Auch in seinem jüngsten Roman lässt Ismail Kadare seine Leser in die Tiefen der albanischen Geschichte und der menschlichen Abgründe blicken. Beides ist so untrennbar miteinander verknüpft, dass Albanien uns durch Kadares Werk zur Welt wird. Es ist eine fürchterliche Welt, nein, eine Welt, in der Fürchterliches möglich ist. Wie in jedem starken Alb schleicht sich das Furchtbare aber langsam an, schlängelt sich das Gefährliche dicht am Gemütlichen und Häuslichen entlang.
"Ein folgenschwerer Abend" ist eine tückisch gutmütig daherkommende Gesellschaftssatire, eine Gespenstergeschichte, eine Geschichtsstunde, ein Bericht über die grenzenlose Menschenverachtung im Stalinismus. Als Mikrokosmos dient die Stadt Gjirokastra, in der Kadare 1936 geboren wurde. Die italienische Besatzung (seit 1939) wird 1943 durch den Einmarsch der Deutschen beendet.
Ismail Kadare: Ein folgenschwerer Abend. Roman. A. d. Albanischen von Joachim Röhm. Ammann Verlag, Zürich 2010, 201 Seiten, 19,95 Euro.
"Die Ereignisse", spottet der Erzähler, "entwickelten sich mit so atemberaubender Geschwindigkeit, dass selbst die mit einer großzügigen und vielschichtigen Weltsicht gewappnete Stadt Gjirokastra aus der Bahn geworfen schien." Diese "Weltsicht" ist vor allem ein unbedingter Drang zu Meinungsbildung, Pathos, Geschwätz und zu einem übereifrigen Fähnchen-in-den-Wind-Hängen. Die Klatschsucht ist stets noch etwas größer als die Angst. Und wie eine Herde Schafe knäult man sich zusammen und hofft, gut sehen zu können, aber selbst verschont zu bleiben.
Der Erzähler überfliegt das Geschehen dabei wie in einem winzigen wendigen Flugzeug. Er schaut in die kollektive Seele der Stadt, macht sich wie zum Spaß zu einem Teil von ihr, beleuchtet in den Häusern kurze private Momente, saust dann wieder durch die Weltgeschichte von Gjirokastra. Kadares Virtuosität lässt sich ihren Aufwand nicht anmerken. Alles ist, als könnte es nicht anders sein.
An dem dramatischen Abend, der dem Roman den Titel gibt, wird die kollektive Seele hin- und hergerissen zwischen der Furcht um Geiseln, denen die Ermordung durch die Deutschen droht, und der Neugier auf ein großes Fest, das einer der Ärzte am Ort seinem alten deutschen Freund, dem Oberst, gibt. Dass auf einmal alle Geiseln freikommen, erklärt den noch begeisterten und schon wieder mäkelnden Bürgern nicht, was in der Villa passierte. Ist es ein Skandal? Ist es ein Glück?
Kadares Erzähler aber lässt die Zeit vergehen, wie es ihm passt. Schon lehnt sich Albanien an die Sowjetunion an. Gjirokastra will wie immer ganz gerne mitmachen, und wie immer will es der Stadt nicht recht glücken. Es zeigt sich, "dass sie in die Neue Zeit so wenig passte wie in jede andere". Fast allerdings wäre Stalin einmal zu Besuch gekommen. Fast.
Im "Kampf" gegen die "jüdische Ärzteverschwörung" wird auch der Doktor verhaftet und grausam gefoltert. Das Geheimnis des folgenschweren Abends können indes selbst schlaue sozialistische Agenten nur teilweise lüften. Denn die Geschichten sind eigentlich mächtiger als die Geschichte selbst. Den Menschen in Gjirokastra hilft das nicht. Für uns aber ist es doch eine Erleichterung, dass der Weltgeschichtenerzähler Kadare nicht müde wird.