Der Buddhismus gilt bei uns häufig als eine spirituelle Religion, als eine Veranstaltung für die breite Front derer, denen die Unübersichtlichkeit des Weltzustandes als Ausrede dazu dient, möglichst unklar bleiben zu dürfen. Nun ist einer der Haupttexte der buddhistischen Tradition in neuer Übersetzung erschienen. Nagarjunas "Die Lehre von der Mitte", übersetzt und kommentiert von Lutz Geldsetzer.
Nagarjuna lebte vermutlich von der zweiten Hälfte des zweiten bis in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts in Amaravati in Südindien. Er ist der Gründungsvater des Mahayana-Buddhismus - einer Strömung, die sich mit großem Erfolg nach Tibet, Hinterindien, China und Japan verbreitete.
Nagarjuna: Die Lehre von der Mitte Chinesisch-Deutsch. Übers. u. komm. v. Lutz Geldsetzer. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010, 200 S., 32,90 Euro.
"Die Lehre von der Mitte" ist Nagarjunas Hauptwerk. Er schrieb es in Versen auf Sanskrit. Überliefert ist die Originalfassung und die tibetische Übersetzung, eingebettet in einen umfangreichen Kommentar aus dem siebten Jahrhundert. Die chinesische Übersetzung stammt aus dem vierten Jahrhundert und ist ebenfalls zusammen mit einem Kommentar erhalten. Geldsetzers deutsche Übersetzung ist eine Übersetzung der chinesischen Version. In seinem Kommentar geht er aber auch auf die Sanskrit-Fassung ein.
Wer Nagarjuna liest, versteht ihn nicht. Jedes Wort ist bekannt, aber dennoch begreift der unvorbereitete Leser nicht, worauf Nagarjunas Sätze - Verse sind es in Geldsetzers Übersetzung nicht - zielen. Das hat, macht Geldsetzer deutlich, nichts mit Geheimniskrämerei oder dem Versuch der Begründung einer esoterischen Lehre zu tun, im Gegenteil: Nagarjuna versucht, klar zu sein. Er spricht nicht in Bildern, sondern in möglichst genauen Begriffen, in einer Fachterminologie also, die erst Geldsetzers Übersetzung und vor allem sein Kommentar verständlich machen. "Die Lehre von der Mitte" ist kein ethisches Vademecum und keine traumtänzerische Geisterbeschwörung, sondern ein Traktat über Logik.
Nagarjuna verehrt Buddha als Vertreter einer kritischen Theorie. Er rühmt Buddha als Zertrümmerer der Illusion, nicht als Propheten einer anderen, besseren Welt. Nagarjuna, das zeigt Geldsetzer, arbeitet in seiner Interpretation der Lehren des Buddha mit Kategorien von Aristoteles. Die vier Ursachen, die Nagarjuna zitiert, sind die des Aristoteles. Mindestens ebenso interessant ist freilich, dass Nagarjunas Verfahren der Urteilssuspension, sein Mittlerer Weg, nirgendwo in der indischen Philosophie eine Entsprechung hat, aber - so Geldsetzer - der "Urteilsenthaltung" der skeptischen Schule des Sextus Empiricus zum Verwechseln ähnelt.
Fruchtbarer Ideenaustausch
Wir haben es also mit einem südindischen Text aus dem zweiten oder dem frühen dritten nachchristlichen Jahrhundert zu tun, der zentrale Gedanken und Abschnitte der Gedankenentwicklung nicht nur des großen Klassikers der griechischen Philosophie, Aristoteles, sondern auch eines beinahe zeitgenössischen griechischen Autors, des Sextus Empiricus, aufnimmt und fruchtbar macht für die indische Tradition. Dieser so gefundene, so konstruierte Mittlere Weg prägte dann die Philosophie ganz Asiens.
Hellenistische Philosophie ist - Geldsetzer ernst genommen - keine Mittelmeergeschichte mehr, sondern Teil einer den ganzen euroasiatischen Kontinent ergreifenden intellektuellen Auseinandersetzung. In beiden Richtungen. Denn der griechischen Überlieferung zufolge fehlte es ja auch in Griechenland Jahrhunderte lang nicht an indischen Philosophen, Yoga-Lehrern und Verwandtem. Es gab eben nicht nur Seiden- und Gewürzhandel, sondern auch einen lebhaften Austausch von Ideen, raffinierten Begriffen und höchst differenzierter Argumentationstechniken.
Wir sind gerade dabei zu verstehen, dass es eine einzige Weltgeschichte gibt. Vielleicht gibt es auch nur eine einzige Weltphilosophie. Denn Globalisierungen hat es immer wieder gegeben. Wie auch die Versuche der Abkapselung. Sehen wir zu, dass wir nicht der Letzteren in die Falle gehen.
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