leben von der Unbeschränktheit des herrscherlichen Willens. Sich ihm zu widersetzen ist Selbstmord. Überlisten kann man ihn. Die Erzählung ist der Hebel, mit dem der irdische Vertreter des Allmächtigen entwaffnet werden kann. Die Erzählung schleicht sich ins Gemüt der Macht und polt sie um. Sie ist die Waffe der Ohnmächtigen. Sie ist es nicht – jedenfalls nicht in diesen Erzählungen -, indem sie den Ohnmächtigen ihre Lage vor Augen führt, sie anstachelt zum Aufstand. Sie wendet sich an den Mächtigen, nur an ihn. In der Intimität eines Liebeslagers. Sie erzählt ihm zu gefallen, Dinge, die ihm gefallen. Sie müssen ihm nicht schmeicheln. Sie umschmeicheln ihn. Religion mag das Opium des Volkes sein. In 101 Nacht, wie auch in den 1001 Nächten, sind Geschichten das Opium der Macht. Sie lässt eher von ihren Vorhaben ab, verzichtet also auf die Durchsetzung ihrer Autorität, als auf die Droge der Erzählung.

Aber diese Geschichten werden in Wahrheit ja gerade nicht dem König ins Ohr geflüstert – das ist ja nicht die wirkliche Situation, sondern Teil der Story. Die Geschichten sind Utopien. Sie erzählen Menschen, die ihn nicht haben, wie es zugeht beim Zugang zum Machthaber. Schahrasad hat ihn und kann ihn ausnutzen, ihrer Hinrichtung zu entgehen. In der Gesellschaft von 101 Nacht hängt alles vom Zugang zum Machthaber ab. Nicht, weil man der Illusion anhängt, man könne ihm die Wahrheit sagen über den Zustand seines Reiches, sondern weil man eine Chance hätte, ihn abzubringen von der Idee, er müsse einen vernichten.

Reich verziertes historisches orientalisches Märchenbuch.
Reich verziertes historisches orientalisches Märchenbuch.
Foto: imago

Das ist die Geschichte von Schahrasad. Sie erzählt ihm von gütigen Königen, von klugen Ratgebern, von bösen Geistern, nicht um ihn im Spiegel dieser Erfindungen aufzuklären über das, was ist, sondern um ihn und die Gewalttätigkeit aller Macht einzulullen im freien Spiel der Wörter, ihn mitzunehmen auf die Wildgänse der Fantasie zu einer Reise um die Welt, in der er herrschen kann ohne weh zu tun. Jeder Leser aber begleitet den König und Schahrasad auf dieser Reise. Auch er hat jetzt Zugang zum Machthaber, ist dabei wie der umgestimmt wird, triumphiert mit Schahrasad. Utopia ist auch des Lesers Werk. Es ist leichter als in der Demokratie. Man muss nicht in Millionen Herzen eindringen. Es genügt das eine des Königs. Das vereinfacht auch die Aufgabe des Erzählers. Freilich gibt es immer wieder Passagen, in denen er sich deutlich an die in der Fiktion doch eigentlich nicht vorhandenen Leser oder Zuhörer wendet. Um die es ja in Wahrheit geht. Schahrasad zielt auf den König. Der Erzähler auf uns.

Überall auf der Welt. Die Geschichten von 101 Nacht spielen nicht nur in Indien, in China. Sie waren auch dort. Wir alle kennen die Geschichte vom „Spieglein, Spieglein an der Wand“ aus den Märchen der Brüder Grimm. Sie ist die Rahmenerzählung der 101 Nächte. Nur, eine Pointe für die Genderforschung, ist es hier ein König, der sich die Frage stellt. Die andalusische Handschrift des 13. Jahrhunderts, die Claudia Ott übersetzt hat, bringt Geschichten, die Jahrhunderte älter sind. Darunter eben auch diese Rahmenerzählung vom Spieglein an der Wand, die sich auf chinesisch im Tripitaka, einer Sammlung buddhistischer Erzählungen, findet.

Die Geschichte vom Spieglein soll um 250 aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt worden sein. Wir haben es mit Weltliteratur zu tun, mit Geschichten, die in allen Klimazonen erzählt wurden, globalen Bestsellern, die an der Konstruktion des „Gefühlsbausatz Mensch“ arbeiteten, lange bevor Professoren auf die Idee kamen, es könnte so etwas wie eine Globalgeschichte geben.

101 Nacht. Aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott nach der Handschrift des Aga Khan Museum, Manesse, Zürich 2012, 332 Seiten, farbige Abbildungen, Lesefaden, 49,90 Euro.

 

Universelle Harmonie

Charles Fourier (1772-1837) hatte die Idee, den Bewegungsgesetzen der materiellen Welt, die Isaac Newton festgestellt und errechnet hatte, müssten mathematisch eben so exakte über die organischen, die tierischen und die sozialen Bewegungen sich an die Seite stellen lassen. Die ganze Welt könnte dann aus dem Chaos, in dem sie immer neuen Untergängen ausgesetzt ist, zur universellen Harmonie finden. Eine Harmonie von der Bewegung der Sterne bis hinunter in den Leib eines jeden und sei es noch so kleinen Lebewesen. Vor allem aber auch Harmonie der Bewegungen der Menschen miteinander. Die allererste Voraussetzung, fand Fourier, war nicht etwa die Sehnsucht nach Versöhnung, die Hoffnung auf Harmonie, sondern der genaue Blick auf die, ja die Analyse der der Harmonie „entgegenwirkenden Ursachen“. Die Unterschiede, so sah es Fourier, waren nicht einzuebnen. Das war völlig aussichtslos. Harmonie war für ihn nicht das Ergebnis der Anstrengung, alle in eine Richtung zu ziehen. Das konnte nur zu Aufstand, Krieg und Rebellion führen. Erzwungene Harmonie war keine. Fouriers Idee war radikal anders. Er, der den Handel hasste, hatte doch dort sich abgeschaut, wie Harmonie funktionieren konnte. Als Austausch entgegengesetzter Interessen. Wer seinen Hut nicht mehr wollte, der durfte sich nicht zusammentun mit Menschen, die auch Hüte verabscheuten, sondern im Gegenteil, er musste Menschen suchen, die Hüte liebten. Nur die konnten sein Interesse, den Hut loszuwerden, befriedigen. Die Gesellschaft wird nicht zusammengehalten durch das, was die Menschen gemeinsam haben, nicht durch Werte, nicht durch eine gemeinsame Idee, sondern durch die wechselseitige Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Gesellschaft ist kein Ding, das einer Basis bedarf, sondern ein sich immer wieder neu konstituierendes Verhältnis. Es ist angewiesen auf die Unterschiede der Gefühle, Bedürfnisse, Interessen, des auch sexuellen Appetits. Auch für die abwegigsten Vorstellungen gibt es Abnehmer, die sich nur darauf freuen, sie zu befriedigen. Fourier war sich darüber klar, dass sein Modell nur funktionieren konnte, wenn Angebot und Nachfrage sich – mehr oder weniger – die Waage hielten. Es war für die Harmonie nichts gewonnen, wenn zehntausend Menschen, die nicht sauber machen wollten, nur drei mit einem Putzfimmel gegenüber standen. Seine Assoziationen bedurften einer bestimmten Größe, um die unterschiedlichsten Temperamente zusammenzubringen. Fourier war keinesfalls ein  Maschinenstürmer, denn so manches, für das er zwar große Nachfrage, aber wenig Lust es zu tun, entdeckte, war durch Maschinen zu leisten.

1808 schrieb Charles Fourier in der „Theorie der vier Bewegungen“: „Wir werden Zeugen eines Schauspiels sein, das in jeder Welt einmalig ist; des schlagartigen Übergangs von der Zersplitterung zur gesellschaftlichen Vereinigung, des eindrucksvollsten Ergebnisses der im Weltall vollziehbaren Veränderung… Die Ordnung der Vereinigung wird von Anfang an umso glanzvoller sein, je länger sie aufgeschoben wurde. Schon Griechenland hätte sie im Zeitalter Solons in Angriff nehmen können; es hatte den Luxus in einem Maße entwickelt, das ausgereicht hätte, an diese Organisation heranzugehen. Aber heute haben sich unsere Möglichkeiten, Luxus und Aufwand zu treiben, gegenüber den Möglichkeiten der Athener verdoppelt (sie kannten keine Kutschen, Baumwoll- und Seidenstoffe, Zucker und andere Produkte Amerikas oder des Orients, nicht Kompass, Brille und andere wissenschaftlichen Erfindungen der Zeitgenossen; ich übertreibe also nicht, wenn ich behaupte, dass unsere Möglichkeiten, Genüsse und Luxus zu erlangen, mindestens auf das Doppelte angewachsen sind). Wir beginnen in so viel größerem Glanze mit der Ordnung der Vereinigung, als wir gegenwärtig die Früchte des Fortschritts der Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert, die bisher so unfruchtbar blieben, ernten können. Solange die Zivilisation andauert, waren unsere wissenschaftlichen Wunder unserem Glück eher verhängnisvoll als nützlich. Indem sie die Möglichkeiten unseres Genusses vermehrten, vermehrten sie auch die Entbehrungen der großen Zahl der des Nötigsten beraubten Menschen…“

Die Idee, dass die Produktivkräfte längst so weit entwickelt sind, dass die universelle Harmonie möglich wäre, hat Karl Marx hier gefunden. Herbert Marcuses Vorstellung von der revolutionären Rolle der Blumenkinder der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist ein fernes Echo, eine freilich auch bewusste Replik auf Charles Fourier. Wie weit das alles weg ist, obwohl doch die Technologie noch ein paar gewaltige Sprünge gemacht hat! Nicht nur in den letzten zweihundert, sondern auch in den letzten fünfzig Jahren noch einmal.

Charles Fourier: Über das weltweit soziale Chaos – Ausgewählte Schriften zur Philosophie und Gesellschaftstheorie, hrsg. von Hans-Christoph Schmidt am Busch, Akademie Verlag, Berlin 2012, 216 Seiten, 59,80 Euro.

 

Revolutionäres Subjekt Rentner

Boris Kagarlitzki galt einmal als ein Trotzkist in der sich auflösenden Sowjetunion. Als ich ihn 1992 traf, führte er mich eines Nachts in ein besetztes Haus in Moskau, um mir zu zeigen, dass es neben den Machtkämpfen in der Hierarchie auch sozialen Protest gab. Das Haus war kein Haus, sondern eine der riesigen mit mehreren Hinterhöfen versehenen Anlagen im Zentrum Moskaus, in die die stalinistische Sowjetunion Wohnungen für ihre besser gestellten Untertanen bauen ließ. Die Anlage war völlig eingezäunt, es gab auch Stacheldraht. Vor allem gab es auch bewaffnete Kosaken, die dafür sorgten, dass niemand das Gelände betreten konnte. Meine Dolmetscherin wurde unruhig. Mir war mulmig. Dann kam Kagarlitzki und ließ uns ein. Wir gingen an mehreren Kontrollen vorbei und landeten endlich in einem oberen Stockwerk eines der hinteren Häuser. So weit ich sehen konnte, war alles dunkel. In den Häusern dieser Anlage wohnte außer ihren Bewachern niemand. Das war kein soziales Projekt, sondern eine Demonstration.

Der Raum, in dem wir saßen, war kaum beleuchtet. Kagarlitzki saß im Zentrum einer Gruppe von etwa einem Dutzend Bilderbuch-Kosaken: gewaltige Kerle, mit gewaltigen Bärten, gewaltige Gewehre in den gewaltigen Armen. Dazwischen der kleine, schmale Intellektuelle. Die Kosaken sahen aus wie jene, die wir aus den Bildern von den Pogromen um 1900 kennen. Kagarlitzki, der jüdische Intellektuelle, glich deren einstigen Opfern aufs Haar. Er schien das nicht zu bemerken. Er sprach von der Umwälzung in der Sowjetunion. Er sprach von Arbeitern und Bauern, von Selbstorganisation und all dem, das wir beide wahrscheinlich aus den denselben Büchern konnten. Eine gespenstische Szene, von der ich hoffte, dass ich sie immer als komisch in Erinnerung haben dürfte, nie als Beginn eines Massakers. Ich habe Kagarlitzki niemals wieder gesehen. Er war inzwischen Abgeordneter des Moskauer Stadtsowjets, hat mehrere linke Parteien gegründet. Heute ist er Direktor des Instituts für Globalisierung und Soziale Bewegungen.

Ich habe gerade seine Broschüre „Back in the USSR“ gelesen. Ein kurzer Rückblick auf die vergangenen zwanzig Jahre, auf die Zeit, in der der Rubel 6:1 mit dem Dollar stand und auf das Jahr danach 1999 als er 30:1 stand. Russlands Pleite und Russlands Aufstieg. Nichts als eine Begleiterscheinung des Ölpreises. Der Kampf zwischen Bürokraten und Oligarchen. Kagarlitzki schlägt sich auf keine der beiden Seiten. „Die Petersburger Tschekisten waren als sie gegen den Jelzin-Klan vorgingen, nicht im Entferntesten daran interessiert, das System zu ändern. Im Gegenteil: Ihr Bestreben war es, die mächtigsten Spieler darin zu werden.“ Wer will das System ändern? Diese Frage wird über viele Seiten nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Erst ganz am Ende seines kleinen Büchleins ist davon die Rede. Spätestens da wird deutlich, wie alt Kagarlitzki inzwischen geworden ist: „Die Rolle des Aktivisten an vorderster Front kommt nun immer häufiger den Rentnern zu, die, wie die Studenten bei Marcuse, größtenteils nicht nur vom Produktionsprozess ausgeschlossen sind – auch wenn viele von ihnen noch arbeiten -, sondern sich in ihren Anschauungen als viel radikaler erweisen.“

Boris Kagarlitzki: Back in the USSR, aus dem Russischen von Ronald Gutberlet, Edition Nautilus, Hamburg 2012, 91 Seiten, 7,99 Euro.

 

Oder auch, was er nicht weiß

Es ist das prächtigste Buch über Pina Bausch. Die Fotos hat Ursula Kaufmann gemacht. Allem voran ein kurzer Text von Pina Bausch, die Dankesrede „Was mich bewegt“ für den Kyoto-Preis aus dem Jahre 2007. Zwischen den großartigen Aufnahmen  Texte von Gudrun Norbisrath und anderen. In einem erzählt die Journalistin, wie Pina Bausch antwortete, als sie sie 1984 fragte, warum sie tanze: „Sie sagte erst lange nichts, zögerte dann, verwarf noch einmal. Sagte schließlich sehr langsam: ‚Tja, was soll man da sagen?‘ Und dann wie aus großer Tiefe: ‚Ich glaube …. Dass sich jeder Mensch ausdrücken möchte …etwas erzählen will von sich … was er denkt…. Was er fühlt…. Was er weiß… oder auch, was er nicht weiß.‘“ Das ist es: „Was er nicht weiß“. Das verzeihen sie dem Künstler nur schwer. Dass er redet, schreibt, malt, singt, tanzt ohne wirklich etwas mitzuteilen zu haben. Er hat nichts erforscht, hat nichts herausgefunden, von dem er uns jetzt berichtet. Er will sich mitteilen. Das ist alles. Er tut es. Das ist eine Unverschämtheit. Wir würden uns auch gerne mitteilen, aber wir halten uns zurück, weil wir wissen, dass wir nichts mitzuteilen haben. Das berühmte „das kann ich auch“ ist als vernichtendes Urteil gemeint, nicht als Dankeschön für eine Anregung, die man aufnimmt, um es auch zu machen. Dass ich es, wenn ich es denn täte, auch könnte, ist ein Grund es nicht zu tun. Vor allem aber einer, es anderen zu verbieten es zu tun.

Die Choreographin und Leiterin des Tanztheaters Wuppertal, Pina Bausch (Archivaufnahme vom 06.06.2008). Foto: dpa

Ein Künstler ist vor allem jemand, der es versucht, der es noch einmal und noch einmal versucht. Einer, für den das Nichtwissen kein Hinderungsgrund ist, etwas zu tun, sondern eher der Auslöser für das Handeln. Erst einmal aufstehen und machen. Das ist die Devise. „Weiter versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“. Schrieb Beckett. So funktioniert – so lange es funktioniert – das Leben. Wobei es auch Rückschläge gibt. Auch schlechter scheitern gehört dazu. Künstler ist der, der ich sagt.

Pina Bausch hat ich gesagt. Aber sie hat es geflüstert und geschrien. Nie kam es ruhig und selbstgewiss über ihre Lippen. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Die beherrschte sie über Jahrzehnte, aber sie tat das, weil sie wusste, dass sie scheitern wird. Was man ahnt und kaum sagen kann, ist schöner und klüger als das, das dann auf der Bühne ist und sei das auch für uns da unten im Publikum noch so schön und klug.

Als ich „Kontakthof“ mit Menschen über 65 sah, war ich aufgelöst vor Glück. Ich hatte den Eindruck etwas unfassbar Schönes gesehen zu haben, zustande gebracht von Leuten, die so ganz und gar unfähig zur Schönheit schienen. Manchen von ihnen fielen die einfachsten Schritte schwer, aber wie bewegend waren gerade diese Bemühungen! Pina Bausch war es gelungen, aus dem Scheitern eines jeden Einzelnen, einen Erfolg für alle zu machen. Etwas, das uns zu recht glücklich macht, denn wir erkennen, dass das Ganze auch stimmen kann, wenn jeder Einzelne so unstimmig bleibt wie er ist. Das macht Mut. Das Tanztheater der Pina Bausch war immer auch ein politisches Theater. Aber nie schien es mir so klug und so utopisch zugleich wie in dieser Inszenierung.

Ursula Kaufmann: Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal, Edition Panorama, Mannheim 2012, 30 x 40 cm, 320 Seiten mit mehr als 380 Farbfotos, 78 Euro

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