Boy meets girl. Die älteste Geschichte der Welt. Und was ist falsch daran, wenn die junge Frau auch ihren Vater liebt, sogar ein Foto von ihm über ihrem Schreibtisch hängen hat?
Robert, Anfang dreißig, ist Historiker in Berlin. Sein Vater kommt aus Kroatien, lebt aber seit vierzig Jahren in Deutschland. Robert ist hier geboren, hat nie die Sprache seines Vaters gesprochen, nie sich sonderlich mit seinen Wurzeln beschäftigt. Er lernt Ana kennen, eine 17-jährige bosnische Serbin, die in Berlin Germanistik studiert. Er glaubt, in ihr die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Doch bald macht er eine verstörende Entdeckung: Anas Vater ist vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag der Mittäterschaft an der Ermordung von 42 Menschen angeklagt.
Robert fährt nach Holland, verfolgt den Prozess, die erschütternden Zeugenaussagen, die Fangfragen der Anwälte, die unbeteiligte Arroganz des Angeklagten. Es ist der verzweifelte Versuch, die Wahrheit zu erfahren, ein Mittel gegen die Furcht, er könne "aus Liebe sein eigenes moralisches Empfinden hintergehen".
Nicol Ljubic ist selber geborener Kroate und als Sohn eines Flugzeugtechnikers in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften und lebt heute als freier Journalist und Autor in Berlin. Vor vier Jahren hatte sich Ljubic mit seinem Buch "Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde" auf die Suche gemacht nach der eigenen Familiengeschichte. 2002 debütierte er mit dem Roman "Mathildas Himmel", in dem ein junges Mädchen versucht, die seelische Verletzung, die ihr vom Vater zugefügt wurde, durch Flucht zu betäuben.
Auch Ana ist verletzt. Jedes Mal, wenn die Rede auf den Krieg kommt, fühlt sie sich als Serbin stigmatisiert. Niemanden kümmert es dagegen, dass sie mit einem Stipendium für Nachkommen von NS-Opfern in Berlin studiert, da ihre Großmutter von den Nazis als Zwangsarbeiterin nach Leipzig deportiert worden war. Sie kämpft darum, einfach nur als eigenständige Person, als Geliebte wahrgenommen zu werden.
Aber man trifft sich nicht im historischen Niemandsland. Was hat Ana gewusst über die Verstrickungen ihres Vaters, des angesehenen Professors für Anglistik, der Shakespeare liebt und abends Platten von John Coltrane auflegt? Soll er fähig gewesen sein, Menschen in ein Haus zu locken, an das dann von anderen Feuer gelegt wurde? Auch von SS-Leuten weiß man, dass sie nach ihrem Dienst im KZ Mozart hörten.
Robert zweifelt. Warum hat sie nie mit ihm darüber gesprochen? Er sammelt Informationen, fährt auch nach Sarajevo und nach Visegrad, den Ort des Verbrechens, aus dem Ana kommt. Er spricht mit Menschen, die das Grauen erlebt haben. Er selber kennt ja nur die Fernsehbilder. Es sind die nicht miteinander geteilten Schrecken, die Nähe verhindern, begreift er. Er lernt Alija kennen, einen bosnischen Moslem.
Der fährt mit ihm durch die großartige Landschaft und erklärt ihm, dass es eigentlich auch ein Krieg zwischen Land- und Stadtbevölkerung gewesen sei. Die Bauern hätten nun mal ein Leben lang Tiere geschlachtet, "und dann seien es eines Tages keine Tiere mehr gewesen, sondern Menschen; auch daran gewöhne man sich schnell, wenn man schon mal Blut an den Händen habe". Robert fragt Alija, ob er sich vorstellen könne, eine Serbin zu lieben. "Nein, sagte der, eine solche Liebe habe keine Chance."
Ljubic erzählt diese Geschichte einer Liebe auf dem Hintergrund einer bis heute offenen Wunde Europas. Serbien sei, so lässt er einen Historiker sagen, "wahrscheinlich das einzige Land in Europa, das keine Katharsis erlebt hat. Es lebt seit fast zwanzig Jahren mit dem Schuldkomplex, von der Welt isoliert". Aus Opfern können Täter werden, ebenso wie aus Tätern Opfer, und auch die schuldlos Schuldigen können dem Verhängnis nicht entfliehen. "Jeder Mensch ist ein Abgrund", wusste schon Büchner. Über die geschätzten hunderttausend Gräber allein aus dem Bosnienkrieg hinweg wird die Aussicht auf unbeschwertes persönliches Glück zur Illusion.
Ljubic gelingt es trotz der dramatischen Umstände in seinem Roman ein Klima der Besonnenheit und Fairness zu schaffen. Kompositorisch souverän verwebt er poetische Liebesszenen mit nüchternen Abläufen beim Prozess in Den Haag, setzt die gerade in der Sachlichkeit ihrer Schilderung doppelt schockierenden Verbrechen gegen die Gefühle seines Helden. Er trägt mögliche Argumente zusammen, breitet Fakten aus, zeigt uns Bilder gegen das Vergessen und Verdrängen. Denn: "nur durch Erzählen bleibt Erinnerung wach, wer schweigt, hilft den Schuldigen."