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Literatur

19. Januar 2016

Nachruf Michel Tournier: Zum Tod von Michel Tournier

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Michel Tournier in Choisel bei Paris, 2005. Mit 91 Jahren ist der Autor jetzt gestorben.  Foto: AFP

Sarkasmus als Schullektüre: Der große französische Schriftsteller und Deutschlandkenner ist mit 91 Jahren gestorben.

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Einer wie er, der sich des Stoffs bedient, aus dem die großen Mythen sind, hat sich natürlich auch seine Gedanken gemacht über das Paradies. Beizeiten hat Michel Tournier sondiert, was ihn, für den Fall, dass er nach seinem Ableben dorthin gelangen sollte, im Himmel erwartet.

„Nach meinem Tod bekomme ich einen Platz mit Blick auf ein Panorama“, schrieb er 2002 im „Journal extime“: „Mein ganzes Leben liegt ausgebreitet vor mir bis in alle Einzelheiten. Nach Lust und Laune werde ich dann endlich auf Szenen zurückkommen, denen ich zu Lebzeiten nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt habe.“

Mag sein, dass der große Romancier und Deutschlandkenner sein Leben nun in aller Ruhe Revue passieren lässt. Unten auf der Erde hat sich der mit 91 Jahren im südwestlich von Paris gelegenen Weiler Cloisel verstorbene Franzose mit solch gelassener Rückschau nicht so leicht getan. Stets hatte da diese Prise Sarkasmus die Gedanken aufgemischt. Zur Freude des Lesers. Nicht nur, dass Tournier Realismus und Magie zu verbinden verstand, wie Frankreichs Staatschef am Dienstag in einer Würdigung befand. Die spöttisch-distanzierte Geisteshaltung verlieh der Verbindung aus Wirklichkeitsgetreuem und Surrealem zusätzlichen Reiz.

Später, aber heftiger Durchbruch

Tournier kam spät, aber gewaltig. Mit 42 Jahren verfasste er seinen von Robinson Crusoe inspirierten Erstling „Freitag oder Im Schoß des Pazifik“. Es folgte „Der Erlkönig“ und damit der internationale Durchbruch. Einstimmig verlieh die Jury des Goncourt-Preises dem Werk 1970 die höchste Literaturauszeichnung, die Frankreich zu vergeben hat.

In „Erlkönig“ erzählt Tournier die Geschichte des französischen Kriegsgefangenen Abel Tiffauges, der in Ostpreußens Wäldern in den Bann der Naziästhetik gerät, den kriegführenden Menschenfressern Göring und Hitler Knaben zuführt und die Kinder damit in den sicheren Tod schickt.

Michel Tournier als Prix-Concourt-Träger, 1970.  Foto: AFP

Die Hinwendung zu Deutschland kam nicht von ungefähr. Gleich nach dem Krieg hatte der in Paris geborene Sohn von Germanisten den Rhein überquert, in Tübingen Philosophie studiert. Die Zuneigung galt West- und Ostdeutschland gleichermaßen. Die Existenz der DDR sei schon deshalb zu begrüßen, weil es mit ihr das wundervolle Deutschland in zwei Ausführungen gebe, erklärte der Franzose.

Der hieraus wie auch aus seinen Veröffentlichungen sprechende Eigensinn sollte dem Autor, der neun Romane geschrieben hat, so manche Blessur eintragen. Dauerhaft verübelt hat das Publikum das Querdenkertum allerdings nicht. Selbst als Tournier 1989 im US-Magazin „Newsweek“ kundtat, Abtreibende seien Kinder und Enkel von Auschwitzmördern, für die er die Todesstrafe einführen wolle, vermochte dies seinen Glanz nicht nachhaltig zu trüben. Mehrfach wurde er als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt.

Zu Lebzeiten hatte Tournier es da bereits zum Klassiker gebracht, was neben der instinktsicheren Aneignung zeitloser Märchen und Mythen auch dem Talent zu verdanken war, komplexe Gedanken in kindgerechte Sprache zu kleiden. Leicht sei das nicht gewesen, gestand der Autor ein, nachdem er dieses Talent unter Beweis gestellt und seinem „Freitag oder Im Schoß des Pazifik“ die sich an Kinder richtende Fassung „Freitag oder Das Leben in der Wildnis“ hatte folgen lassen. Das Werk ist heute Pflichtstoff an Frankreichs Schulen.

Den Autor wird es gefreut haben, an der Seite Victor Hugos den Lehrplan zu zieren. Bekundet hat er diese Freude nicht. Einblick in sein Gefühlsleben zu geben, war Tourniers Sache nicht. Dass er gern gelebt hat, steht freilich außer Frage. Der Schriftsteller hat sich nämlich nicht nur paradiesische Freuden ausgemalt, sondern auch eine Hommage an das Leben verfasst. Auf seinen Grabstein hat er sie einmeißeln lassen, in Marmor: „Merci la vie“.

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