Corinna Ponto und Julia Albrecht hatten 30 Jahre lang keinen Kontakt miteinander. Die vielen Filme und Bücher zum Thema Terrorismus zeigten sich an den emotional direkt Betroffenen nie wirklich interessiert. Die Terroristin Susanne Albrecht hatte die bis zur Tat in enger Freundschaft verbundenen beiden Familien für die Ziele der RAF instrumentalisiert. Sie war es, die den beiden Mördern des Patenonkels ihrer Schwester und Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, am 30. Juli 1977 Eingang in sein Haus verschafft hatte. Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar schossen, Susanne Albrecht unterschrieb das Bekennerschreiben.
Der Schockstarre, in die nach dem traumatischen Ereignis die Täterangehörigen und die Hinterbliebenen des Opfers fielen, gehen die beiden erst jetzt zusammen nach. „Jenseits der endlosen Regalmeter von RAF-Deutungen“ soll „bisher Unausgesprochenes aufgezeigt werden“. Es sollen „andere Mosaiksteine in das existierende Bild“ eingefügt, der „Innenraum der Tat“, der Erinnerungen und Gefühle soll aufgespürt werden.
Julia Albrecht, die zum Zeitpunkt der Tat 13 Jahre alt war, verlebte eine stigmatisierte Jugend. Alle um sie herum wussten Bescheid, aber kein Erwachsener außerhalb der Familie, kein Mitschüler sprach je mit ihr über das Geschehene. Lange Jahre treibt sie Scham, Mitschuld, Erklärungslosigkeit, Verzweiflung und „ein Gefühl des inneren Ausgelöschtseins“ um. Sie flüchtet in Aufmüpfigkeit, verliert das Lächeln. „Ich wusste ja noch nicht einmal, was genau mein Jammer war.“ Als sie ihre 13 Jahre ältere Schwester weitere 13 Jahre später nach deren Festnahme in der DDR wieder sieht, muss sie von dieser in perfektem Sächsisch hören, ihre kleine Schwester komplett vergessen zu haben. „Es war für mich wie ein Tritt in den Magen.“
Dreimal Flucht
Das Schicksal der 1929 geborenen Witwe Ignes Ponto verlief dramatisch: ihre Eltern starben bei einem Bombenangriff auf Berlin, die Familie wurde aus Schlesien vertrieben, ihr Mann vor ihren Augen getötet. Sie geht mit ihren beiden Kindern nach Amerika, „zum dritten Mal auf der Flucht“, schreibt sie an Freunde. Erst nach 25 Jahren kehrt sie zurück.
In der Zwischenzeit begeben sich die beiden gleich stark und doch so unterschiedlich betroffenen Autorinnen auf Motivsuche. Was hatte die Schwester auf die Seite der Täter getrieben? Corinna, zur Tatzeit 20 Jahre alt, nimmt zunehmend „Schweigemauern“, „Verlogenheit“ und „Legendenbildung“ im Umgang mit dem Mord an ihrem Vater wahr.
Das beginnt mit einem kurz nach dem Anschlag in Karlsruhe verteilten Flugblatt einer „Initiative gegen die Vernichtung politischer Gefangener“. Dort heißt es, der Mord „sei durch die westdeutsche Stadtguerilla verübt worden“. Die Verwendung des Wortes „westdeutsch“ macht Corinna Ponto stutzig. „Eine ungewöhnliche Wortwahl für ein angeblich in Karlsruhe entstandenes Flugblatt“. „Professionell“ mutet sie zudem das erstaunliche Wissen der Verfasser über die weltweiten Wirtschaftskontakte Jürgen Pontos an.
Die Spur führt in die DDR
Sie kommt „versteckten Geschichten“ auf die Spur: „Wie waren überhaupt die vielen Reisen und Grenzübergänge möglich?“ Das erforderte schließlich „viele unbekannte Mitarbeiter und jede Menge gut gefälschter Papiere.“ BKA-Präsident Horst Herold sprach nach dem Anschlag auf Jürgen Ponto von einem beteiligten Netzwerk von etwa 40 Helfershelfern. Doch dies sei nie aufgeklärt worden. Stattdessen pflege man bis heute den „Einzeltäter- oder kleine Gruppemythos“. Ist man den Reisen der in der DDR angeblich aus dem Terrorismus ausgestiegenen Susanne Albrecht eigentlich einmal nachgegangen?
Nach den unaufgeklärten Anschlägen in den 80er und 90er Jahren, alle mit Geheimdienst ähnlicher „spurenloser Perfektion“ durchgeführt, wird für die Familie zur „inneren Gewissheit“, dass die Spur der Täter in die DDR führt. Mit allem, was unmittelbar nach 1989 über die Deckung der Terroristen durch die Stasi bekannt wurde, findet Familie Ponto sich bestätigt. Und doch blockierten die großen Medien und die Politik die weitere Aufklärung.
Das veranlasste Corinna Ponto, selbst Stasi-Akten und die Geschichte der Terroranschläge zu studieren. „Jeder RAF-Fall hat seine eigene Pannengeschichte“, lautet eine ihrer Schlussfolgerungen. Die „allererste Panne“ sieht sie darin, dass das BKA über den Mord an Jürgen Ponto tatsächlich erst aus den 19-Uhr-Nachrichten des ZDF am Tag der Tat erfuhr; die bisher letzte Panne ist der allzu laxe Umgang mit Zeugen und Beweisstücken in dem 2010 wieder aufgenommenen Gerichtsverfahren zum Mord an Siegfried Buback. Mit Corinna Ponto verlangt eine starke Stimme nach weiterer historischer Aufarbeitung.
Julia Albrecht /Corinna Ponto: Patentöchter. Im Schatten der RAF – ein Dialog. Kiepenheuer & Witsch 2011, 206 Seiten, 18,95 Euro.