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11. Februar 2016

Navid Kermani: Denen entgegen, die zu uns wollen

 Von 
Am 9. Februar im türkischen Flüchtlingslager Oncupinar Kilis.  Foto: dpa

Auf der Balkanroute unterwegs: Eine Reportage von Navid Kermani auf den Spuren der Flüchtlingstrecks beschreibt den „Einbruch der Wirklichkeit“.

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Nein, ein „Klugscheißer“ will Navid Kermani nicht sein, keiner von den Leuten, die 15 Jahre nichts zur Flüchtlingsthematik gesagt hätten und jetzt mit „irgendwelchem besserwisserischen Zeug“ daherkämen. In einem Gespräch des Deutschlandfunks über sein neues Buch „Einbruch der Wirklichkeit“, eine Reportage vom Flüchtlingstreck durch Europa, bricht der Ärger aus dem Friedenspreisträger heraus. Sein Ärger namentlich über den Philosophen Peter Sloterdijk, der im Umgang mit Flüchtlingen eine neue Balance von Hilfsbereitschaft und Härte mit einer wohltemperierten Grausamkeit gefordert hat.

Es ist die klirrende Kälte solcher Sätze, die einen wie Kermani zum Kochen bringt. Dem 48-Jährigen lassen die Themen Migration und Flucht mit ihren ganz und gar nicht temperierten Grausamkeiten seit mehr als einem Jahrzehnt keine Ruhe. So hat er sich an den stacheldrahtbewehrten Zäunen der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Marokko herumgetrieben, Jahre bevor eine Frauke Petry mit dumm-dreistem Gerede über Grenzschutz mit der Schusswaffe die Perversion einer Logik der Abschottung in der „Festung Europa“ offengelegt hat.

Ende September 2015 hat Kermani sich wieder auf den Weg gemacht. Seine Rede zur Verleihung des Friedenspreises am 18. Oktober sei fertig gewesen, erzählt er. Die Spannung stieg, und so habe es ihn nicht mehr am Schreibtisch gehalten. Kermani nutzte die Zeit, selbst zu schauen, woher die Flüchtlinge kommen, wie es ihnen auf ihrem langen Marsch durch Europa ergeht und was sie über das Leben zu erzählen haben, das sie nicht mehr aushielten.

Der Reporter-Reflex als eine Art Stress-Abbau und Selbstvergewisserung zugleich, ging es doch auch in der Preisrede um die Fluchtbewegungen aus dem Nahen und Mittleren Osten. „Es herrscht Krieg an den südlichen und östlichen Grenzen unseres Wohlstandsghettos, und jeder einzelne Flüchtling ist dessen Bote: Sie sind der Einbruch der Wirklichkeit in unser Bewusstsein.“ Zunächst hat Kermani im „Spiegel“ davon berichtet, sein Buch ist eine stark erweiterte Version.

Nie ist er ein unsichtbarer Dritter

Die mehrfache Verwendung des Pronomens „wir“ ist Programm. Kermani versteht sich nie als ein unsichtbarer Dritter, der die Dinge vom scheinbar neutralen Standpunkt aus betrachtet und sich mit keiner Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten Sache (so Hanns Joachim Friedrichs über den „guten Journalisten“). Er ist Beteiligter und legt, wo es sein muss, auch seinen inneren Zwiespalt offen.

Das Buch

Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit. C. H. Beck, München 2016. 96 Seiten, 10 Euro.

„O Scheiße, dachte ich, so war das mit der Willkommenskultur nicht gemeint“, schreibt er nach Gesprächen mit afghanischen Flüchtlingen, Desperados des Glücks, von Schleppern ausgeraubt, ohne Perspektive fern der Heimat – einzig nur, weil es „im Fernsehen hieß, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt“.

Kermani verschweigt nichts. Er schreibt auf, was er hört und sieht. Aber er sagt auch, was er davon hält. Das erste rettet ihn vor der Lakonik einer Objektivität, die irgendwann in eine Sloterdijksche Härte des Herzens oder in Zynismus umzuschlagen droht. Das andere bewahrt ihn vor einem Gesinnungsjournalismus, der es für einen Fehler der Wirklichkeit hält, wenn diese anders ist als gewünscht.

Das Besondere an Kermanis Reise auf der Balkanroute: Er ist in umgekehrter Richtung unterwegs, denen entgegen, die zu uns wollen. Von Budapest geht es südostwärts über das Mittelmeer bis ins türkische Izmir. So schauen wir den Flüchtlingen gleichsam ins Gesicht, statt uns neben sie zu stellen. Gerade die suggerierte Nähe der Reportage ist notwendig eine unerfüllbare Verheißung dessen, der im klimatisierten Hotel schläft und nach einer Woche sicher wieder in Köln/Bonn landet.

Wie lächerlich, ja geschmacklos die nur behauptete Empathie geraten kann, haben nicht erst die Berliner Parlamentarier gezeigt, die sich aus Solidarität mit Bootsflüchtlingen auf der Spree herumschippern ließen. Kermani weiß um die Gefahr, im Bemühen um Realismus die Realität zu verlieren, wenn er den einen oder anderen Kilometer auf staubigen Straßen mit den Flüchtlingen marschiert oder vom griechischen Mytilini mit einem kleinen Schiff nach Aydalik an der türkischen Küste übersetzt. Das ist für ihn ein Stück geliehener Authentizität.

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Aber immerhin. Ganz bei den anderen und ganz bei sich ist er in der Normalität des Ausnahmezustands. Typisch Kermani, wie er eine Banalität, die aneinandergereihten himmelblauen Dixi-Klos überall zwischen München und Piräus, erstens zum Thema und zweitens zum „Erkennungszeichen der europäischen Humanität“ macht: „So weit immerhin reicht die Einigkeit Europas, dass Flüchtlinge ihre Notdurft nicht auf freiem Feld verrichten müssen, sondern über Tage und Woche in stinkenden, verdreckten Plastikkabinen.“

Am intensivsten im Buch ist vielleicht die Szene, als Kermani in der Nähe des Hafendorfs Assos (Türkei) drei Afghanen folgt, die sich in einem Waldstück versteckt haben. Nach Tagen ohne Proviant haben sie zwei Dosen weiße Bohnen und drei Flaschen Wasser bekommen. Bevor die Männer verschwinden, will einer noch einen Schluck trinken und macht dann, so Kermani, „sicher unbewusst, aus einem immer noch nicht verkümmerten Instinkt, eine Geste, die mindestens so wahnsinnig wie das europäische Grenzregime ist: Er, der mit dem bisschen Wasser wer weiß wie viele Tage auskommen muss, bietet zuerst mir die Flasche an.“

Solche Begebenheiten werden in Kermanis meisterhafter Vermittlung zu einer Botschaft, einem Imperativ: „Einmal persönlich berührt, von konkreten menschlichen Begegnungen erschüttert, wird die Not der Flüchtlinge und ihre Dankbarkeit Deutschland nicht mehr so leicht loslassen.“

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