Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde bemerkte jüngst, dass der Kapitalismus "nicht allein an seinen Auswüchsen, nicht an der Gier und dem Egoismus der Menschen, die in ihm agieren", kranke, sondern "an seinem Ausgangspunkt, seiner zweckrationalen Idee und deren systembildender Kraft." Folgt man dieser Diagnose, wird man vielleicht jenen gar nicht so seltenen Kommentaren glauben, die eine Wiederkehr der Theorien von Karl Marx wittern.
Ein Indiz dafür ist auch das Marx-Buch von Rolf Hosfeld. Im Untertitel tritt es etwas großspurig als " neue" Biografie auf. Das ist es nicht, und das ist auch sein größter Vorzug. Hosfeld wirft keinen "neuen" Blick auf Marx´ Theorien, sondern einen weitgehend unverstellten, von ideologischen Verklebungen und Verkleisterungen, von politischer Verbiesterung weitgehend freien Blick.
Rolf Hosfeld: Die Geister, die er rief. Eine neue Karl-Marx-Biografie. Piper Verlag, München 2009, 260 Seiten, 19,95 Euro.
Mit gediegenem kompilatorischem Talent resümiert Hosfeld auf nur 222 Seiten mit 670 Fußnoten Marx´ Theorien. Die Zahl der Fußnoten zeigt an, dass der Autor vor allem Marx zu Wort kommen lässt und sich mit Kommentaren und Interpretationen zurückhält. Die übersichtliche und kenntnisreiche Darstellung von Marx´ Arbeiten belegt, dass die mit dem Wort "Marxismus" verbundene Vorstellung eines umfassenden Lehrgebäudes eine Chimäre ist. Mit dem Anspruch, eine geschlossene "Weltanschauung" zu sein, trat erst Friedrich Engels´ "Anti-Dühring" (1876/78) auf. Lenin und nach ihm Stalin bastelten daraus das dogmatische Konglomerat des "Marxismus-Leninismus".
Hosfeld beschränkt die im engeren Sinne biografische Darstellung auf das Nötigste. Sein Hauptinteresse gilt Marx´ Schriften. Dabei zeigt sich, wie stark diese von historisch-politischen Kontexten und seinerzeit aktuellen Debatten geprägt waren. Das gilt besonders für die Artikel, die Marx für die "Rheinische Zeitung" (1842/43) schrieb. Sie beschäftigten sich mit dem, was die liberale Öffentlichkeit bewegte: Pressefreiheit, Pauperismus, Sozialismus, Konstitutionalismus. Zugleich arbeitete sich Marx an der Philosophie Hegels ab und versuchte, Einsichten aus der damaligen politischen Ökonomie oder neue Begriffe wie den der "sozialen Klasse" aufzunehmen.
In den Jahren 1845/46 setzten sich Engels und er mit konkurrierenden zeitgenössischen Intellektuellen wie Ludwig Feuerbach (1804-1872), Bruno Bauer (1809-1882) und Max Stirner (1806-1856) auseinander. Verstärkt gilt der Bezug auf die politische Aktualität für die Schriften zur Französischen Julirevolution von 1848 und dem Bonapartismus Napoleons III. ("Die Klassenkämpfe in Frankreich"; "Der 18.Brumaire des Louis Napoleon") und zur Pariser Commune von 1871 ("Der Bürgerkrieg in Frankreich"). Die drei Texte wurden zu Klassikern der Zeitgeschichtsschreibung.
Erst nach der Niederlage der Revolutionen in Europa und dem erzwungenen englischen Asyl begann Marx systematisch daran zu arbeiten, was man seine Theorie nennen kann, betätigte sich jedoch nebenher aber immer auch als politischer Korrespondent für amerikanische und englische Zeitschriften. Die "Kritik der politischen Ökonomie" - angelegt auf sechs Bände - blieb ein Torso: von den drei Bänden "Kapital" vollendete Marx nur zwei, der dritte und die umfangreichen Vorstudien "Grundrisse" (1857/59) erschienen erst nach seinem Tod.
Die Frage nach der Rückkehr des "Marxismus" führt in eine Sackgasse. Die Marxschen Schriften werden grundiert von geschichtsphilosophischen Voraussetzungen wie jener der "geschichtlichen Mission" des Proletariats oder jener des privilegierten Zugangs einer Klasse zur "richtigen" Gesellschaftstheorie, die man nicht mehr ernsthaft vertreten kann. Diese geschichtsphilosophische Grundierung verführte Marx zu manchen politischen Irrtümern und revolutionstrunkenen Verstiegenheiten. Als System oder umfassende Gesellschaftstheorie hat "der" Marxismus ausgedient. Hegelianisch-marxistische Konzepte wie "Anerkennung", "Verdinglichung" oder "Entfremdung" können jedoch - von ihrer geschichtsphilosophischen Überlast befreit - auch der aktuellen Gesellschaftstheorie Impulse verleihen.
Und auch Marx selbst ist als Gesellschaftskritiker kein toter Hund, denn seine scharfsinnige Gesellschaftskritik hat nichts von ihrer Brisanz eingebüßt. Das gilt für ideologische Verkehrungen wie diejenige, die den Verkäufer seiner Arbeitskraft zum Arbeit"nehmer", den Käufer dagegen zum Arbeit"geber" machen. Wer sich im Chaos der aktuellen Wirtschaftskrise zurechtfinden will, findet bei Marx keine Rezepte, aber Einsichten, die nicht falsch geworden sind, nur weil sie vor 150 Jahren formuliert wurden: Aktien, Derivate, Zertifikate sind nach Marx "papierene Duplikate des wirklichen Kapitals" oder "nominelle Repräsentanten nicht existierender Kapitale", die auf Gewinne in der Zukunft spekulieren. Sie verdoppeln das wirkliche Kapital so wenig wie ein Frachtbrief für eine Maschine die Maschine vergrößert.
An der Börse wird der Handel mit realexistierenden Fiktionen zum "Spiel". Marx nennt solche Papiere deshalb bündig "die Mutter aller verrückten Formen." Die Bewegung des Kapitals wird so zum "Selbstzweck" und "maßlos" - wie verrückt und wie maßlos ist täglich zu besichtigen.