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Navid Kermani: Sind genug Parkplätze vor der Moschee?

Wer sind wir? heißt Kermanis neues Buch. Die tiefsten Gräben der globalen Moderne sieht er nicht zwischen den Ländern und Religionen verlaufen, sondern mitten durch sie hindurch. Von Ruth Fühner

Immer wieder kommt es vor, dass sich Kölner im Karneval ausländisch verkleiden ...
Immer wieder kommt es vor, dass sich Kölner im Karneval ausländisch verkleiden ...
Foto: ddp

Wie kommt es, dass ein Iraner, der in die USA übersiedelt, sich binnen kurzem als Amerikaner fühlt, während sein Cousin, aufgewachsen mitten im Siegerland, den Satz "Ich bin Deutscher" nur mit Mühe über die Lippen bringt? Klar - in Deutschland gilt Verfassungspatriotismus immer noch als zweite Wahl: Vorrangig bleibt die ethnische Herkunft, nicht die Entscheidung für eine Gesellschaftsordnung.

Navid Kermani, geboren im Iran, zuhause im multikulturellen Köln-Eigelstein und Mitglied der von Bundesinnenminister Schäuble einberufenen Islam-Konferenz, ist der erwähnte Cousin und bezeichnet sich am liebsten als Deutsch-Iraner. Aber Identitätskonflikte? Nur, wenn der 1. FC Köln je gegen die iranische Nationalmannschaft anträte. Kermani ist ein scharfsinniger und gelassener Beobachter des muslimisch-deutschen Alltags, ebenso kritisch gegen die Stereotypen im eigenen Kopf wie gegen die Probleme der Migrationsgesellschaft. Pointiert und mitunter ungeniert autobiographisch, dürfte sein Buch Multikulti-Romantiker ebenso irritieren wie ihre Verächter.

Dabei fällt Kermanis Deutschland-Bild entschieden antialarmistisch aus. Wo - wie in Köln-Ehrenfeld - der Wunsch nach einem Moscheenbau mit der Frage gekontert wird, ob denn auch ausreichend Parkplätze vorhanden seien, herrscht mehr Entspanntheit im Miteinander als der dauererregte Medienbetrieb wahrhaben will. Allerdings: So wie sich der Arztsohn Kermani zum ersten Mal fremd in Deutschland fühlte, als er einem proletarischen Fußballverein beitrat, ist für den studierten Islamwissenschaftler das größte Integrationshindernis ein soziales und ökonomisches. Schon in seinem Buch "Schöner neuer Orient" sah Kermani die tiefsten Gräben der globalen Moderne nicht zwischen den Ländern und Religionen verlaufen, sondern mitten durch sie hindurch.

Das gilt auch für die Migranten in Deutschland: Zwischen den Einwanderern der städtischen Mittelschicht und denen aus ländlichen Gebieten herrscht, so Kermani, weniger Gemeinsamkeit als zwischen den bürgerlichen Alteingesessenen und den Zuwanderern. Da ist es nur scheinbar paradox, dass der Fundamentalismus vornehmlich in den Mittelschichten Fuß fasst: Sie sind es, die der weltweiten Einebnung aller Unterschiede den Schutzschild "Identität" entgegenhalten: Islamische wie westliche Gesellschaften haben begonnen, ein Eigenes zu konstruieren, dem ein Fremdes gegenüberstehe. Dabei trägt die populäre Islamkritik - so verdient sie sich ums Aufzeigen von Missständen macht - ungewollt, mitunter auch gewollt bei zur Aushöhlung der liberalen Gesellschaftsordnung.

Ein Irrweg, glaubt Kermani, dem Entweder-Oder-Entscheidungen generell suspekt sind. Einen größeren Gefallen könne man den Fundamentalisten jedweder Couleur nicht tun, als die Werte der Toleranz und Vernunft, die Kultur des Kompromisses und der der Säkularisierung, aber auch kölnisch-katholische Kindergartengepflogenheiten mit multikulturellem Adventsliedersingen über Bord zu werfen. Dass es dazu kommen könnte, hält er nicht für ausgeschlossen. Zwei Gefahren sieht Kermani für die friedliche Entwicklung der bundesdeutschen Einwanderungsgesellschaft. Die eine ist die elementare Verletzung der Menschenrechte wie im Fall Murat Kurnaz, in dem der Rechtsstaat sich gemein gemacht habe mit dem Ressentiment. Die andere ist der Terrorismus. Ein, zwei Anschläge in Berlin oder Frankfurt und es könnte vorbei sein mit dem weltoffenen, gelassenen Alltag der Bundesrepublik.

Aber Kermani ist keiner, der sich in der Rolle des Warners gefällt. Und so steht am Ende ein Plädoyer für die Leitkultur. Nicht für die sattsam bekannte deutsche, sondern für eine europäische Leitkultur. Die würde ihre Überlegenheit unter Beweis stellen, indem sie Muslimen jene Freiheit ließe, die Christen in islamischen Ländern schmerzlich vermissen. Würde, wenn sie das Kreuz im Unterricht zuließe, ihren Lehrerinnen auch erlauben, das Kopftuch zu tragen. Vor allem aber würde sie den in Europa lebenden Türken, Arabern oder Iranern erlauben, Europäer zu werden - so wie man Amerikaner werden kann.

Navid Kermani: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime. Verlag C.H. Beck, München 2009, 173 Seiten, 16,90 Euro.

Autor:  RUTH FÜHNER
Datum:  12 | 3 | 2009
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