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Literatur

07. Dezember 2012

Nobelpreis für Literatur: Mo Yan - im roten Minenfeld

 Von Bernhard Bartsch
Mo Yan und die schöne chinesische Schrift. In Stockholm verteidigte der Autor die Zensur in China. Foto: AFP

Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan sorgt mit Äußerungen über Zensur für Aufregung. Kritiker werfen ihm liebedienerische Angepasstheit vor.  

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Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan sorgt mit Äußerungen über Zensur für Aufregung. Kritiker werfen ihm liebedienerische Angepasstheit vor.

 

Peking –  

Dass die Frage kommen würde, war unvermeidlich: Fast zwei Monate hatte Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan Zeit, sich zurechtzulegen, was er vor der Weltpresse zum Thema Zensur sagen wollte (Auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ belegt China Rang 174 von insgesamt 179 Ländern.). Als es dann am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Nobelpreisfeierlichkeiten in Stockholm soweit war, überraschte Mo Yan mit einem Vergleich.

Mit der Zensur sei es wie mit den Sicherheitskontrollen am Flughafen: Niemand möge sie, aber trotzdem seien sie notwendig. Deshalb existiere in jedem Land Zensur, erklärte Mo Yan. Unterschiede gebe es nur im Grad und in der Art der Umsetzung. „Solange etwas nicht den Tatsachen widerspricht, sollte es auch nicht zensiert werden“, so der 57-Jährige. „Alle Falschinformationen, Verleumdungen, Gerüchte und Beleidigungen sollten zensiert werden.“

Die Antwort löste bei regimekritischen chinesischen Intellektuellen und Internetbenutzern einen Sturm der Entrüstung aus. Denn die Äußerung scheint den Verdacht zu belegen, dass sich der Schriftsteller strenger als notwendig an die Linie der Kommunistischen Partei hält, deren Mitglied er ist. Der normalerweise originell formulierende Autor hielt sich eng an die Wortwahl Pekinger Politiker, die Chinas Zensur ebenfalls mit dem Kampf gegen angebliche Falschinformationen, Verleumdungen, Gerüchte und Beleidigungen rechtfertigen. Und mit dem Flughafenvergleich rückte Mo Yan, der auch stellvertretender Vorsitzender des staatlichen Schriftstellerverbandes ist, Kämpfer für Meinungsfreiheit sogar in die Nähe von Terroristen, beschwerten sich Kritiker.

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„Er sollte sich schämen“, sagte der prominente Künstler Ai Weiwei gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. „Er verteidigt dieses bösartige System.“ Die Chance, sich offensiv für Meinungsfreiheit auszusprechen und damit verfolgte oder bedrohte Schriftsteller oder Künstler zu unterstützen, habe Mo Yan bewusst ungenutzt gelassen. Der im Exil in Deutschland lebende Autor Liao Yiwu erklärte, der Preis für Mo Yan sei „einer der schwersten Fehler, die das Nobelkomitee in ihrer über hundertjährigen Geschichte gemacht hat“.

Kein Unterstützer der Kritiker

Kritik erntete Mo Yan auch dafür, dass er sich in Stockholm nicht zum Fall des in China inhaftierten Friedensnobelpreisträgers von 2010, Liu Xiaobo, äußern wollte. Der Schriftsteller und Demokratieaktivist verbüßt eine elfjährige Haftstrafe wegen angeblicher umstürzlerischer Aktivitäten. Seine Frau Liu Xia steht deshalb ebenfalls ohne Verurteilung seit zwei Jahren unter Hausarrest.

Der Nachrichtenagentur AP, deren Journalisten es kürzlich gelungen war, Liu Xia heimlich zu besuchen, erklärte sie, dass sie nur einmal wöchentlich ihre Pekinger Wohnung verlassen dürfe, um einzukaufen und ihre Eltern zu besuchen. Bei einer Pressekonferenz im Oktober hatte Mo Yan sich auf Nachfrage zwar knapp für Liu Xiaobos „baldige Freilassung“ ausgesprochen.

Die regimekritische Pekinger Autorin Dai Qing reagierte auf Mo Yans Nobelpreis mit einem Witz: "Ich bin der neue Literaturnobelpreisträger, ich komme aus China und mein Name ist: Sag nichts!" Die Pointe ist ein Wortspiel über den Künstlernamen des Schriftstellers beruht. "Mo Yan" heißt in etwa: Nicht reden." Dabei könnte er seinen Status nutzen, um genau das zu tun - wenn er denn wollte.

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