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Literatur

06. März 2016

Nachruf Hans-Albert Walter: Der Pionier

 Von Wilhelm von Sternburg

Zum Tod des Exilforschers Hans-Albert Walter, der als Außenseiter und Pionier den Deutschen den einstigen Weimarer Literaturhimmel wieder ausleuchtete.

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Hans-Albert Walter gilt zu Recht als der Vater der deutschen Exilforschung. Es gibt wohl keinen Hochschullehrer, keinen Studenten, keinen Biographen oder Literaturhistoriker, der sich mit diesem Gebiet beschäftigt und nicht noch heute auf Walters vierbändiges Werk „Deutsche Exilliteratur 1933–1950“ zurückgreift.

Auch für viele Leser jenseits des Wissenschaftsbereichs entdeckte er die einst am Weimarer Literaturhimmel strahlenden Dichter und Schriftsteller neu. Die Hitler-Deutschen hatten sie aus dem Land ihrer Sprache vertrieben und die Adenauer-Deutschen verfemten die meist jüdischen und linksliberalen Autoren erneut mit viel ideologischer und verdrängender Häme.

Walters Bücher berichten von den Bedingungen, unter denen Schriftsteller, Journalisten oder Wissenschaftler in fremden Ländern um das Überleben kämpfen mussten. Sie erzählen mit akribischer Genauigkeit von Appeasement und Asylpraxis in den Exilländern, von der Arbeit der Exilpresse, von Flucht und Internierung der deutschen Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs. In einer kleinen Reihe der Büchergilde Gutenberg trat Walter als Herausgeber einiger wichtiger Romane von Exilautoren hervor.

Was er in seinen umfangreichen essayistischen Nachbemerkungen über Lion Feuchtwangers „Waffen für Amerika“, Arnold Zweigs „Das Beil von Wandsbek“ oder Anna Seghers' Roman „Transit“ sagt, weist ihn als meisterhaften Philologen und Zeitgeschichtler aus.

Lesen, schreiben, beobachten

Der 1935 im hessischen Hofheim geborene Walter blieb als Forscher zeitlebens ein Außenseiter seiner Zunft. Nach einer Kaufmannslehre begann er mit seinen Forschungen und wurde 1976 zum Leiter der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur an der dortigen Universität berufen. Schon nach fünf Jahren trat er aus Protest gegen die mangelhafte materielle Ausstattung dieses Bereichs zurück. Er wirkte anschließend als Privatgelehrter. In seinem kleinen Haus in Hofheim führte er das Leben eines unermüdlichen Forschers, Lesers, Essayisten und kritischen Beobachters der Politik. Ein freundlicher, hilfsbereiter Gelehrter war er, der die Polemik nicht scheute, wenn es um die Sache ging.

1992 veröffentlichte Walter einen Essay über das Schicksal von Flüchtlingen. Damals randalierte und brandfackelte der fremdenfeindliche Pöbel in Rostock und anderswo. Walter beendete sein Manuskript mit dem höchst aktuellen Satz: „Abgeschlossen am 12. August 1992, vor Rostock und dem Versuch von großen Teilen der politischen Klasse, die neuerliche Terrorwelle zur Abschaffung der Asylrechtsgarantie von Artikel 16,2 des Grundgesetzes zu instrumentalisieren.“

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Hans-Albert Walter am 22. Februar in Frankfurt gestorben.

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