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Literatur

08. Januar 2016

Neue Ausgabe : IfZ stellt "Mein Kampf" vor

 Von Nikolaus Bernau
Das Institut für Zeitgeschichte präsentiert in München seine kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf".  Foto: afp

Das Institut für Zeitgeschichte in München stellt seine kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ vor. Vom jüdischen Weltkongress kommt Kritik.

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München zeigte sich gestern Mittag blauweiß strahlend, heiter und fröhlich. Beim Blick durch die Dachfenster im Lesesaal I des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) – ein phänomenal bunkerartiger Bau der 1970er, der jeden noch so klugen Gedanken von der Außenwelt abzuschirmen scheint – kam immer wieder die Frage auf: Wie konnte ausgerechnet diese heute so weltoffene Stadt, in der arabische Schriftzeichen ganz selbstverständlich Ladenschilder sind und die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen wurden, in der Weimarer Republik das Zentrum der rassistischen Bewegungen in Deutschland gewesen sein, die Adolf Hitlers Basis waren und seinen Aufstieg vorbereiteten?

Auch darauf will in seinen mehr als 3500 Kommentaren, unzähligen Literatur- und Quellenverweisen die erste legale deutschsprachige Nachkriegsausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ eine Antwort geben. Gestern wurde sie im IfZ vorgestellt, aus der ganzen Welt waren Pressevetreter angereist. Die Überraschung von Institutsdirektor Andreas Wirsching angesichts des öffentlichen Interesses kann man getrost als Heuchelei verbuchen. Schließlich hatte er selbst mit diversen Interviews den Hype angeheizt, vor allem aber mit strikter Geheimhaltungspolitik. Kein Rezensionsexemplar wurde herausgegeben, das Buch erscheint im Eigenverlag des Instituts, die Druckerei wurde zur strikten Geheimhaltung verpflichtet. Für die Edition einer historischen Quelle ist das mehr als ungewöhnlich. Aber es ist eben mehr als nur ein altes Buch, dieses „Mein Kampf“.

Das Werk gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Büchern, ist immer noch mit etwa zwölf Millionen Exemplaren Auflage zwischen 1927 und 1945 ein Megaseller. Zwar verhinderte seit 1945 in Deutschland die Bayrische Staatsregierung als Erbverwalterin Hitlers jeden legalen Nachdruck. Niemals allerdings war der Handel mit antiquarischen Exemplaren, das Verschenken oder Vererben verboten. Und seit dem Aufkommen des Internets bieten meist rechtsextreme Seiten ohne jede Rücksicht auf das Urheberrecht vollständig gescannte Exemplare an. Bisher noch jeder Schwarzdruck, jede Übersetzung wurde zum Verkaufserfolg, sei es in Kroatien, Russland, Tschechien, Polen, in den arabischen Ländern, Indien, der Türkei, Großbritannien oder den USA. Zwar schritt die bayrische Staatsregierung juristisch auch im Ausland unnachgiebig gegen jede Nachauflage ein. Doch waren die Bücher meist schon über den Ladentisch gegangen.

In Indien gilt "Mein Kampf" als Managementlehrbuch

Offenbar sind Hitlers Antisemitismus, seine rassistischen Lebensraumthesen und der Führerkult trotz der verquasten Sprache immer noch oder immer neu attraktiv – in Indien etwa gilt es mit seinem brutalen Darwinismus als Managementlehrbuch, in arabischen Ländern als antiisraelische Kampfschrift.

Seit dem Untergang des „III. Reichs“ ist der Besitz von „Mein Kampf“ in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich ein eisern gehaltenes gesellschaftliches Tabu. Selbst in wissenschaftlichen und schon gar in öffentlichen Bibliotheken erhielt man es nur gegen Ausweis und als Volljähriger ausgehändigt.

Jetzt liegt eine in helles Leinen eingebundene wissenschaftliche Ausgabe vor. Es ist das bei weitem anspruchsvollste Editionsprojekt des IfZ, im bibliophilen Großformat – das die historischen Verlagsausgaben von „Mein Kampf“ nie hatten –, in der Aufmachung, auch im Layout. Zwar wird der Seitenzusammenhang der Originalausgaben beibehalten, so dass auch künftig korrekte Zitierungen möglich sind. Doch werden diese Seiten regelrecht umzingelt mit Quellennachweisen, Anmerkungen zu den späteren Ausgaben, historischen Kommentaren und Einordnungen sowie einleitenden Kapiteln.

Großes Medieninteresse bei der Präsentation der kommentierten Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" in München.  Foto: dpa

Leitgebend sind aber weiter die historischen Zwischenüberschriften Hitlers. Entsprechend bedauerlich ist, dass nicht auch das einst dem eigentlichen Text vorangestellte Stichwortverzeichnis in die kritische Ausgabe aufgenommen wurde.

An dem Projekt haben fünf Historiker und Historikerinnen des IfZ mit ihren Mitarbeitern drei Jahre gesessen. Sie zogen Fachkollegen von der Architektur- und Kunstgeschichte bis hin zur Ethnologie zu Sonderthemen hinzu und mussten so manchen politischen und emotionalen Widerstand überwinden. Noch am Donnerstag veröffentlichte der Londoner Literaturhistoriker Jeremy Adler in der „Süddeutschen Zeitung“ einen flammenden Aufruf, dass „Mein Kampf“ niemals wieder veröffentlicht werden dürfe, und vor einem Jahr verhinderte der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer, dass die wissenschaftlich-kritische Edition vom Freistaat weiter finanziert wird.

Tatsächlich sind Nachauflagen von „Mein Kampf“ seit 1945 auch deswegen verhindert worden, weil das Buch vom zweiten Absatz der ersten Seite an gegen das Grundgesetz und alle nur möglichen Strafgesetze verstößt, ganz zu schweigen von der ununterbrochenen Missachtung der Würde jedes einzelnen Menschen. Diese Erkenntnis kann man schnell gewinnen. Aber wie sehr Hitler seine Anhänger belog mit der Geschichte vom armen Aufsteiger, der zum Erlöser wird, wie manipulativ er mit Zahlen umging und wie tief verankert seine Thesen in die Ideologien der deutschen und österreichischen völkischen Bewegungen der Kaiserzeit waren, das wird hier in trotz der fast 1900 Seiten doch überaus konzentrierten Form deutlich. Schon das erste Blättern enthüllt diese Ausgabe als ein Kompendium des in vielen Jahren erforschten Wissens über Hitler und seinen Aufstieg.

Der Historiker Ian Kershaw lobte die Edition entsprechend als „Meilenstein“ und „Meisterwerk“. Dennoch vermutete er bei der Buchvorstellung, dass sich der Hype um die Neuauflage schnell legen werde. Kershaw hat die bis heute beste Hitler-Biografie geschrieben und tritt seit Jahren für die Aufhebung des Druckverbots von „Mein Kampf“ ein. Es habe nur den Effekt gehabt, das Buch zum Mythos zu machen. Das heutige Deutschland sei eine gefestigte Demokratie, dieses Buch keine Gefahr mehr. Und diejenigen, die es für Neonazi-Propaganda nützen, nähmen nicht die kommentierte Ausgabe zur Hand.

Jüdischer Weltkongress und Russland protestieren

Damit hat er sicher Recht. Aber mit seiner Vorhersage wohl eher nicht. Die Proteste etwa des Jüdischen Weltkongresses oder aus Russland gegen die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ durch ein staatlich gefördertes deutsches Institut reißen nicht ab – wobei zu bedenken ist, dass keiner derjenigen, die sich derzeit zu Wort melden, diese Ausgabe schon sehen konnte. Und die Bestellungen sprechen eine eigene Sprache: Schon jetzt sind 15 000 Exemplare geordert.

Das IfZ hatte nur eine Erstauflage von 4000 Exemplaren geplant. Das war reichlich naiv, weil alleine in Deutschland gut 800 Universitäten und Hochschulen existieren, die jeweils mindestens drei bis vier Exemplare benötigen, ganz zu schweigen von den etwa 9000 universitären Forschungseinrichtungen und Nationalbibliotheken weltweit, den nach zehntausenden zählenden öffentlichen Bibliotheken oder gar dem Interesse von privaten Lesern. Ein kommerzieller Verlag hätte solche Berechnungen selbstverständlich gemacht – aber das IfZ will eben kein Geschäft machen, sondern Aufklärung betreiben. Andreas Wiersching versprach entsprechend, alle Bedürfnisse zu befriedigen – wenn auch vielleicht mit ein, zwei Wochen Verzögerung.

Nach Angaben des Instituts liegen inzwischen aus Italien, Frankreich, Polen, Russland und Indien auch Übersetzungsanfragen für das Werk vor. Allerdings, so Wirsching, habe man noch nicht entschieden, wie weiter vorzugehen sei. Schließlich seien jetzt eigene Urheberrechte zu wahren, auch wolle das IfZ auf jeden Fall verhindern, dass seine Ausgabe als „Steinbruch“ für andere Ausgaben diene. Die Frage wird allerdings schnell aufkommen, ob ein wissenschaftliches Institut als Dienstleister Books on Demand produzieren sollte, ob nicht überhaupt das PDF des Buches schleunigst ins Internet gestellt gehört, um den dort leicht verfügbaren unkommentierten Ausgaben von „Mein Kampf“ eiserne Konkurrenz zu machen. Ob die Neuauflage mit dem Kommentar als Pflichtlesestoff in den Schulunterricht gehört, darf ruhig in Frage gestellt werden.

Kaum jedoch, dass sie zum neuen Quellenstoff werden wird und dass dies Buch schleunigst in die Sprachen übersetzt gehört, in denen „Mein Kampf“ bis heute ein Welterfolg ist, also ins Arabische, Türkische, Russische, ins Hindi, Englische und Französische. Das ist kein Thema, mit dem man sich als Politiker beliebt macht – aber dieser Einsatz von Staatsgeld wäre nötig.

Denn der Kampf um die Deutungshoheit über dieses deutsche Buch „Mein Kampf“, der hat jetzt erst begonnen, und er wird nicht nur in den sicheren akademischen Bibliotheken geführt werden, sondern auch und gerade im Internet.

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