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Literatur

07. Mai 2007

Neues Tor

 Von CHRISTINE PRIES

Klassisch: Suhrkamps Studienbibliothek setzt Maßstäbe

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Um immer noch relativ zahlungskräftige Studenten, Schüler und andere interessierte Laien zum Buchkauf zu bewegen, haben sich die Verlage in den letzten Jahren zunehmend auf einführende Literatur kapriziert: Ob thematisch oder personal ausgerichtet, gibt es mittlerweile kaum einen wissenschaftlichen Teilbereich oder Denker mehr, über den man sich nicht auf die Schnelle informieren könnte. Diese Einführungen etwa aus dem Hause Junius, Campus, Beck oder Reclam Leipzig gelingen mal mehr und mal weniger; häufig hängt es vom pädagogischen Eros des Autors ab, ob die neuerdings auch mit Infokästen, Kurzexkursen und mancherlei Illustrationsschnickschnack versehenen Bücher ihren Zweck erfüllen und ein Tor zur Wissenschaft öffnen - was ehedem allein den legendären "rowohlts monographien" vorbehalten war.

Ein Anfang mit Walter Benjamin

In der Regel wagen sich erst fortgeschrittene Semester an die Lektüre der wissenschaftlichen Klassiker, deren Verständnis in guten Editionen durch Kommentare erleichtert wird - oder sie greifen zu Reihen wie "Klassiker auslegen" (Akademie-Verlag), die zwar nicht die kanonischen Texte wie Kants Kritik der reinen Vernunft oder Adornos Negative Dialektik selbst abdrucken, wohl aber die gegenwärtig einschlägigen Interpretationen einzelner Kapitel zur Kenntnis bringen.

Mit einem alle diese Leser ansprechenden Crossover-Konzept ist letzte Woche der Suhrkamp Verlag auf den Markt gekommen: Die neue Reihe "Suhrkamp Studienbibliothek" präsentiert klassische theoretische Texte in einem Band mit einem ausführlichen Kommentar, der nicht nur einzelne Stellen erläutern, sondern den Text umfassend historisch-systematisch einbetten und die Positionen der Forschung vorstellen soll. Glossar und biographischer Abriss wollen den Laien an die Thematik heranführen, eine kommentierte Auswahlbiographie zum Weiterlesen einladen.

Den Anfang macht Walter Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit mit einem Kommentar von Detlev Schöttker. Zeitgleich erschienen Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Marx' Achtzehner Brumaire, Platons Sophistes und zwei Bände, die Humes Verstandes-Essay und Moralphilosophie gewidmet sind. Im halbjährigen Rhythmus werden weitere Buchpakete etwa mit Hans Blumenbergs Paradigmen zu einer Metaphorologie, Roland Barthes' Lust am Text oder Husserls Cartesianische Meditationen folgen. Die Reihe ist also groß angelegt; wo nötig werden sogar Neuübersetzungen dabei sein.

Benjamins Kunstwerkaufsatz gehört sicherlich zu den am häufigsten zitierten und am seltensten verstandenen Texte der letzten Jahrzehnte. Sorgfältig trennt Detlev Schöttker alle Schichten der verwickelten Entstehungs-, Publikations- und Wirkungsgeschichte. Es ist beeindruckend, was er zusammengetragen hat. Auch die relevanten Briefe von Benjamin etwa an Max Horkheimer werden kommentiert mitabgedruckt. Hier kann der Suhrkamp Verlag aus einem Fundus schöpfen, der in Deutschland seinesgleichen sucht. Da der preiswerte, ästhetisch ansprechend und übersichtlich gestaltete Band akribischsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt - nicht nur Nostalgiker werden sich über die Zeilennummerierung freuen; sie macht die Nutzung des Kommentars zu einem Kinderspiel -, wird er nicht nur Laien, Schülern und Studenten eine Einstiegshilfe bieten; auch weitergehend Interessierte dürften auf ihre Kosten kommen.

Natürlich wird auch der Erfolg dieser Reihe vom Geschick der jeweiligen Kommentatoren abhängen. Doch wenn das Niveau gehalten wird, das Schöttker vorgibt, wird Suhrkamps Studienbibliothek eine maßgebliche Größe werden, an der kein Seminar, aber auch kein anderer, an Theorie interessierter Leser vorbeikommt. Einziger Makel gerade mit Blick auf künftige Studierende: die alte Rechtschreibung im Kommentarteil. Die wirkt mittlerweile gewollt antiquiert.

Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und weitere Dokumente. Kommentar von Detlev Schöttker. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2007, 256 Seiten, 9 Euro.

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