In einem Schuber erschienen 2005 "Die sechs Brenner-Romane" von Wolf Haas bei Hoffmann und Campe. Ein fesches, kompaktes Abschiedsgeschenk, denn Simon Brenner sollte mit "Das ewige Leben" für immer ausermittelt haben. Wolf Haas schrieb als nächstes den vielbeachteten Interview-Roman "Das Wetter vor 15 Jahren". Darin sagt die Figur "Wolf Haas" bereits auf der zweiten Textseite zum Thema blöde-Rezensenten-die-das-Ende-verraten: "Deshalb schreib ich keine Krimis mehr." - Und nun können die blöden Rezensenten sich revanchieren und ihm diesen Satz unter die Nase reiben.
Denn Wolf Haas hat wieder einen Brenner-Roman geschrieben. Der heißt nun nicht "Sag niemals nie" sondern, wie es einer Wiederauferstehung geziemt, "Der Brenner und der liebe Gott". In Rente geschickt hat Haas freilich seinen legendären Anfangssatz: "Jetzt ist schon wieder was passiert."
Simon Brenner also hat einen Job gefunden, der ihm Freude macht und fern halten wird von allen Ermittler-Schlamasseln (so meint er): Er ist Chauffeur für einen Bauunternehmer und dessen Frau, eine Abtreibungsärztin. Deren Kind, Helena, muss er mal zum einen, mal zum anderen vielbeschäftigten Elternteil kutschieren. Brenner nimmt seine Sache genau und versteht sich bestens mit Helena, deren erstes Wort dann auch nicht Mama oder Papa sondern "Fara" ist. Dann kommt der Tag, an dem er nach dem Tanken einen Kaffee trinkt. Und noch einen. Und dann ist Helena aus dem Auto verschwunden. Zwar rufen die Eltern die Polizei, doch ein Brenner nimmt die Sache auch ermittlerisch persönlich.
So macht ihn Wolf Haas sozusagen zum Ex-Ex-Privatdetektiv. Der in Wien lebende Autor reaktivierte auch seinen Erzähler - es ist ja nicht Brenner selbst -, der zwar nahezu allwissend ist, aber neben uns in einer Kneipe sitzen und uns die Geschichte bei einem Bier erzählen könnte. Diese Erzählerstimme war von Anfang an eine reizvolle Besonderheit der Brenner-Romane. "Pass auf", sagt diese Stimme immer wieder zum Leser, "der Brenner hat sich gedacht ...". Dann kommt oft was scharf Beobachtetes, alltagsphilosophisch Zugespitztes. Der Stil-Faden hängt selten einen Millimeter durch bei Wolf Haas, nur scheinbar ist es eine lässige Sprache. Seine Bücher machen einem darum mehr Freude, wenn man sie nicht - wie sonst vielleicht Krimis - in einem Zug, an einem Abend liest. Ein Formulierungszuckerl nach dem anderen, das erzeugt doch ein gewisses Völlegefühl.
Die beachtliche Haas-Fangemeinde liebt vermutlich genau diesen Sound, diese zarte Dauer-Ironie mit Derbheitsspitzen. Dazu die kauzig-beharrliche Hauptfigur des Simon Brenner, der ein ziemlicher Loser wäre, wenn er nicht jedes Mal wieder irgendwie die Kurve kratzen würde zur Lösung der Fälle. Haas missachtet übrigens Plausibilität und Logik nicht, trotzdem ist die Handlung zweitrangig.
Wolf Haas erhielt nicht nur bei sechs Büchern dreimal den Deutschen Krimipreis, er schuf Ende der Neunziger einen spezifischen Österreich-Krimi-Ton. Dieser hat Vorläufer in lakonischen Kaffeehausräsonnierern wie Peter Altenberg oder der schrägen Schein-Naivität eines Robert Walser. Doch längst ist Haas Vorbild geworden. So dass der österreichische Krimi zur Zeit eine homogenere Gruppe bildet als die Krimiliteratur jedes anderen Landes.
Damit sollen die anderen - überwiegend sehr gut schreibenden - österreichischen Krimiautoren nicht als Nachahmer verunglimpft werden. Vielleicht liegt der Schmäh in Wien tatsächlich in der Luft. Außerdem muss auf dem Krimimarkt, der so viel Schlechtes auf die Tische kippt, allemal Platz sein für Thomas Raabs neugierigen Restaurator Willibald Adrian Metzger (WAM!), der im September seine Nase erneut in Dinge steckt, die ihn wenig angehen ("Der Metzger geht fremd"); für den Schmäh mit Surrealem mischenden Heinrich Steinfest; für den etwas verhalten-ernster erzählenden Stefan Slupetzky und seinen "Lemming" - mit Letzterem soll ja übrigens Schluss sein, weil, wie Slupetzky im FR-Interview sagte, "der Lemming und ich schon so viel Zeit miteinander verbracht haben".
Das mag auch einer von Wolf Haas´ Gründen gewesen sein. Für den Leser aber ist es kein Schaden, dass die beiden sich doch wieder zusammengesetzt haben.