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Literatur

10. März 2016

Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“: Alles oder nichts an der Nordsee

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Einfach die See oder Schauplatz unfassbarer kosmischer Vorgänge?  Foto: © epd-bild / Joker / Walter G.

Die altorientalische Göttin Tiamat und die Dame vom Thuler SPD-Ortsverein: Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann treibt sagenhafte Spiele mit uns und der Welt in seinem Debütroman „Der Fuchs“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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Mögliche kosmische Weiterungen hat eine Jugend in Norddeutschland erst vor ein paar Jahren in Jan Brandts Roman „Gegen die Welt“ erfahren. Jericho hieß damals der Ort, der Ich-Erzähler, ein harmloser, aber fantasievoller Junge, wurde möglicherweise von Außerirdischen entführt.

Jetzt ist Thule – noch ein so denkbarer, aber sagenhaft aufgeladener Name –, direkt hinterm Deich gelegen und auch nicht gerade spannend, Schauplatz geradezu unglaublicher Ereignisse. Der Ich-Erzähler, ein harmloser, aber fantasievoller Junge, spielt möglicherweise eine zentrale Rolle in einer überirdischen, Milliarden Jahre vor Beginn unserer Zeitläufte begonnenen Auseinandersetzung weltgefährdenden, -verschlingenden Ausmaßes. Ein Interessensgebiet des Dramatikers Nis-Momme Stockmann, wie sein Stück „Der Mann der die Welt aß“ (2009) oder der Abend „Fuchs frisst Weltraum“ (2012, zusammen mit dem Musikerduo Les Trucs) belegen.

„Der Fuchs“ heißt nun auch der Debütroman Stockmanns, der 1981 auf Föhr geboren wurde. Wie der erste Roman von Roland Schimmelpfennig steht „Der Fuchs“ auf der Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse, und wie das Werk des Kollegen ist auch beim 34-jährigen Stockmann der Begriff Debüt irreführend. Ein bild-, szenen- und texterfahrener Autor legt hier ein aller Bühnenzwänge enthobenes Stück Breitwandliteratur vor.

Schliemann muss auch hier graben

Finn Schliemann heißt der Held, der im Laufe der nächsten 700 Seiten im Zentrum von Ausgrabungsarbeiten stehen wird, die Engagement und Beherztheit erfordern. Zunächst aber trifft man ihn in einer fatalen Jetztzeit an. Thule ist von einer gewaltigen Flut heimgesucht worden, ein Ort „an dem ,Ausnahmezustand‘ und ,Katastrophenschutz‘ statistisch hinter Wörtern wie ,Dünkel‘ und ,Großwildtranquilizer‘ rangierten“. Hilfe von außen ist offenbar nicht zu erwarten, Menschen dürsten im Salzwasser, Leichen treiben vorüber. Auf einem Dach sitzt Finn mit verbleibenden Freunden und beobachtet Szenen, wie sie Quentin Tarantino nicht schauriger hätte erdenken können, der überhaupt für die vehemente Gewalt in Thule ein Vorbild gewesen sein könnte.

Denn in Rückblenden, zu denen Finn durch ein altes Notizbuch angeregt wird, erfährt man nach und nach von einer grauenhaften und unbegreiflichen Mordserie (neben anderen schlimmen Thuler Angelegenheiten). Und es braucht schon Hunderte von Seiten, bis dem Leser klar wird, dass hier der altorientalische Gott Abzu (oder einer seiner, äh, Agenten) nach dem Arm sucht, den vor unendlichen Zeiten sein missratenes Geschöpf Marduk ihm herausgerissen hat, „mühelos, wie man an Weihnachten einen Flügel aus einem butterweichen Entenbraten herausdreht“.

In „Der Fuchs“ hängt alles mit allem zusammen und könnte auch alles Zufall sein: Der Grieche Petros, der den Eingang zu einem Bunker aus der Zeit „von die Hitler“ sucht, auf den Steine reagieren wie magnetisch (das „Portal“, aber wohin?). Die Dame vom Thuler SPD-Ortsvorstand, die einen Springbrunnen bei einem Bildhauer namens Chronos bestellt (der das Projekt nicht überleben wird, aber warum?).

Dies sind einige der Spielebenen: Das Dach in der Flut von Thule. Der Raum, in dem die Urmutter Tiamat versehentlich, zufällig, spontan Abzu erzeugt und lethargisch zu ihrem Gefährten macht. Durch ihn werden die Dinge kompliziert, weil das lineare Hintereinander, auf dem Tiamat bisher „aus organisatorischen Gründen“ bestand, von Abzu durch die Gleichzeitigkeit ersetzt wird. „Mach dir keine Sorgen“, sagt er aber, „ich werde mich um all das kümmern. So kannst du zu Hause bleiben. Gebären und das Nichts am störenden Eindringen hindern. Mit diesem ganzen Kleinkram musst du dich nicht abgeben“. So dass nebenbei auch der Mann sich so aufstellt, wie es auch heute nur allzu vertraut ist.

Hauptschauplatz ist aber Thule vor der großen Flut. Finn ist 1992 zehn Jahre alt, „der Typ mit dem behinderten Bruder, der zugezogenen Mutter, dem toten Vater“, so dass er sich wie seine Freunde zur „Thuler Resterampe“ zählt. Die Szene, in der er vor den gewalttätigen Baschi-Brüdern flieht, ist weit mehr gefährlich als lausbübisch, und umso erheblicher ist die Rettung durch das Mädchen Katja, neu in Thule, sehr cool. Mit den Brüdern spricht sie über Schach. Zu Finn sagt sie: „Alles ist gut. Glaub an dich. Du bist ein Fuchs“ und küsst ihn auch bald auf die Wange („zack!“). Und erzählt die unglaublichsten Geschichten vom Kampf zwischen Gut und Böse. Ausgerechnet in Thule?

Das Buch

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 719 Seiten, 24,95 Euro.

Die Kinder fangen an, der Mordserie nachzugehen, finden einen Arm, von dem noch keiner wissen kann, zu wem er gehört. Wie in einer anständigen Horrorgeschichte gibt es wiederkehrende Motive: Ein Mann mit Zylinder. Ein unangenehmes Geräusch (kri, kri, kriii). Ein mysteriöses Zeichen. Überall die verfluchten Käfer. Finn macht mit und fotografiert auf Katjas Geheiß mit seiner Agfamatic Pocket 4000, was verdächtig ist. Er zweifelt aber auch. Katja will ihn überzeugen. „Ihre Blicke führen einen ausgiebigen Dialog mit meinen inneren Vorgängen. Dialoge mit Inter-, Intra- und Transtextualität, Fußnoten, Literaturhinweisen und Metaleveln.“

Denn Stockmann lässt als Romancier die postdramatischen Grundlagen nicht beiseite. Alles könnte anders sein, fast alles wird ironisch gebrochen, und immer könnte man die Ironie wiederum missverstehen. Stockmann scheint aufs apokalyptische Ganze zu gehen, legt sich aber eigentlich auf nichts fest.

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Finn, der Fuchs, ist abgeklärt und weit gebildeter, als es zu einem Thuler Bestattungs-Lehrling passt. Der Roman „Der Fuchs“ enthält spannende Cliffhanger und spektakuläre Zeitdehner (wie Finns Freund Tille, die arme Nervensäge, ihn über Dutzende von Seiten versucht, zum Zuhören zu bewegen). Das Druckbild bietet spezielle Effekte und in der zweiten Hälfte namentlich immer mehr von Abzus vertrackten Gleichzeitigkeiten. Ein raffiniertes Spiel von einem, der weiß, wie man so etwas herstellt. Und doch bloß ein Spiel. Das ließe sich über „Gegen die Welt“ nicht sagen, auch nicht über Georg Kleins Bücher (zumal über „Roman unserer Kindheit“), an die man mehr als einmal denken darf.

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