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Navid Kermani Poetikdozent in Frankfurt: So ein Zufall

Navid Kermanis Frankfurter Poetikvorlesung "Über den Zufall" bot ihrerseits reizvolle Zufälle. Einige hingen mit dem neuen Poetikvorlesungshörsaal HZ2 zusammen, einem Giganten an Größe. Von Judith von Sternburg

Der Poetikdozent als Souverän.
Der Poetikdozent als Souverän.
Foto: villa massimo

Navid Kermanis Frankfurter Poetikvorlesung "Über den Zufall" bot auch ihrerseits reizvolle Zufälle. Einige hingen mit dem neuen Poetikvorlesungshörsaal HZ2 zusammen, einem Giganten an Größe und technischer Ausstattung. Zufällig funktionierte zum Beispiel in Vorlesung 2 die Tonanlage nicht richtig. Zufällig ging in Vorlesung 3 gegen Ende das Licht aus. In Vorlesung 4 kam ein Mann viel zu spät und ausgerechnet in dem Moment, als es um den Tod ging. Dass der Mann zufälligerweise Kermani auch noch überdurchschnittlich störte, brachte ihn wiederum in Vorlesung 5 auf einige Überlegungen zum Thema Störungen beim Nachdenken über den Tod.

Von Germanisten boykottiert?

Wie überhaupt solche Angebote von außen die Vorlesung zunehmend mitbestimmen durften und sollten. Die Frage, ob dabei der Hörsaal HZ2 selbst in irgendeiner Weise aktiv war, blieb im Hintergrund. Scherzhaft sprach Kermani stattdessen von Boykottversuchen durch Germanisten, die mit seiner Lesart der Texte von Hölderlin und Jean Paul nicht zufrieden seien. I wo. Dass jemand zufällig die Leseausgabe der Frankfurter Edition erwirbt, das als Wink nimmt, es mit Hölderlin noch einmal zu versuchen, dann aber Band 5 des Schnäppchens in die Ecke feuert, ist doch so spektakulär nicht. Dass jemand Hölderlin als "Sufi der deutschen Literatur" bezeichnet und erklärt: Rückert und Goethe schrieben über Mystik, Hölderlin verkörperte sie, ist eine vernünftige, auf der Lektüre fußende Beobachtung. Auch wenn tatsächlich in diesem Moment die Tonstörung einsetzte.

Aber auch die Überlegung, dass Jean Pauls Ästhetik wie ein Gegenprogramm zu Hölderlins "Empedokles" wirkt, hier der Spott über die Dichterzwerge, die mit großen Stoffen hantieren, dort das Dichten wie auf Wolken, ist kein Grund, das Licht auszuknipsen. Kermani überlegte sich nun zum "Ich" in der Dichtung vor und kam von dort logischerweise auf Leben und Tod: am Ende der Vorlesungen 3 und 4 in ernsten Abschnitten über die Frühgeburt eines Kindes und den Tod des Soziologen Karl Otto Hondrich. Ihm sei schriftlich und mündlich mitgeteilt worden, der Text über Hondrich sei unangemessen gewesen, sagte Kermani in Vorlesung 5. Er sei froh darüber gewesen, über den Tod, der prinzipiell zur Unzeit komme, könne man nur unangemessen schreiben.

Seiner Aufgabe als Poetikdozent kam Navid Kermani vordergründig geradezu pedantisch nach. Titel und Untertitel der Vorlesung, "Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe", ging er systematisch durch, als sorgfältiger und erfahrener Vielleser. Was man jedoch vorher nicht ahnen konnte - und man weiß auch nicht genau, wie viel Kermani davon ahnte -, war, dass der Roman, an dem er schreibt selbst Teil der Vorlesung sein würde. Vielmehr, dass die Vorlesung selbst Teil dieses Romans sein würde. Als er das eingangs erwähnte, wirkte es noch verspielt. Daraus entstand jedoch, Stunde um Stunde und erst am Ende in ganzer Pracht und Poesie, ein eigenartiges Kunstgebilde, in dem wir Zuhörer ebenso unseren Platz hatten/haben wie der HZ2 selbst. Nicht aber Roland Koch oder der Hessische Kulturpreis, um naheliegende Beispiele zu nennen.

Dass die Frankfurter Schauspieler Martin Rentzsch und Isaak Dentler Jean Paul und Friedrich Hölderlin ihre Stimmen liehen, war Teil jenes poetischen Gebildes. Dass sie schließlich selbst anfingen mitzureden, Kermanis Redewendung "so Gott will" benutzten und auf die Uhrzeit aufmerksam machten (Endler musste in die Vorstellung), trieb das zur Perfektion. Kermani stand als Schöpfer und Souverän in der Mitte, folgte seinem Zeitplan und hatte sogar einen Taxifahrer bestellt, der die Vorlesung kurz störte. Der Übergang vom Zufall zur vom Dichter inszenierten Geschichte, in der Zufälle eine große Rolle spielen, war stilvoll.

Umso mehr man freilich erfuhr, desto schleierhafter wurde einem vielleicht der Roman, aber auch desto interessanter. Die Lesung im Literaturhaus, die stets der Poetikdozentur auf den Fuß folgt, war darum diesmal im Grunde ein Teil von ihr. Kermani las nun aus anderen Passagen des Buchs vor. Er schilderte Szenen aus dem Leben seines Großvaters, der anscheinend ein interessanter Mann, aber schlechter Autor war. Seine Autobiografie missglückte, nun übernimmt der Enkel diese Aufgabe. Witz und Aufschlussreiches hielten sich die Waage, speziell in der Szene, die bereits in Siegen spielt, wo die Eltern Kermanis ein neues Leben beginnen.

Bloß keinen Migrantenroman

Kermani wies zu Recht darauf hin, dass es aus poetologischer Sicht ein größerer Clou, ein echter Clou gewesen wäre, wenn es seinen Roman nicht gäbe. Nicht übel war aber auch, dass er in der Vorlesung eine Literaturkritikerin zitiert hatte, die ihn bat, bloß nicht noch einen Roman über das Leben von Migranten zu schreiben. Man weiß nicht, wie man die im Literaturhaus vorgelesenen Szenen nennen soll, wenn nicht Szenen aus dem Leben von Migranten. Faszinierenden Szenen aus dem Leben von Migranten.

Das Buch aber existiert und wird bei Hanser erscheinen, 2012, vermutete der Autor. Die Poetikvorlesung soll es vielleicht schon vorher als Hörbuch geben. Da raunte es wohlwollend im großen Saal des Literaturhauses, in dem die Leiterin Maria Gazzetti an diesem Abend zum letzten Mal eine Veranstaltung moderierte.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  11 | 6 | 2010
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