kalaydo.de Anzeigen

Neuer Seghers-Krimi: Mit Sturm auf den Büchertisch

Der Schauspieler Miroslav Nemec alias "Tatort"-Kommissar Ivo Batic liefert eine rund einstündige, perfekt ausgeklügelte Vorleseshow des neuen Seghers-Krimis: "Die Akte Rosenherz". Von Christoph Schröder

Wie immer war die Premiere eines Marthaler-Krimis des Frankfurter Schriftstellers Jan Seghers geradezu eine gesellschaftliche Pflichtveranstaltung. Wie immer also war der Vortragssaal der Deutschen Nationalbibliothek bereits Tage zuvor ausverkauft. Wie immer lieferte der Schauspieler Miroslav Nemec alias "Tatort"-Kommissar Ivo Batic eine rund einstündige, perfekt ausgeklügelte Vorleseshow, sprach mit verstellter Stimme, spielte mit dem Publikum, kitzelte den Applaus hervor. Und wie immer wurde Nemec und dem Autor im Anschluss nicht nur mit einem langen Beifall, sondern auch einem anschließenden Sturm auf den Büchertisch gedankt.

Wie auch immer der Schriftsteller Matthias Altenburg auf die Idee kam, sich als der Krimischriftsteller Jan Seghers neu zu erfinden - sie dürfte sein Leben entscheidend verändert haben: "Zehn Wochen lang darf ich nun jeden Abend versuchen, das mindestens halb so gut zu machen wie Miro", sagte Seghers im Anschluss. Macht mindestens 60 Lesungen. Davon träumt jeder Schriftsteller.

Der Stoff, den Seghers in seinem neuen Roman "Die Akte Rosenherz" verarbeitet hat, ist eine reale Geschichte, die er in äußeren Details verändert und, wo bliebe sonst die kriminalistische Befriedigung, im Gegensatz zur Frankfurter Polizei auch aufgeklärt hat: den Mord an der, wie es seinerzeit hieß, "Lebedame" Helga Matura, die im Roman den Namen Rosenherz bekommen hat. Ein Fall, der neun Jahre nach der Ermordung von Rosemarie Nitribitt erneut für Spekulationen in der Boulevardpresse sorgte, seltsamerweise aber recht schnell in der Versenkung verschwand.

Jan Seghers verküpft die historischen Fakten mit der Gegenwart: Bei einem Überfall auf einen Kleintransporter, der das aus dem Städel-Museum entliehene "Paradiesgärtlein"-Bild zum Flughafen bringen soll, wird Kommissar Marthalers schwangere Freundin Tereza angeschossen. Es zeigt sich, dass der Überfall mit dem Mord an Karin Rosenherz in Verbindung steht.

Jan Seghers erzählt, er habe im Hessischen Hauptstaatsarchiv die Akte zum Fall Matura gefunden, die die Frankfurter Polizei längst vernichtet wähnte - 10000 Seiten Ermittlungs- und Autopsieberichte - und Fotos der grausam zugerichteten Leiche. "Ich glaube", sagt er, "dass man den Fall hätte lösen können. Man hat sozial sehr flexibel ermittelt." Dass er aber in der Realität jemals noch aufgeklärt werden könnte, glaubt auch Jan Seghers nicht: "Wenn es der war, von dem ich annahm, dass er es war, ist er längst in einem hessischen Gefängnis gestorben."

Autor:  Christoph Schröder
Datum:  8 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.