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Neue Gedichte von Enzensberger: Erregungsbaustellen

Dem stoischen Meister kann man nicht zürnen: In "Rebus" hat Enzensberger seine Reflexionseleganz nicht weiter verfeinert, eher lebt er von seinen eigenen Beständen, walzt die bekannten Pointen aus.

Hans Magnus Enzensberger: Ihm zu Ehren fand ein Symposion im Deutschen Literaturarchiv Marbach statt.
Hans Magnus Enzensberger: Ihm zu Ehren fand ein Symposion im Deutschen Literaturarchiv Marbach statt.
Foto: ddp

Er hat uns nun schon ein halbes Jahrhundert betört: mit seinem Esprit und seiner Heiterkeit, mit seiner Hartnäckigkeit als Verteidiger der Normalität und als Impresario poetischer Schwebezustände. Einem stoischen Meister wie Hans Magnus Enzensberger kann man gar nicht zürnen, auch wenn er in seinem Alterswerk doch erkennbar die Zügel schleifen lässt, auf Selbstdisziplin verzichtet und sich in einer behaglichen Ironie einrichtet.

In den vorangegangenen Gedichtbänden hatte sich eine gewisse Selbstgefälligkeit bereits angedeutet, gab es eine Tendenz, brillante rhetorische Volten zum Gedicht aufzublähen und sich in einem gigantischen Pointen-Dropping über Weltverbesserer jedweder Couleur zu amüsieren.

Die "leichte, mozartisch schwerelose Hand", die der Enzensberger-Leser Alfred Andersch 1957 dem Verfasser des Gedichtbands "verteidigung der wölfe" attestierte - sie ist auch im neuen Gedichtband "Rebus" federführend. Der bald 80-jährige Dichter, der bei seinen Auftritten noch immer mit (nicht nur) intellektueller Gelenkigkeit zu brillieren weiß, ist wie stets mit der sanften Dekonstruktion von Utopie und Pathos beschäftigt. In seinen neuen Gedichten "paddelt" er wieder demonstrativ ungerührt an den neuesten Erregungs-Baustellen der Gegenwart vorbei - "vorbei an Bemühungen / um Renditen und Kopfpauschalen" -, um das unspektakuläre "Dazwischen" aufzusuchen.

In einem boshaften Abgesang auf die "Gegenwartsnarren" (Botho Strauß) am Ende des Bands, der etwas ausschweifenden "Coda", präsentiert er sich wie gewohnt als der bescheidene "Vorübergehende", der "beobachtet, was der Fall ist, / der nur redet (de rebus quae geruntur), / und der kaum etwas ausrichtet".

Ironie, federführend

Diesen abgeklärten Ironiker, der die Welt lieber verschont anstatt ihr mit verbissenen Heilsbotschaften zuzusetzen, kennt man bereits aus den Bänden "Zukunftsmusik" (1991), "Kiosk" (1995) oder "Die Geschichte der Wolken" (2003). In "Rebus" hat Enzensberger seine Reflexionseleganz nicht weiter verfeinert, eher lebt er von seinen eigenen Beständen, walzt die bekannten Pointen noch ein weiteres Mal aus. Seine lyrischen Hauptdarsteller sind Wiedergänger aus früheren Büchern. "Der Nachtportier, ein alter Trotzkist", "der glatzköpfige Kassierer…, / der sich den Kopf zerbricht / weil sein Sportauspuff rostet" oder "Tante Olga im Altersheim" - das sind die lyrischen Stellvertreter, manchmal aber auch nur Pappkameraden jener "Gewöhnlichkeit", die dieser Dichter seit Jahrzehnten zu glossieren trachtet. Dabei macht es Enzensberger sich und seine Lesern oft viel zu leicht. Er überlässt sich ohne größere Sprach- und Selbstzweifel dem Glanz seines Pointenfeuerwerks, das schnell abgefackelt ist.

Dennoch: Es gelingen ihm noch immer blendende Porträts und treffliche Denkbilder, wie das von den "schweren Koffern", die funktionslos, ohne ihre früheren Besitzer, in einem Hinterhof zurückbleiben. Oder er schreibt wunderbar leichthändig ein Gedicht über die ewige Nicht-Identität mit sich selbst und die Unerreichbarkeit des "Richtigen" ("Stellvertreter"): "Keiner von uns ist der Richtige." Zu den stärksten Texten in "Rebus" zählen die selbstironischen Meditationen über das Alter und die Vergänglichkeit. Hier ist Enzensberger auf der Höhe seiner Kunst der skeptischen Selbstbegrenzung. Auch die schöne poetische Kasuistik über "die einen und die andern" gehört in die Reihe der mehrdeutigen Wort- und Satz-Übungen.

Pointen, Kalauer, Palaver

Was verärgert, ist die nicht geringe Zahl bloß kalauernder, auf billige Belustigung angelegter Gedichte, die sich mit dem nächstbesten Slapstick zufrieden geben. Wie der komödiantische Bericht über einen "Berliner Empfang": "Der Innenminister kam an, / schwungvoll wie immer, / nur wir nahmen keine Notiz von ihm. // Die meisten von uns waren beschäftigt / mit ihren Bandscheiben, / oder sie hatten ihre Geheimzahl vergessen." So verfallen Enzensbergers Gedichte ihrer unkontrollierten Pointensucht, ganz so, als wäre hier ein Robert Gernhardt für ernüchterte Altlinke am Werk.

Als intellektuellen Komplizen hat der späte Enzensberger das Lachen rekrutiert - das Lachen über sich selbst , aber vor allem das Lachen über die Sinnsucher und Weltdeuter um ihn herum, die sich am Unabänderlichen abarbeiten. Dabei scheut er leider nicht das Geläufigkeits-Palaver, das zwar gelegentlich Heiterkeits-Effekte generiert, aber vor lauter Begeisterung über die eigene Brillanz auf widerständige Fügungen und Doppelbödigkeiten verzichtet. So etwa in der extrem boshaften Karikatur eines Landes im Sicherheitswahn: "Die Funkstreife hämmerte an die Tür, / aber sie wollten nur unsere Bärte kontrollieren. / Wir kamen ungeschoren davon, / doch es war knapp. // Wir boten ihnen Tee und Kekse an. / Unsere Hündchen Belinda und Sarah, / haben sie trotzdem mitgenommen. / Sie waren unser ganzer Stolz. / Aber ihr Visum war abgelaufen. // Wir überlegten, ob es nicht irgendwo / eine Lichterkette gäbe, / die uns trösten könnte." Das Problem dieser Gedichte ist nicht ihr opakes Schimmern in Mehrdeutigkeiten, die der Titel des Bandes für sich beansprucht, sondern ihre Rätsellosigkeit.

Man kann sich prächtig amüsieren mit diesen Gedichten, in denen sich ein intellektueller Narziss über die Welt beugt und die Vergeblichkeiten unserer Heils-Suche persifliert. Oder man ist peinlich berührt über so viel eitle Koketterie.

Hans Magnus Enzensberger: Rebus. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 120 Seiten, 19,80 Euro.

Autor:  MICHAEL BRAUN
Datum:  11 | 5 | 2009
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